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Wort-in-Bewegung

"Nachklänge"

Wir erfahren täglich, dass der Bedarf nach "geistlicher Nahrung" in der aktuellen Krise sehr groß ist. An jedem Montag veröffentlicht Bundespräses Stefan Eirich einen "Nachklang" zum Evangelium des vorangegangenen Sonntags.

Mit Leidenschaft plädiert er für eine Kirche, die trotz geschlossener Türen und im wahrsten Sinn des Wortes exklusiver Liturgien die Herzen ihrer Gläubigen für die Sorgen und Nöte, aber auch ihre  Freude und Hoffnung offenhält.

"Besessen von der Gewinnmaximierung"

Denn aus vielen Besessenen fuhren unter lautem Geschrei die unreinen Geister aus (Apg 8,7)

Der kurze Hinweis aus der Apostelgeschichte auf das offensichtlich ebenso spektakuläre wie segensreiche Wirken des Philippus – wie Stephanus gehörte er zu den von Aposteln erwählten Diakonen – bietet genug Anlass, um auf eine der markantesten Besessenheiten unserer Gegenwart hinzuweisen: die Gewinnmaximierung auf der Basis schrankenlosen Lohndumpings. Die dramatische Häufung an Corona-Virus-Infizierten in den Reihen der Arbeiterinnen und Arbeiter in der deutschen Fleischindustrie macht auf ein gespenstisches Ausbeutungssystem aufmerksam, das über lange Jahre hinweg der Öffentlichkeit weitestgehend verborgen geblieben ist und mit Blick auf die günstigen Fleischpreise in den Supermärkten vielleicht sogar in Kauf genommen wurde.

Die jetzt allerorten erhobenen Forderungen nach einer schnellen Verbesserung der Lebens- und Arbeitsumstände der Betroffen bleiben meines Erachtens unglaubwürdig, wenn sie sich nicht endlich mit dem eigentlichen Übel befassen. Gemeint sind die längst aus dem Ruder gelaufene Entwicklung des Leiharbeitssektors und dessen schlimmste Form, die Werkverträge. Seit der breiflächigen Ermöglichung von Leiharbeit haben sich die Voraussetzungen für den Personaleinsatz drastisch gewandelt. In schnell wachsendem Umfang haben Betriebe nicht nur bei schwankender Auftragslage auf „atmende“ Randbelegschaften zurückgegriffen, die durch Subunternehmer schnell bereitgestellt  und noch schneller wieder abgezogen wurden. Leiharbeit und das Angebot von Leistungen auf der Basis von Werksverträgen haben sich längst zu einem eigenen Wirtschaftszweig entwickelt, einschließlich umfänglich tätiger Lobbyisten und starker Wachstumsorientierung. So ist der missbräuchliche und ausbeuterische Einsatz von Arbeitskräften selbst ist zum System geworden und für die Fleischbranche von trauriger Systemrelevanz. Doch darf nicht vergessen werden, dass auch die Kirchen selbst durch Ausgründungen und den Einsatz von Beschäftigungsgesellschaften im caritativen Sektor ihrer eigenen sozialethischen Glaubwürdigkeit in den vergangenen Jahrzehnten massiv geschadet haben.

Es braucht Menschen wie Philippus, die mutig gegen die „unreinen Geister“ angehen. Einer davon ist der Sozialpfarrer Peter Kossen, der zu Recht in diesen Tagen im Focus der Aufmerksamkeit steht. Sein Einsatz für menschenwürdige und vor allem faire Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie macht deutlich, weshalb Christinnen und Christen angesichts der dortigen Zustände nicht schweigen können. Sie stellen dem Streben nach der maximalen Durchsetzung einzelner Gewinnstrategien das Gemeinwohl als Grundprinzip für das funktionierende menschliche Zusammenleben entgegen. Es geht ihnen um nicht weniger als um „Das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl“ (Markus Schlagnitweit). Eine wahrhaft pfingstliche Perspektive für unsere Gegenwart! Sie kommt näher, wenn es uns gelingt, sie beispielhaft in die aktuellen Missstände hinein zu übersetzen.

Stefan Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

Zum 1. Mai möchte ich Ihnen ein mir persönlich sehr wichtiges Kunstwerk zeigen: Es trägt den Titel „Mythe“ und stammt von dem Aschaffenburger Bildhauer Helmut Hirte. Ich finde, es passt wunderbar zur beschwingten Stimmung, die uns hoffentlich trotz Corona im Mai zunehmend tragen wird: lebensfroh leuchtende Farben strahlen hier von einem angedeuteten Frauenkörper aus. Typisch „moderne Kunst“ werden Sie jetzt vielleicht einwenden. „Kaum ist auch nur ein Kopf erkennbar und vielleicht noch eine Hand, schon ist die Rede von einem Körper.“

Sie haben Recht! Um hier von einem Körper oder von einem Leib sprechen zu können, brauche ich noch mehr als ein paar angedeutete Gliedmaßen. Genauso verhält es sich beim Blick auf den „Leib“ unserer Gesellschaft. Der Apostel Paulus hat in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth das Zusammenleben und –wirken der Gläubigen vor Ort mit den unterschiedlichen Gliedmaßen eines Leibes verglichen (1Kor 12,12-21). Dieses jahrtausendalte Bild passt auch heute noch. Denn es erzählt viel vom auffällig eingeschränkten Blick auf die Hände und Füße unserer Gesellschaft vor der Coronakrise. Einige Glieder dieses Leibes wurden noch im Januar schlichtweg so gut wie nicht wahrgenommen, obwohl sie für dessen Gestalt und Funktionieren immens wichtig waren und sind. Der Gesamtblick wies ähnliche Aussparungen auf wie sie Helmut Hirte bei seiner Skulptur eingesetzt hat. Nehmen wir als Beispiel die im Pflegedienst der Krankenhäuser und anderer caritativer Einrichtungen tätigen Frauen und Männer! Aktuell werden sie als Corona-Heldinnen und –Helden gefeiert. Dabei wird gerne vergessen, dass sie über Jahre hinweg einem harten Spardiktat unterworfen waren und sich hier wie bei kaum einer zweiten Berufsgruppe Überstunden und verdeckte Mehrarbeit ins schier Unermessliche auswuchsen.

Die Krise lehrt uns, neu hinschauen und dort die für uns tätigen Menschen zu sehen, wo wir zuvor kaum etwas wahrgenommen haben, vielleicht sogar nicht wahrnehmen wollten. Nun erhalten sie das Prädikat „systemrelevant“. Diese allenthalben vernehmbare Würdigung der Pflegekräfte in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und Seniorenheimen darf deshalb nicht bei schönen Worten stehen bleiben. Das neu gewonnene gesellschaftliche Ansehen muss sich auch durch eine adäquate Entlohnung und bessere Arbeitsbedingungen ausdrücken.

Für Christinnen und Christen sollte diese Forderung eine Selbstverständlichkeit sein. Ob religiöse Gemeinschaft oder Gesellschaft – glaubende Menschen haben den ganzen Leib im Blick. An diesem Leib kann und darf es keine Lücken und Aussparungen geben. Mit der Klassifizierung von „systemrelevant“ und notwendigerweise „nicht-systemrelevant“ könnten neue blinde Flecken in der gesamtgesellschaftlichen Wahrnehmung entstehen. Aus dem Blickwinkel des Glaubens geht es nicht nur um bestimmte Berufe, sondern weit darüber hinaus um eine Berufung. Wir Christinnen und Christen haben eine systemrelevante Berufung, die nicht durch unsere Leistung gekennzeichnet ist, sondern durch das, was wir für andere sind.

In diesem Sinn bietet das faszinierende Kunstwerk mit dem Namen „Mythe“ viele Anregungen zum Weiterdenken: Ja, die Leerräume lassen uns an die Menschen denken, deren große Bedeutung für uns bisher zu wenig gewürdigt wurde. Vor allem aber verführen die Lücken im angedeuteten Körper zur Frage, wo mein persönlicher Platz im Gesamt des Leibes ist und welchen Freiraum vielleicht nur ich schon jetzt im „Corpus Christi“ ausfüllen könnte. 

Hätten Sie vor einem Jahr am Weißen Sonntag daran gedacht, dass Ihnen beim Hören des für diesen Tag stets gleichen Evangeliums vom „ungläubigen Thomas“ ganz andere Bilder vor Augen stehen würden als noch an Ostern 2019? Sehr viele Menschen denken 2020 bei den Stichworten „Angst“ und „verschlossene Türen“ an die eigene nicht selten beklemmende Situation und an die soziale Distanzierung, die sie längst verinnerlicht haben. Mitten in der Krise seiner Jüngerinnen und Jünger erscheint Jesus und spricht ihnen den Frieden zu. Und bei uns? Zumindest mein persönliches Erleben der diesjährigen Ostertage hat den Auferstandenen noch nicht so richtig im Blick.

Daher klingen die von Johannes ausdrücklich erwähnten verschlossenen Türen, hinter denen sich die Anhänger Jesu verschanzt haben, sehr stark in der ganzen Kraft ihrer Bildlichkeit in mir fort. Denke ich an die Fernsehübertragung vom Ostergottesdienst des Papstes im verriegelten Petersdom, die konsequent jede auch noch so flüchtige Andeutung der Welt außerhalb unterließen, oder an die unzähligen Livestreams von Gründonnerstagsliturgien, die meistens mit der Dauereinblendung der Monstranz endeten, dann stellt sich mir in aller Dringlichkeit eine einzige Frage: erscheint hier der auferstandene Christus? Es genügt auf Dauer nicht, den fragenden Thomas  auf die Realpräsenz in fast leeren Kirchenräumen hinzuweisen.

Mich bewegt, dass zumindest bei einem Teil der Öffentlichkeit der Eindruck entstanden ist, das kirchliche Leben erschöpfe sich in der Abhaltung feierlicher Gottesdienste. Zu Recht taucht die Frage auf, ob denn Christinnen und Christen im Kontext der Coronakrise noch andere Probleme sähen, als das aktuelle Verbot von liturgischen Versammlungen. Dabei engagieren sich gerade in den menschlichen Herausforderungen dieser Wochen und bald Monate mehr Frauen und Männer aus ihrer persönlichen Glaubensüberzeugung heraus als je zuvor. Sie tun es mit einer derartigen Selbstverständlichkeit und Spontaneität, dass ihre christliche Motivation nicht großartig zur Sprache kommt. Für den fragenden Thomas, der sich erst zufrieden geben wird, wenn er die Wunden Jesu gesehen und berührt hat, haben sie eine Antwort, die überzeugt: den Hinweis auf die Gegenwart des Auferstandenen in den von der Coronakrise gebeutelten und unter ihren Auswirkungen leidenden Schwestern und Brüdern. Hier haben ihn die vielen Engagierten selber gefunden, hier ist er ihnen erschienen – in einer Welt, die aus Angst sämtliche Pforten, Haustüren genauso wie Grenztore verschlossen hat.

Auch für die Glaubensgemeinschaft der Kirche stellt sich die Frage nach den „systemrelevanten Berufen“, besser: nach den „systemrelevanten Berufungen“.  Wie im ganz normalen Leben  sind es zumeist die „kleinen Leute“, die eine faszinierende und hoffnungsvolle Antwort geben: mit ihrem caritativen Handeln sind sie der schönste Hinweis auf den Auferstandenen und das österliche „Alles wird gut“. 

Österliche Freiheit in Zeiten von Corona Krise - Nachklang zum Osterfest

Liebe Schwestern und Brüder,

Wann haben Sie sich das letzte Mal so richtig frei gefühlt? Und: Wie war das? Was hat zu Ihrer Freiheit beigetragen? Und: Was unterscheidet diesen Zustand möglicherweise von ihrer jetzigen Lebenssituation?

Ostern ist das Fest der Freiheit. Was aber bleibt davon übrig in einer Zeit mit Kontaktverboten, verwaisten Arbeitsplätzen, Schulen und Kitas? Mein Blick fällt häufig auf die Wohnungen in den Mietshäusern, die meinem Büro hier in Köln gegenüberliegen und ich frage mich: wie ertragen die hier und anderswo in den Städten und Dörfern auf engem Raum lebenden Menschen die schnell gewachsene physische und psychische Beengung?

Eine uralte Befreiungsgeschichte

Mitten in dieser Zeit erlebter Unfreiheit gehen wir durch die Karwoche und feiern Ostern. Das wichtigste Fest unseres Glaubens erzählt rückblickend eine uralte Befreiungsgeschichte: die Errettung des Volkes Israel aus der Sklaverei Ägyptens. Jahrzehntelang hatten die Nachkommen ehemaliger Arbeits- und Hungermigranten für die Pharaonen Frondienste auf deren Großbaustellen leisten müssen. Dann wird unter dramatischen Umständen aus einer Schar von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern ein Volk von freien Menschen. Dieses Ereignis ist so einschneidend, dass die Israeliten bis heute Gott als den verehren, der sie „herausgeführt hat aus Ägypten, aus einem Sklavenhaus.“ Aber worin besteht ihre Freiheit? In einem langen Lernprozess – die Bibel spricht symbolisch von 40 Jahren – begreifen diese ehemaligen Sklavinnen und Sklaven, dass ihnen die Freiheit gleich doppelt von Gott geschenkt worden ist: als äußere Freiheit, die dem Zusammenleben mit anderen gilt, und als eine innere, die ich haben muss, um wirklich frei zu sein.

Äußere …

Viele von uns erleben gegenwärtig eine nie dagewesene Einschränkung ihrer äußeren Freiheit. Die meisten von uns halten es kaum noch aus, bis sie endlich wieder das tun und lassen können, was sie für richtig halten. Aber wie frei sind wir denn selbst ohne Coronakrise in unseren Entscheidungen? Kann ich wirklich tun und lassen, was ich will? Nein! Äußere Freiheit bedeutet, die Freiheit der anderen mit zu bedenken. Mehr noch: bewusst Verantwortung für deren Wohlergehen mit zu übernehmen. Wer in einer Beziehung oder Familie lebt, hat das längst auf dem Schirm und auch Singles verfügen über entsprechende Erfahrungen. Als Gesellschaft im Ganzen tun wir gerade mit Blick auf die alten und gefährdeten Menschen nah und fern nichts anderes. Um ihretwillen sagen wir „Ja“ zur Einschränkung unserer Freiheit. Natürlich müssen wir aus dem momentanen Stillstand wieder herauskommen. Dies kann aber nur dauerhaft gelingen, indem wir Freiheit und Verantwortung neu aufeinander abstimmen. Ich schlage Ihnen vor, schon jetzt mit dem Nachdenken darüber zu beginnen, gewissermaßen als Anfang Ihrer persönlichen „Exit-Strategie“.

… und innere Freiheit

Denn dann braucht es Menschen, die innerlich frei sind. Einige der Unfreiheiten und Abhängigkeiten, mit denen wir bislang irgendwie so recht und schlecht zurechtgekommen sind, wachsen sich in diesen Tagen zu harten Belastungen aus: das Bedürfnis nach dauerndem Feedback, das permanente Schielen nach Ablenkung, die Scheu vor der Aufarbeitung von Konflikten und vieles mehr. An Ostern aber feiern wir, dass alles das, was uns bedrückt, nicht das letzte Wort haben wird.

Die Freiheit feiern

Deshalb ist es richtig, das Osterfest auf dem Termin mitten in der Krise zu belassen. Verstehen wir das als Chance und einmaliges Angebot, uns als österliche Menschen zu begreifen und das mit einem festlichen Mahl zu feiern. Feiern wir, dass Christus uns durch seine Rettung aus dem Tod eine unzerstörbare innere Freiheit dazu schenkt, Angst und Kleinmut, Schuldgefühlen und Erwartungsdruck, Neid und Hass frei gegenüberzutreten. Der Auferstandene ist ganz er selbst. Und genau das hat er auch uns geschenkt: österlich freie Menschen zu sein und immer mehr zu solchen zu werden. Daher kann und soll jede und jeder mit Christus sagen: Ich bin ich selbst, äußerlich und innerlich frei. Wir waren einst Knechte und Mägde. Als Freie wollen wir das Leben und die Gesellschaft gestalten - auch in Zeiten des Coronavirus.

Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

„Jesus zieht in Jerusalem ein“. Dieser Kehrvers gesungen von einem herrlich dissonanten Kindergartenchor erklingt in mir ohrwurmgleich seit Jahren an jedem Palmsonntag und begleitet mich durch die Karwoche. Kinder und Familien, alte und junge Menschen mit grünen Zweigen in den Händen versammeln sich zum festlich fröhlichen Einzug in Kirche, wo die Stimmung dann urplötzlich in den Ernst der Passionserzählung umschlägt – wie vermisse ich das alles in diesem Jahr!

Von der Theorie zum Praxistest

„Als er in Jerusalem einzog, geriet die ganze Stadt in Aufregung“ (Mt 21,10). Was in der Liturgie zum Palmsonntag als Ortswechsel besungen und nachvollzogen wird, beschreibt das Matthäusevangelium als Eintritt Jesu in einen neuen Handlungsraum. Durch das Stadttor betritt er die Bühne des städtischen Lebens. Hier wird er in den darauffolgenden Tagen bejubelt, hinterfragt, zerrissen und verworfen. Mit seinem Einzug tritt er endgültig heraus aus dem lebensfrohen, ländlichen bzw. kleinstädtischen Setting von Galiläa und verlässt, um es pointiert zu sagen, den ruhigen Bereich der „Theorie“. Ab Palmsonntag stellt er sich mit seiner Lehre vom anbrechenden Reich Gottes dem ultimativen Praxistest. Sein Einzug ist so gesehen in Wahrheit ein Auszug.

Aufbruch aus der Selbstbeschaulichkeit

Auch wenn wir dies in den Tagen der Corona-Krise wohlmöglich nicht so stark wahrnehmen: Mehr denn je geht es für die Kirche um den bewussten Aufbruch aus einer Form von Glauben und Glaubensgemeinschaft, mit denen die Versuchung einer komfortorientierten Überschaubarkeit und Ruhe einhergeht. Kurz vor seiner Wahl sprach Papst Franziskus von Christus, der an der Tür steht und anklopft. Dieses Bild erklärte er so: „Christus klopft aus dem Inneren der Kirche an und will hinausgehen“ – hinaus aus einer mit sich selbst beschäftigten Kirche in den Praxistest einer krisengeschüttelten Welt. Wer mit ihm hinaustritt, entdeckt, dass seine Botschaft in mancherlei säkularem Gewand längst weit verbreitet ist. Der frohen Botschaft entsprechen der selbstlose Einsatz von Medizinpersonal und das große Netzwerk an Helfenden um dieses herum, die Wertschätzung für und der Kampf um jedes Menschenleben und das zumindest ansatzweise Denken von einer großen „Menschheitsfamilie“. Mit Christus heute nach Jerusalem hinauszuziehen heißt, für die Grundwerte des Christentums einzustehen: ein „Leben in Fülle“ besonders für die Schwächsten und den Aufbau einer Welt, in der Gerechtigkeit und Wahrheit, Freiheit und Frieden, Solidarität und Geschwisterlichkeit eine Heimat finden. Wir erleben heute einen wahren Härtetest für unseren Glauben und dessen Praxis. Stellen wir uns ihm! Im Sinne des von Hilde Domin verfassten Gedichtes „Bitte“, einem der für mein persönliches Leben wichtigen Texte, vertraue ich auf die verwandelnde Kraft des Engagements in dieser Krise:

 Wir werden eingetaucht
und mit dem Wasser der Sintflut gewaschen,
wir werden durchnässt
bis auf die Herzhaut.

Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
taugt nicht,
der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten,
der Wunsch, verschont zu bleiben,
taugt nicht.

Es taugt die Bitte,
dass bei Sonnenaufgang die Taube
den Zweig vom Ölbaum bringe.
Dass die Frucht so bunt wie die Blüte sei,
dass noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden.

Und dass wir aus der Flut,
dass wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst
entlassen werden.

(aus: Hilde Domin, Gesammelte Gedichte, S. Fischer Verlag Frankfurt 1987, 117)

Stefan Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

Köln, 30.3.2020. „Ich hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf“. Angesichts der ausgestorbenen Straßen in den Städten und Dörfern und gefühlt immer enger werdenden Wohnungen bietet der Prophet Ezechiel mit dieser Verheißung einen Ohrwurm der Extraklasse. Schon beim ersten Hinhören meldet sich bei mir die im Krisenalltag klein gehaltene Sehnsucht nach der Rückkehr ins Leben, ins normale Leben mit seinen spontanen Begegnungen, Verabredungen und Zusammenkünften. Die Rettung aus der gegenwärtigen Friedhofsstimmung ist eine Verheißung mit zahllosen Adressaten: sie gilt Menschen, die sich in ihrer Panik mit gehortetem Toilettenpapier einmauern; Menschen, die von der Angst um ihre berufliche Zukunft schier erdrückt werden; Menschen, die sich in ihrer Einsamkeit nun endgültig wie im Gefängnis fühlen – und vielen mehr.

Aussicht auf ein Ende der Lebenseinschränkungen

Selten scheint eine biblische Botschaft derart punktgenau gepasst zu haben wie in Zeiten von Corona. Doch die prophetische Ankündigung reicht tiefer als die dringend benötigte Aussicht auf ein Ende der aktuellen Lebenseinschränkungen.  Sie gilt den jeweiligen Gräbern, die sich das Volk Israel vor zweieinhalbtausend Jahren geschaufelt hat und die wir heute ausheben. Zu Lebzeiten des Ezechiel wurde mit dem Bild des Gräberfelds die Situation eines Volkes beschrieben, das nach zwei Deportationswellen fast aufgehört hatte zu existieren. Es war in der sogenannten „babylonischen Gefangenschaft“ wie lebendig begraben. Ezechiel setzt sich in scharfer Kritik mit den Ursachen auseinander, die in der Gesellschaft seiner Zeit in die Katastrophe geführt haben. In langen Rückblicken beschreibt er die im Vierteljahrhundert vor der totalen Niederlage des judäischen Kleinstaats weithin grassierende Gewalt, den ausufernden Machtmissbrauch und die immensen soziale Verwerfungen als wachsenden Friedhof einer geschundenen Gesellschaft.

Schaut auf die millionenfach drohende Altersarmut

Daher verstehe ich seine Botschaft weniger als willkommenen Hoffnungsimpuls, sondern als dringende Aufforderung: Schaut auf die Gräber in eurem gesellschaftlichen Zusammenleben und hebt keine neuen aus! Schaut auf die tiefen Gräben, die euer soziales Gefüge unmittelbar vor der Krise durchzogen haben und auf die, die darin verschwunden sind: auf den erschreckend hohen Anteil an prekären Arbeitsverhältnissen; schaut auf die millionenfach drohende Altersarmut; schaut auf den nach wie vor zu geringen Mindestlohn!

Richtige Zeitpunkt der Beendigung

Unterlasst es, die Überwindung der Krise mit der Anlage weiterer Gräber, ja ganzer Friedhöfe zu beschleunigen. Zu einem solchen könnte sich die dauerhafte Anwendung einer der fünf vom Imperial College in London vorgeschlagenen Maßnahmen zur Überwindung der Krise entwickeln: die (natürlich nicht offen als solche bezeichnete) langfristige Isolation von Seniorinnen und Senioren ab einem gewissen Alter, um sie vor dem Virus und den Rest der Gesellschaft vor einer personellen wie materiellen Überhitzung des Gesundheitssystems zu schützen.  Natürlich ist es schwierig, die nötigen Maßnahmen in deren Wechselwirkung zur Gesamtgesellschaft gut auszutarieren und den richtigen Zeitpunkt für deren Beendigung zu finden. Es muss aber in jedem Fall eine dauerhafte Kennzeichnung und Abschottung von Menschen ab einem gewissen Alter vermieden werden. 

Hinwendung zur Generation 70-Plus

Überlegungen dieser Art treffen die in diesen Tagen weithin praktizierte Solidarität, ja die vielfach aufopfernde Hinwendung vieler junger Menschen zur Generation 70-Plus ins Mark. Gerade eben ist das Zusammenleben der Generationen menschlicher geworden;  alte Menschen werden aus dem Grab gesellschaftlicher Marginalisierung geholt. Ihre dauerhafte Trennung vom Rest der Gesellschaft würde diese in der DNA ihrer intergenerationellen Grundverabredungen zerstören. Meiner Meinung nach käme es zur Verfestigung einer kaum noch überwindbaren Zweiteilung: auf der einen Seite des Grabens die „jungen“ Leistungsträger, deren Schutz höchste Priorität hat. Auf der anderen Seite die kaum noch überschaubare Gruppe der Alten und sonstigen Risikoträger. Hier wird diese Gesellschaft dann einen neuen, ummauerten Friedhof habe. Ganz nebenbei: Der gegenwärtig inflationär verwendete Begriff der „Bedrohung“ ist längst schon ambivalent: ältere Menschen sind nicht nur einer gesteigerten Bedrohung ausgesetzt. Aus einer bestimmten zu engen wirtschaftlichen Betrachtungsweise heraus stellen sie am Ende selbst eine Bedrohung dar.

„Ich hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraus“. Die Weichenstellungen für die „Exit-Strategie“ aus der Krise werden wesentlich darüber entscheiden, ob sich diese Vision für unsere Gesellschaft auf Dauer erfüllt, oder ob es an deren Ende noch mehr Gräber geben wird als zuvor. Mit anderen Worten: Natürlich müssen wir Corona mit allen Mitteln entgegentreten. Doch darf dieser Kampf nicht um jeden Preis geführt werden, schon gar nicht, wenn dabei unsere Gesellschaft auseinander fallen würde. Im diesem denkbar schlimmsten aller Folge-Szenarien wäre dann nur festzustellen „Operationen gelungen, Patient tot.“

 

Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschland

Köln, 22.03.2020. Manchmal wirkt ein bestimmter Satz aus einem Sonntagsevangelium wie ein Ohrwurm. Wenn man ihn dann auch noch unter den Vorzeichen der akuten Coranakrise zu hören bekommt, wird man ihn kaum noch los. In seiner am Vierten Fastensonntag vorgelesenen Erzählung von der Heilung eines Blinden platziert der Evangelist Johannes den Ohrwurm gleich zu Beginn: „Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst, oder seine Eltern, so dass er blind geboren wurde?“ (Joh 9,2). Nach damaliger religiöser Vorstellung eine völlig normale Frage. Blindheit als eine Strafe Gottes für eine schwere Sünde oder, wie die Jünger vermuten, die Geburt eines blinden Kindes als Vergeltung für die Verfehlungen der Eltern.

„Wer hat gesündigt? Wer ist schuld?“  Die Frage der Jünger ist nicht nur zeitbedingt, sondern liefert meiner Meinung nach ein damals wie heute gängiges Bewältigungsschema für eine ebenso diffus wie bedrängend erfahrene Bedrohung. Diese verliert an Schärfe, wenn sich eine Ursache, noch besser aber, ein Verursacher identifizieren lässt. Doch mit dieser Art von „Ursachenforschung“ geht ein Infektionsrisiko einher, das jenes der realen Ansteckungsgefahr durch den Virus bei weitem übertrifft. Populistische Schuldzuweisungen, wie sie Donald Trump gegenwärtige in Richtung China richtet, die Fokussierung der chinesischen Medien auf einreisende Ausländer als eigentliche Gefahrenquellen und weitere, zahlreiche gegenseitige Stigmatisierungen weltweit tragen wesentlich dazu bei, die Nationen noch mehr als vor der Krise auf Abstand zu halten. Doch auch in unserem Land nehmen Verschwörungstheorien und die Suche nach „Schuldigen“ im Diskurs der sozialen Medien einen beängstigend breiten Raum ein: vor einigen Wochen begann es mit dem Virusverdacht bei fernasiatisch aussehenden Menschen; aktuell wird mit dem Finger auf ein „paar Unvernünftige“ gezeigt, die sich noch immer in Gruppen treffen oder wortwörtlich „in Scharen“ herumziehen; in naher Zukunft wird vielleicht den heutigen Entscheidern aus Medizin, Politik und Wirtschaft ein erhebliches Maß zumindest an „Mitschuld“ zugeschoben. Hier zeigt sich der mentale Coronavirus. Er wird noch viel länger und mit größeren Schäden wirken als seine materielle Erscheinungsform.

„Wer ist schuld?“ Die sich im Johannesevangelium an die Begegnung mit dem Blinden und dessen Heilung anschließende Auseinandersetzung macht klar, dass diese Frage nicht nur falsch gestellt, sondern an sich falsch ist.  Die Antwort Jesu lautet: „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden.“ (Joh 9,3). Ich verstehe darin die Aufforderung, dass wir uns nach dem Vorbild der ersten Christen mit den Katastrophen unserer Zeit intensiv auseinandersetzen und versuchen sollen, ihnen einen religiösen Sinn jenseits der Suche nach Schuldigen abzugewinnen. Noch mehr aber sollten wir uns mit Nachdruck dafür einsetzen, dass aus dem aktuellen Geschehen die entsprechenden politischen und sozialethischen Konsequenzen gezogen werden. Dabei ist es durchaus richtig, unter Verzicht auf Schuldzuweisungen nach Schuldzusammenhängen zu suchen. Die Welt „vor Corona“ hat hierzu einiges zu bieten!

In weniger als drei Wochen feiern wir Ostern. Die Rahmenbedingungen unseres höchsten Festes werden in diesem Jahr denkbar „seltsam“ sein. Aber die Botschaft ist und bleibt unverändert: der „Ohrwurm“ vom Gott Jesu Christi, der die Schuldzusammenhänge dieser Welt durchbricht und einen Neuanfang ermöglicht.

Stefan-B. Eirich, KAB Bundespräses

Endlich richtig hinschauen! - KAB Bundespräses Stefan B. Eirich zum 1. Mai

Die Corona-Krise lehrt uns, neu hinschauen und dort die für uns tätigen Menschen zu sehen, wo wir zuvor kaum etwas wahrgenommen haben, vielleicht sogar nicht wahrnehmen wollten. Nun erhalten sie das Prädikat „systemrelevant“. Diese allenthalben vernehmbare Würdigung der Pflegekräfte in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und Seniorenheimen darf deshalb nicht bei schönen Worten stehen bleiben. Das neu gewonnene gesellschaftliche Ansehen muss sich auch durch eine adäquate Entlohnung und bessere Arbeitsbedingungen ausdrücken.

Der Osterimpuls

Stefan B. Eirich spricht in seinem Osterimpuls über die österliche Freiheit in Zeiten der Corona-Krise.

KAB Bundespräses Stefan B. Eirich

Der KAB-Bundespräses in seinem monatlichen Podcast über die geistliche Seite der Corona-Krise

Was ich schon jetzt vermisse - drei Fragen an Bundespräses Stefan-B. Eirich

KABOnline: Herr Eirich, auch wenn der totale Shutdown noch nicht komplett stattgefunden hat, so ist das öffentliche Leben dennoch fast zum Erliegen gekommen. Auch der private Bereich ist von immer mehr Einschränkungen betroffen. Was vermissen Sie schon jetzt?

Eirich: Die Begegnungsmöglichkeiten mit Menschen, die mir am Herzen liegen. Beispielsweise meine Eltern: Schon Anfang März hat das Altenwohnheim, wo sie leben, den Zugang stark reduziert und Ende vergangener Woche dann gänzlich untersagt. Natürlich telefonieren wir miteinander. Aber die beiden auf unabsehbare Zeit nicht besuchen zu können, damit muss ich erst einmal fertig werden. Hinzukommt, dass ich bislang auch mit Freunden lieber von Angesicht zu Angesicht Kontakt gehalten habe. Ich bin nun einmal kein großer und schon gar nicht strukturierter "Digitalkommunikator" - kurzfristige Verabredungen liegen mir mehr.

KABOnline:  Der uns auferlegte Verzicht auf direkte soziale Kontakte erinnert ein wenig an die beliebte Frage nach den drei wichtigsten Dingen, die man auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Welche drei sind für Sie in diesen Tagen wichtig?

Eirich: Beim ersten Ding muss ich ein bisschen mogeln, denn es geht um einen ganzen Stapel an ungelesenen Büchern, Romane und Fachliteratur, auf die ich schon lange neugierig bin. Zweitens ist da mein Klavier einschließlich Noten. An dritter Stelle wäre da noch ein Koffer mit liturgischen Gegenständen, obwohl es sich irgendwie falsch anfühlt, Gebet und Liturgie ohne andere zu leben. Gerade in den Kar- und Ostertagen wird das sehr schwer werden.

KABOnline: Damit sprechen Sie das an, was für die meisten von uns bislang schier undenkbar ist: wochenlang mit sehr eingeschränkten Gemeinschaftsmöglichkeiten zurecht kommen zu müssen.

Eirich: Ja, man muss schon ziemlich um die Ecke denken, um zu begreifen, was gerade abläuft. Die Bilder in den Medien zeigen, wie sehr wir uns nach Gemeinschaft und Kontakt, Berührung im wahrsten Sinn des Wortes sehnen und nun sollen wir in kürzester Zeit zu einer großen Gemeinschaft von "Gemeinschaftsentbehrern" werden. Aber Selbstmitleid hilft da nicht. Ich selber habe mir vorgenommen, in den nächsten Wochen gerade mit denen Verbindung aufzunehmen und zu halten, von deren Einsamkeit ich weiß. Weil es mir aber auch darauf ankommt, einen handfesten Beitrag leisten zu können, hoffe ich, mich bald im Rahmen eines der vielen spontan entstandenen Hilfsangebote engagieren zu können.

Anmerkung der Redaktion: in loser Abfolge werden Sie hier weitere Kurzinterviews finden.
Gerne können Sie uns auch über die drei "Dinge" schreiben, die Sie in den Tagen der Corona-Krise vermissen. Richten Sie Ihre Mail an stefan.eirich@kab.de.

Gebet

Beten wir für alle Menschen, die am Corona-Virus erkrankt sind,
für alle, die Angst haben vor einer Infektion,
für alle, die sich nicht frei bewegen können,
für die Ärztinnen und Pfleger, die sich um die Kranken kümmern,
für die Forschenden, die nach Schutz und Heilmittel suchen,
dass Gott unserer Welt in dieser Krise seinen Segen erhalte.

Allmächtiger Gott, du bist uns Zuflucht und Stärke.
Viele Generationen vor uns haben dich als mächtig erfahren, als Helfer in allen Nöten.
Beschütze uns vor einer Erkrankung durch den Corona-Virus.
Gib uns Klugheit in der rechten Sorge um unsere Gesundheit, frei von Ängstlichkeit als auch von
Gleichgültigkeit. Stärke unser Vertrauen.
Steh allen bei, die von dieser Krise betroffen sind, tröste ihre Familien,
gib den Verantwortlichen in den Regierungen Weisheit,
den Ärzten, Krankenschwestern und Freiwilligen Energie und Kraft,
den Verstorbenen das ewige Leben.
Uns stärke im Glauben, dass du dich um jede und jeden von uns sorgst und
dass unser Leben in deiner Hand geborgen ist.

Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

© Pfr. Stefan Mai, Gerolzhofen

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