Diese Website benutzt Cookies. Wenn Sie auf "Akzeptieren" klicken, stimmen Sie dem Einsatz von Cookies gemäß unserer Datenschutzerklärung zu.

Wort-in-Bewegung

Die Auslegung biblischer Texte und das geistliche Nachdenken über wichtige Gedenk- und Feiertage im Laufe eines Jahres darf kein frommer Selbstzweck sein. In seiner am 4.10.2020 veröffentlichten Enzyklika „Fratelli tutti“ sagt es Papst Franziskus den Verkünderinnen und Verkündern des Evangeliums in aller Deutlichkeit: „Es wichtig, dass die Katechese und die Predigt auf direktere und klarere Weise die soziale Bedeutung der Existenz, die geschwisterliche Dimension der Spiritualität, die Überzeugung der unveräußerlichen Würde jedes Menschen und die Beweggründe, um alle zu lieben und anzunehmen, einbezieht.“(FT 86)

Dieser Verpflichtung will sich der Bundespräses der KAB Deutschlands, Stefan Eirich, in den hier veröffentlichten Beiträgen stellen. Er plädiert dabei mit Leidenschaft für eine Kirche, die mit Rat und vor allem Tat für die Sorgen und Nöte, aber auch die Freude und Hoffnung der Menschen in Nah und Fern da ist.

"Lieber Sturm als Flaute"

„Meister kümmerst es dich denn nicht, dass wir zugrunde gehen?“ (Mk 4,38) Was mit einer friedlichen Bootsreise in einer leichten Abendbrise beginnt, endet für die Jünger Jesu mit der Todesfurcht inmitten eines Wirbelsturms. Mit einem Schrei aus existenzieller Bedrohtheit wecken sie ihren schlafenden Meister und Freund. Seit jeher wird dieses dem Wind und den Wellen preisgegebene Boot mit der Kirche gleichgesetzt. Wer den Petersdom in Rom betritt, wird in der Eingangshalle von einem auf Giotto zurückgehenden Mosaik begrüßt, das die Seesturmszene in der Zuspitzung des Matthäusevangeliums zeigt.

Ich muss an die Dramatik denken, mit der Papst Franziskus zu Beginn der Coronakrise die Situation der Kirche, ja da ganzen Menschheit ins Wort gebracht hat: „Wie die Jünger des Evangeliums wurden wir von einem unerwarteten heftigen Sturm überrascht. Uns wurde klar, dass wir alle im selben Boot sitzen, alle schwach und orientierungslos sind, aber zugleich wichtig und notwendig, denn alle sind wir dazu aufgerufen, gemeinsam zu rudern, alle müssen wir uns gegenseitig beistehen.“ Und weiter: „Der Sturm legt unsere Verwundbarkeit bloß und deckt jene falschen und unnötigen Gewissheiten auf, auf die wir bei unseren Plänen, Projekten, Gewohnheiten und Prioritäten gebaut haben. Er macht sichtbar, wie wir die Dinge vernachlässigt und aufgegeben haben, die unser Leben und unsere Gemeinschaft nähren, erhalten und stark machen.“ (Ansprache 27. März 2020).

Doch, so paradox es klingen mag, steckt die Kirche zumindest in unserem Land gleichzeitig in einer lebensbedrohlichen Flaute. Kardinal Marx spricht in seinem Rücktrittsgesuch vom „gleichsam toten Punkt“. Ich persönlich sehe, wie das Schiff der Katholischen Kirche inmitten der deutschen Gesellschaft mit schlaff herunterhängenden Segeln fernab der Handels- und Reiserouten zum Stillstand gekommen ist. Es scheint so, dass die Besatzung dies noch nicht einmal gemerkt hat. Dafür sind ihre Mitglieder nach wie vor viel zu sehr mit Rangeleien, Machtkämpfen und interner Abgrenzung beschäftigt. Woanders, fern und nah, toben die Stürme: Papst Franziskus hat einen der schlimmsten benannt; andere gehen wie die Radikalisierung unserer Gesellschaft, der Abbau von sozialen Standards in der Arbeitswelt und die sich noch weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich fast unmittelbar aus der Pandemie hervor. Doch nichts von dem kommt bei der Mannschaft und ihren Offizieren wirklich an. Viel wichtiger sind Fragen wie „Wer gegen wen“, „Welches Argument aus welchem Lager“ und „Wer ist der Freund meines Feindes“. Das eigentlich Bedrohliche an dieser Windstille ist aber, dass sich fast niemand mehr für diese Seeleute interessiert. Es ist schlichtweg belanglos, wer sich auf diesem Schiff durchsetzt. Und: welche Relevanz können denn die Mitteilungen von der Leitung eines solchen Schiffes überhaupt haben? Nur wenige Besatzungsmitglieder haben das wahre Bedrohungspotenzial dieser Situation erkannt. Wirkliche Angst scheint hier niemand zu haben. Noch gibt es ausreichend Vorräte an Bord und eine mit den Geschichten von alter Herrlichkeit gut bestückte Schiffsbibliothek. Braucht es denn Jesus auf diesem Schiff noch?

Ist der Gedanke, dass dieses Schiff und seine Mann- bzw. Frauschaft nur noch ein Sturm retten kann, zu ketzerisch? Es würde schon viel helfen, wenn sich die Genannten endlich wieder den Stürmen der Gegenwart zuwenden würden! Was hält sie davon ab? Die dann unvermeidbare Frage nach Glauben und Unglauben? Das unbekannte „andere Ufer“? Aber, was kann für die Jüngerinnen und Jünger Christi schlimmer sein, als abseits der „Freude und Hoffnung“ und der „Trauer und Angst“ der Menschen vor zu sich hinzudümpeln?

Stefan-Bernhard Eirich, Bundespräses de KAB Deutschlands

2021 wird es erneut trotz sinkender Inzidenzwerte keine klassischen Fronleichnamsprozessionen geben. Aber auch ohne die Möglichkeit, das Allerheiligste in Gemeinschaft singend und betend durch die Straßen zu begleiten stellt sich wie von selbst an diesem Festtag eine der zentralen Fragen unseres Glaubens. Von Martin Buber stammt eine Erzählung, die diese Frage, an der niemand von uns vorbeikommt, auf den Punkt bringt:

In der Stadt Ropschitz, so erzählt er, pflegten die Reichen, deren Häuser einsam oder am Ende des Ortes lagen, Leute anzustellen, die nachts über ihren Besitz wachen sollten. Als Rabbi Naftali eines Abends spät am Rande des Stadtwaldes spazieren ging, begegnete er solch einem Wächter. „Für wen gehst du?“ fragte er ihn. Der gab Bescheid, fügte jedoch die Gegenfrage hinzu: „Und für wen geht Ihr, Rabbi?“ Diese Frage traf den Rabbi wie ein Pfeil. „Noch gehe ich für niemand“, brachte er mühsam hervor. Dann ging er lange und schweigend neben dem Wächter her. Schließlich fragte er ihn: „Willst du mein Diener werden?“ – „Das will ich gern“, antwortete jener, „aber was habe ich zu tun?“ „Mich zu erinnern“, sagte Rabbi Naftali.

Wer an Fronleichnam auf die Straße geht, setzt in einer Zeit, in der praktizierter und/oder öffentlich gezeigter Glaube entweder nicht verstanden bzw. mit Befremdung wahrgenommen wird, ein Zeichen: Ich gehe für Christus, für das, was er uns vorgelebt hat und für das, was ich davon verstehe. In diesem Sinn sollte auch ein Verband wie die KAB unterwegs sein. Diese muss an erster Stelle selbst von der entscheidenden Frage wie von einem Pfeil ins Herz getroffen sein. Dann kann sie als Wächterin unterwegs sein. Und in der Tat ist sie das: KABlerinnen und KABler sind vielfach im Kontext von Demonstrationen gegen soziale Ungerechtigkeit und im Eintreten für den Wert von Arbeit und die Würde Arbeitenden auf der Straße zu finden. Unsere Gesellschaft und unsere Kirche brauchen solche Wächterinnen und Wächter, die die Entschiedenheit ihrer Positionierung andere zur Stellungnahme und zur Antwort auf die entscheidende Frage mahnen: Für wen gehst du? Gesellschaft und Kirche sind zudem auf Menschen angewiesen, die im nichtöffentlichen Raum gewissermaßen von Haus zu Haus, von Herz zu Herz spüren: Da braucht einer Hilfe. Da braucht es Leute, die ohne große Worte zu machen, Nachbarschaftshilfe leisten, ein Auge darauf haben, ob die alte Frau von Gegenüber am nächsten Tag die Rollläden noch hochzieht, die ohne Wenn und Aber Hilfe anbieten. Menschen, die ein Gespür für das Armutsrisiko im Gefolge der Corona-Pandemie entwickeln und als Gemeinschaft soziale und materielle Auffangnetze knüpfen: auch das gehört zum „Wächteramt“ eines Verbands wie der KAB.

Um in diesem Sinn als Verband wirken zu können, muss aber jede und jeder einzelnen darin für sich immer wieder Klarheit über die eigene Motivation haben: Für wen gehe ich in meinem Leben? Gehe ich nicht oft nur für mich selbst? Gehe ich für eine Sache, eine Institution, eine Einrichtung?  Gehe ich für andere? Für wen gehe ich in meinem Leben? Weiß ich es? Wem fühle ich mich verbunden, verpflichtet? Für wen habe ich mich entschieden? Wo Menschen diese Fragen nicht zulassen, gerät eine Fronleichnamsprozession zum frömmelnden Brauchtumsevent und eine Demonstration zur sinnentleerten Gemeinschaftsevent für Selbstdarstellerinnen und Selbstdarsteller.

„Für wen gehst du?“ Vielleicht nutzen wir die Zeit, die wir mit der Prozession unterwegs gewesen wären, um in dieser Frage, der Gretchenfrage auch für die KAB, weiter zu kommen.

 Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

Aufbruch! Veränderung! Frischer Wind! Dafür steht der Heilige Geist. Und für Veränderung steht auch die KAB. Unser Verband sagt von sich selbst: "Wir organisieren die entsprechenden Veränderungen, damit Arbeit und Leben in Würde und Solidarität möglich wird." (Beschlusstext zur Mitgliederwerbung, 2018) Wer aber etwas glaubwürdig verändern will, muss auch im eigenen Leben zur Veränderung bereit sein. Bei der KAB ist das gottlob so!  Allein die Tatsache, dass unser Verband mit guter Zustimmung und Motivation die Kampagne zur Gewinnung neuer Mitlieder auf den Weg gebracht hat, sendet eine klare Botschaft: wir selber entwickeln uns weiter, um auch zukünftig einen zeitgemäßen Beitrag zur sozialen Entwicklung unserer Gesellschaft leisten zu können.

Glühende Begeisterung

Der Glutkern eines erfolgreichen Werbens um neue Mitglieder ist die Begeisterung. Werbung beginnt nicht mit der Produktion von attraktiven Materialien und der Organisation von großartigen Auftritten in den sozialen Medien. Das alles ist durchaus hilfreich, bleibt aber wirkungslos, wenn Menschen nicht für ihre Sache brennen, nicht "burning people" sind. Werbung findet statt, wenn KABlerinnen und KABler für ein christliches Miteinander in der Arbeitswelt brennen. Wenn sie Feuer und Flamme sind im Kampf für einen gerechten Mindestlohn, im Widerstand gegen die Aufweichung des Sonntagsschutzes und in der Auseinandersetzung mit den Auswüchsen einer turbokapitalistischen Wirtschaftsordnung. Begeisterung und damit Werbung beginnt im Konkreten: Auf der Ebene der Ortsvereine gehört (auch und gerade in Zeiten von Corona!) es zur Werbung, wenn KABlerinnen und KABler auf die Nöte und Sorgen in ihrer Umgebung tatkräftig reagieren. Der von Papst Franziskus in seiner Enzyklika "Fratelli tutti" in den Mittelpunkt gestellte Fremde, der unter die Räuber gefallen ist, liegt in unseren Gemeinden in vielerlei Gestalt auf der Straße: ihm wird gerade sein Arbeitsplatz gekündigt, ihr Kurzarbeitergeld läuft aus, er braucht fürs Überleben drei sogenannte Minijobs, sie reibt sich als unterbezahlte Pflegekraft auf, sie und er vereinsamen nicht nur im Pandemie-Lockdown. 

Feuer des göttlichen Geistes

Kurzum: die Mitgliederwerbekampagne lebt aus der schlichten Erkenntnis, dass, wenn es in unserer Gesellschaft und der Wirtschaftsordnung anders werden soll, hierfür begeisterungsfähige Menschen vonnöten sind. Ohne Begeisterung keine Veränderung! Das Bild vom Feuer des göttlichen Geistes bringt es auf den Punkt. Im Matthäusevangelium sagt Johannes der Täufer: "Ich taufe euch nur mit Wasser zum Zeichen der Umkehr. Der aber, der nach mir kommt, ist stärker als ich. Er wir euch mit Heiligem Geist und mit Feuer taufen." Das heißt: "Ich vollziehe an Euch einen alten Ritus unserer Religion. Jesus aber wird mit seinen Ideen etwas Neues entzünden und mit seinen Worten eine lodernde Energie in die Welt setzen, die Menschen ergreifen und durchglühen will, die sich ausbreiten und andere anstecken will."

"Enthusiasmus ist das schönste Wort auf der Erde", sagt der Dichter Christian Morgenstern. Das Wort Enthusiasmus kommt aus dem Griechischen, von "en theos". Und heißt wortwörtlich "in Gott". Wir dürfen davon ausgehen: Wenn wir in uns das Feuer der Begeisterung spüren, für eine Sache wirklich brennen; uns ein Anliegen im Innersten packt - dann kann sich jeder, jede von uns sagen: Das hat mit Gott zu tun, das kommt von Gott, diese Begeisterung ist ein Geschenk aus seinen Händen!

Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

"Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch das Band des Friedens!" Der Epheserbrief fleht am Himmelfahrtstag die Christinnen und Christen in diesem Sinne regelrecht an. Doch schon die ersten Adressatinnen und Adressaten haben wohl diese Mahnung genauso wenig beherzigt wie die Gläubigen im Deutschland des Jahres 2021. Die glänzenden Bilder des 3. Ökumenischen Kirchentags können die zwischen den Konfessionen wieder tiefer gewordenen Gräben und die klaffenden Risse in unserer Gesellschaft einfach nicht vergessen machen. Wie in den Wind gesprochen und gerade deshalb hochaktuell klingt deshalb auch die Bitte Jesu für seine Jüngerinnen und Jünger im Evangelium des letzten Sonntags vor Pfingsten: "Bewahre sie in deinem Namen, damit sie eins sind wie wir!"

Seid friedfertig und geduldig

"Seid friedfertig und geduldig." Geduldig und friedfertig waren vor allem die jüngeren Menschen und die Jahrgänge, deren Erwerbstätigkeit bislang das wirtschaftliche, aber auch gesellschaftliche sowie das stark eingeschränkte kulturelle und das mitunter sich selber im Wege stehende kirchliche Leben am Laufen gehalten haben. Wie aber lässt sich weiterhin das Band des Friedens wahren angesichts sich immer stärker abzeichnender objektiver Ungerechtigkeiten in der Impfreihenfolge und dem zu erwartenden Hauen und Stechen nach der endgültigen Impffreigabe? Reden wir besser gleich vom Hauen ums Stechen. Mich enttäuscht es, dass die Politik mit großem Aufwand ein Impfreihenfolge gezimmert hat und sich nun kaum noch Gedanken um eine wirkliche Impfgerechtigkeit macht. Allem Anschein nach bricht noch vor der vollständigen Impfung der besonders schützenswerten Gruppen das Chaos aus. Von einer "Strategie" sollte besser niemand mehr sprechen - zumindest keiner der bisherigen Politstrateginnen und Politstrategen. Diese haben sich längst dem wählerstimmenträchtigen Themenkreis der Privilegierung von Geimpften und der Frage, wer in den Urlaub fahren darf, zugewandt.

"Ertragt einander in Liebe". Es wird schwierig für die Generationen, sich gegenseitig in Liebe zu ertragen, wenn gerade viele jüngere Menschen, die sich bislang überwiegend solidarisch gezeigt haben, weiterhin massiv in ihren Grundrechten eingeschränkt bleiben. Sicher, es besteht Aussicht auf Massenimpfungen während der Schulferien. Aber was ist mit den Studentinnen und Studenten? Mit den Auszubildenden? Schlimmer noch: welche Bevölkerungsgruppe, wird sich im Spätherbst als die erweisen, an die niemand gedacht hat?

Impf-Egoismus

Ein Verband, der sich wie die KAB die gesellschaftliche und wirtschaftliche Gerechtigkeit mit großen Buchstaben auf die Fahne geschrieben hat, steht in diesen Monaten vor einer mehrfach großen Herausforderung. Sein Beitrag kann und muss darin bestehen,

-          in den eigenen Reihen Solidarität zu leben: vor Ort das stark verbreitete Denken des "Jeder-ist-sich-selbst-der-Nächste" zu durchbrechen;

-          in der tätigen Auseinandersetzung mit dem grassierenden Impfegoismus;

-           im Einsatz für die schnelle Impfung von Menschen in "Problemvierteln";

-          Im wirksamen Beistand für Angehörige von Pandemieopfern;

-          Im lebendigen Kontakt mit Menschen, die an den Langzeitfolgen von Covid leiden und ihnen konkrete Hilfe anzubieten;

-          nach außen im kompromisslosen Engagement aber für Fairness und Gerechtigkeit, wann immer es um Impfdosen und Impftermine geht - auch durch das eigene Verhalten.

Damit ist jedoch nur die nationale Spielart der gegenwärtigen Krise skizziert. Mit Blick auf die weltweiten Covid-Zahlen lesen sich diese Gedanken wie die ersten Sätze der "Gebrauchsanleitung für den erbaulichen Umgang mit Luxusproblemen".

Die KAB sagt gerne von sich, sie sei gelebte Solidarität. Hoffentlich! Nur so hat das Band des Friedens lokal und global den Hauch einer Chance.

Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

Böse Zungen behaupten, in der Kirche wird so viel über die Liebe geredet, weil man so wenig von ihr versteht. An diesem Sonntag geschieht das in schier inflationärem Ausmaß. Ohne Unterlass ist im Evangelium von Liebe die Rede und bereits in der 2. Lesung heißt es: „Wir wollen einander lieben, denn die Liebe ist aus Gott und jeder, der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott, denn GOTT ist die Liebe.“ Dies wäre unerträglich, bliebe das „L-Wort“ der euphorisierende Zentralbegriff einer Kirche, für die das gesellschaftliche Geschehen außerhalb ihrer Mauern von bestenfalls nachrangiger Bedeutung wäre: Die immer weiter auseinandergehende Schere zwischen Arm und Reich, die von der Corona-Pandemie vertieften Gräben im nationalen wie globalen Gefüge, der grassierende Rassismus und ein an Fahrt zunehmender Klimawandel. Glaubwürdigkeit gewinnt die Kirche dann zurück, wenn sie Liebe in die Sprache einer aus dem Evangelium heraus gestalteten Politik übersetzt. „Kirchisch“: (Nächsten)Liebe – Politisch: Solidarität

In der Übersetzung von Solidarität ist Liebe sozusagen nüchtern und wissend. Sie weiß, wie gnadenlos ein rein marktwirtschaftliches Denken ist und hat stets vor Augen, was ein entfesselter Kapitalismus dem Menschen und seiner Umwelt antun können. Als Solidarität verlässt die Liebe endgültig den Raum binnenkirchlicher Sprachspiele und wird öffentlich, weil sie sich an der Öffentlichkeit interessiert und diese verändern will. Sie bedenkt unablässig die Bedingungen und Strukturen des menschlichen Zusammenlebens. Fulbert Steffensky bringt es auf den Punkt: „Sie meint nicht nur einen einzelnen Menschen, sie denkt menschheitlich.“ Gerade deshalb gehören (Nächsten)Liebe und Solidarität auf das Engste zusammen; der Unterschied besteht in der Pointierung. Das alles klingt sehr theoretisch, wird aber faszinierend, wenn Menschen ihr Leben danach ausrichten. Einer davon war der vor einem Jahr verstorbene ehemalige Sozialminister Norbert Blüm. Für ihn als Christ war „Einmischen“ in die gesellschaftliche Debatte zeitlebens „Pflicht.“ Sein Credo bleibt zeitlos gültig: „Solidarität ist kein Luxus, sondern Existenzbedingung des menschlichen Lebens“ und die „politische Form der Nächstenliebe“.

Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

Mir persönlich fällt der Umgang mit einem Megabegriff wie „Solidarität“ ungeheuer schwer. Er lässt sich universal anwenden, klingt immer gut und dient nicht selten als Totschlag- und Ausgrenzungsinstrument. Leider kann ich mir viel besser vorstellen, was „unsolidarisch“ bedeutet und wo entsprechendes Handeln hinführt. Etwa, wenn die Weltgemeinschaft weiterhin so unsolidarisch mit der Coronapandemie umgeht und reiche Länder bestenfalls ein paar Impfstoffampullen an den Rest der Welt weitergeben, die sie für sich selbst zu schäbig halten. Auch in unserem Land steigt die Zahl derer, die nur sich, ihre Meinung und ihr Leben sehen, fast so schnell wie die aktuelle Infektionskurve. Ob national oder international: niemand kann für sich allein aus der aktuellen Superkrise kommen. Die Zukunft, die uns bei einem weiteren Verfall der Solidarität bevorstünde, mag ich mir lieber nicht ausmalen.

Solidarität ist Zukunft. Das gilt auch für Sein oder Nichtsein der Kirche. Für ihren Fortbestand oder den Absturz in die Bedeutungslosigkeit. Entscheidend ist, worum es denen geht, die dieser Kirche ein Gesicht geben. Steht für sie die Selbstdarstellung als makellose Heilsanstalt im Vordergrund? Oder kämpfen sie die Rettung des längst verspielten Vertrauens? Dieses Unterfangen dürfte sich angesichts der Abgründe des Missbrauchsskandals und seiner überaus fragwürdigen Aufarbeitung in den letzten Jahren heute kaum noch vermitteln lassen. Wenn überhaupt, lässt sich eine letzte Spur von Glaubwürdigkeit nur noch mit einer Kehrtwende weg vom andauernden Blick in den Spiegel alter Herrlichkeit gewinnen. Als Kirche müssen wir uns neu auf unsere Zeitgenossinnen und Zeitgenossen ausrichten: im Blick auf deren Freuden und Hoffnungen, ihre Trauer und Angst. Um genau zu sein: im Blick auf die Bedrängten und Ausgegrenzten, die Armen und die ihrer Würde Beraubten.

Aber was heißt hier „im Blick auf“? Kürzlich hörte ich eine Predigt über Jesus als den „guten Hirten“. Am Ende zählte der Pfarrer fast schon detailbesessen all jene auf, die in ihrer Bedrängnis und Not auf die Wundmale dieses Hirten schauen sollten. Die Palette reichte von Menschen in Kurzarbeit, über Totkranke bis hin zu Frauen, deren Kinderwunsch unerfüllt bleibt. Ich empfand dieses bloße, fast beliebig anmutende Benennen als Ärgernis erregend, weil unsolidarisch. Solidarität hat mit einem frommen Aufzählen und Vertrösten dieser Art rein gar nichts zu tun. Solidarität in der Kirche beginnt dort, wo Gläubige genauso wie Kleriker und andere Verantwortungsträger*‘innen genau hinhören und sich von den Menschen selbst sagen lassen, wo es diesen schlecht (oder auch gut) geht. Dazu bedarf es realer Sympathie, den Willen zum tätigen Mitfühlen und ggf. auch zum Mitleiden. Ohne Augenhöhe geht das ebenso wenig wie mit dem bewussten Verzicht auf die gängigen Einsortierungsschemen wie Kirchenmitgliedschaft, Lebensentwurf, sexuelle Orientierung, um nur ein paar der Schubladen zu nennen.

Solidarität im Sinne des Evangeliums bedeutet also ohne Ansehen der Person zu handeln, weil es immer um die Menschen selbst und nicht darum geht, ob sie mein Engagement „verdienen“. Wenn ich schließlich genau hinschaue, werde ich entdecken, dass auch die Solidarität des anderen, der anderen mit mir mein Leben mitträgt, ja mitermöglicht. Ein Blick in die vergangene Welt der Bergwerksleute lässt mich endgültig begreifen, was Solidarität bedeuten kann: Jeder Bergmann, jede Bergfrau – es gab tatsächlich einige - wusste: Ohne den anderen bin ich nichts, mit ihm kann ich vieles, Gemeinsam können wir alles schaffen. Alle wussten gemeinsam: keiner, keine „fällt ins Bergfreie“, denn jeder kümmert sich um den anderen. Ja, dann ist Solidarität die Zukunft.

Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

Vom „Schreien der Lämmer“ spricht ein Kommentator in der FAZ am 23.4. und versucht den widersprüchlichen Umgang der Chefinnen und Chefs der deutschen Länder mit der „Bundes-Notbremse“ in der Corona-Pandemie ins Bild zu bringen. Dieses Schreien ist ein in sich zutiefst widersprüchliches Geschehen: es werden einerseits Hirtinnen und Hirten herbeigerufen, die einen (Aus)weg zeigen und vorgeben sollen. Andererseits aber wird jede allzu deutliche Weisung als Einschränkung persönlicher Freiheit abgelehnt. Da meldet sich dann gewissermaßen der Hirte, die Hirtin im Schaf.

Im wahrsten Sinn des Wortes tritt dieses Hirtentum im Schafspelz in einer Vielzahl gesellschaftlicher Konfliktthemen an den Tag. Ob es sich um den richtigen Ausweg aus der Pandemie, um ethisch vertretbare Ernährung, Rassismus oder den Klimawandel handelt, -viele Beiträge beschränken sich darauf, durch die Betonung der moralischen Überlegenheit der eigenen Position den anderen zu zeigen, „wo es lang zu gehen hat“. Ich selber ganz der Hirte, die Hirtin; der andere, die andere ein dummes und orientierungsloses Schaf. Tatsächlich Hirtin, Hirte? Ein Hirte zwingt seinen Schafen nicht die eigene Meinung mit aller Gewalt als die einzig gültige Wahrheit auf und beschimpft nicht jene, die ihm widerstreben, nicht als Idioten oder überzieht sie mit einem Shitstorm. Ein guter Hirte, eine gute Hirtin zeichnet sich durch Barmherzigkeit und Verständniswillen aus. Er, sie hat dann einen guten Job gemacht, wenn er, sie möglichst alle mitgenommen hat.

In der Bibel findet sich das Bild des „Guten Hirten“ recht oft als Vergleich für das Wirken Gottes, aber auch als Idealbild für Könige. Ihr Regieren steht für die umfassende Versorgung ihrer Herde und die Fürsorge für die Schwachen und Schutzlosen. Die Heilige Schrift zeichnet das hohe Bild von einem Menschen, der in der Lage ist, die Schafe zu hüten und sie den rechten Weg zu leiten. In diesem Sinn ermutig uns der sogenannte „Guten-Hirten-Sonntag“ füreinander Hirtinnen und Hirten zu sein. Weil wir in unterschiedlichen Bereichen und Lebensvollzügen nicht die gleichen Stärken haben, sollten wir hier füreinander Hüterinnen und Hüter sein und uns gegenseitig zur Hilfe werden. Im Sinne gelebter Solidarität! Und weil wir in der Vielfalt aktueller Problemstellungen nicht gleich weiterführende Wege sehen, sollten wir miteinander nach solchen suchen. „Leitung“ kann auch bedeuten, diesen Prozess anzustoßen und dazu aufzumuntern.

Daher gilt: Mehr Hirte wagen!

Stefan Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

„Wer seine Gebote nicht hält, ist ein Lügner und die Wahrheit ist nicht in ihm“. Rigorose Aussagen wie diese aus dem Ersten Johannesbrief haben mich vor allem in den letzten Jahren mit wachsendem Unbehagen erfüllt. Woher das kommt? Der unbekannte, vermutlich aus dem Umfeld des Autors des Johannesevangeliums stammende Verfasser schreibt zwischen den Jahren 100 und 110 an bzw. für eine kleine Gruppe von Christinnen und Christen in einer der kleinasiatischen Mittelmeerstädte, um ihnen Unterscheidungskriterien für wahre und falsche Glaubensschwestern und -brüder an die Hand zu geben. Genau in dieser Absicht, vor allem aber in seiner schroffen Sprache wirkt er jedoch hochaktuell: mit Autorität sortiert er Wahrheit und Lüge, trennt echte von falschen Gemeindemitgliedern und bekämpft irrige Ansichten. Offensichtlich pflegt er eine Weltsicht, die nur zwei Farben kennt: schwarz und weiß. Er und seine Gemeinde hören vermutlich mit diesem Raster genauesten auf jede geäußerte Glaubensansicht und überprüfen sie fortlaufend.

Diese Haltung der gegenseitigen Gesinnungsüberwachung scheint mir heute weit in der Gesellschaft verbreitet. In ihrem jüngst erschienen Buch „Generation beleidigt. Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei“ beobachtet und beschreibt die französische Publizistin Caroline Fourest die verstörende „Inflation von Empörungsreflexen in Zeiten politischer Hypersensibilisierung“. Überall wittern die Vertreterinnen und Vertreter dieser Generation Sprach- und damit Moralverbrechen. Angesichts der vielen Rassismen, Sexismen und sonstiger „Ismen“ scheint es so gut wie unmöglich, keine Sprach- oder Diskurssünde zu begehen sobald man/frau auch nur den Mund öffnet oder zu schreiben beginnt. Die öffentliche Anprangerung derer, die sich nicht schnell genug zu ihren Fehltritten bekennen, ist gnadenlos.

Aber auch innerkirchlich fällt die zunehmende Verbissenheit auf, mit der die Einstellung der Andersdenkenden geahndet wird. An die Stelle einer respektvollen Auseinandersetzung und eines zumindest anfänglichen Interesses am Grund für die gegnerische Position ist die Darstellung der eigenen moralischen Überlegenheit getreten. Wem nichts mehr einfällt und wem die Argumente fehlen, der moralisiert. Für einen Streit, bei dem man sich argumentativ einen Schlagabtausch liefert und wo dem Gegner zumindest so viel Respekt entgegengebracht wird, dass er seine Meinung auch in ihren Stärken beschreiben kann – für einen solchen Streit scheinen die verschiedenen innerkirchlichen Gruppierungen wenig Gehör zu haben. Stattdessen pflegen sie ihre Vorurteile, verschanzen sich unter Gleichgesinnten und zeigen sich unzugänglich für die Argumente des Andersdenkenden. So verstärken gerade kirchliche Kontrahenten durch ihr hartherziges Freund-Feind-Denken und ihre Selbstgerechtigkeit die längst unerträglich gewordene Polarisierung in unserer Gesellschaft. Der Glaubwürdigkeit der Kirche nutzt dies gar nichts. Und richtige Gebrauch des Gendersternchens bewahrt noch keine Frau vor Altersarmut.

Übrigens! Auf den Ersten Johannesbrief können sich gesellschaftliche bzw. kirchliche Schnellrechter*innen trotz des gegenteiligen Anscheins dann doch nicht berufen. Denn bei aller Härte in der Sache sieht und betont dessen Verfasser gerade die Schwächen und Fehler derer, die zu Christus gehören: Auch sie sündigen. Aber nicht nur für sie, sondern als Sühne für die Sünden der ganzen Welt ist Gott in Jesus Christus im wahrsten Sinn des Wortes aufs Ganze gegangen. Wer sich hierauf besinnt, kann auf die Waffe moralischer Überlegenheit gut verzichten. Als Christ, als Christin kann ich eine Haltung einnehmen, die daraus ihre Souveränität gewinnt, dass sie selbstkritisch ist. Anstatt andere abzuurteilen, bewahrt mich die Einsicht in meine eigene Ambivalenz und Fehlbarkeit vor Selbstüberschätzung und schenkt mir eine Freiheit, die das Anderssein des und der Anderen nicht nur akzeptieren, sondern sogar im besten Sinn des Wortes als gottgegeben betrachten kann. Noch mehr Halt aber gewinne ich aus der Zusage des Ersten Johannesbriefes, dass ich und alle anderen fehlbar sein dürfen und damit nicht makellos in unserer moralischen Selbstdarstellung sein müssen, denn wenn wir sündigen, „haben wir einen Beistand beim Vater“.

Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

„Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts“. Der weltberühmte Satz des 1995 geschassten Bischofs von Evreux Jacques Gaillot prägt zutiefst mein Verständnis von der Glaubwürdigkeit kirchlichen Handelns in der Gegenwart. An Gaillots lapidarer Feststellung, die in Wahrheit eine hochprovokative Forderung darstellt, muss ich auch mein eigenes Agieren als Priester und Bundespräses der Katholischen Arbeitnehmerbewegung messen lassen.

In der aktuellen, insbesondere in Deutschland von nicht wenigen Leitungsverantwortlichen in der katholischen Kirche selbst verschuldeten Krise, erinnern sich die Gläubigen auch in diesem Jahr an den doppelten Dienst Jesu im Abendmahlssaal: an die Fußwaschung und die Einsetzung der Eucharistie. Aber dieser Dienst unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt vom heutigen amtsoffiziellen Dienstverständnis unserer Kirche. Jesus wäscht unterschiedslos allen Jüngern die Füße: auch dem Petrus, der ihn wenige Stunden später verleugnen wird und genauso dem Judas, der ihn zu diesem Zeitpunkt längst verraten hat. Mit beiden teilt er unter dem Zeichen des gemeinsamen Mahles die letzten Stunden seines irdischen Lebens. Jesus stellt also keine Auswahlkriterien für seinen Dienst auf oder legt sich selber unter Hinweis auf das, was er „darf“ oder „nicht darf“ Beschränkungen auf. Ganz nach dem Motto, „ich würde ja gerne wollen, kann aber nicht dürfen“.

Knapp 2000 Jahre später fragen – wenn sie es überhaupt noch tun – viele Menschen nach dem Sinn und Zweck der Kirche in unserem Land. Zurecht konnte bis vor Kurzem die Antwort lauten, „weil sie den Menschen und ihrem Leben dienen und so ein Segen sein will“. Nun aber bricht mir die Stimme mitten im Aussprechen dieses Satzes. Zu groß ist der Abstand zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Ist es denn noch ein Dienst, wenn ich die Menschen, denen ich durch mein Handeln zum Segen werden will, genau auf ihre vermeintliche Würdigkeit überprüfe und anschließend eine Auswahl treffe? Oder heißt das Dienen, wenn ich von vornherein klarstelle, was ich alles nicht bieten kann oder meine bieten zu dürfen? Für mich entspricht dies eher einem subtilen Begriff von Herrschaft, keinesfalls aber der Idee von hochherzigem Dienst.

Ich persönlich habe im Lauf der Jahrzehnte meiner Tätigkeit als Seelsorger und Priester mit einigen Schwierigkeiten und „Selbstbehinderungen“ sowie teilweise heftigen kirchenamtlichen Gegenwind lernen dürfen, dass das Wohl und Wehe der mir nicht selten überraschend anvertrauten Menschen das einzige Kriterium meines Dienstes ist. Bei näherem Hinsehen ist dieser Dienst die unvoreingenommene Bereitschaft dazu, mich von Gott in jedem auch noch so scheinbar kaputten oder mir unverständlichen Lebensentwurf finden zu lassen: in jeder Judasbiographie und jedem Petruslebenslauf. Das setzt voraus, dass ich mich längst selber realistisch und versöhnend in den Blick genommen habe, mich als Petrus und mich als Judas.

In einem zum Klassiker gewordenen Neuen Geistlichen Lied stellt der Dichter Diethard Zils fest: „Zu viele sehen nur das Böse / und nicht das Gute, das geschieht“. Eine Kirche, die dient, sieht mit den Augen Jesu, das Gute, das geschieht – und selbst wenn es nur in Spurenelement vorhanden sein mag. Eine Kirche die dient, wird den Menschen so zum Segen.

Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

Die Krankenpflegerin auf der Palliativstation als Bestsellerautorin? Das gibt es! 2012 veröffentlichte die Australierin Bronnie Ware ihr wenig später auch ins Deutsche übersetztes Buch „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen – Einsichten, die Ihr Leben verändern werden“. Mich haben die hier beschriebenen Grundfehler von Menschen, die auf dem Sterbebett mit Reue auf ihr Leben zurückschauen, tief bewegt. Denn je älter ich werde, desto öfter frage ich mich selbst bei wichtigen Entscheidungen, wie ich rückblickend einmal gelebt haben will und an was sich meine Nachwelt erinnern soll. Vielleicht kann ich einmal weniger resigniert als die von Bronnie Ware zitierten Menschen sagen, „Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu bleiben, statt so zu leben, wie andere es von mir erwarteten“. Für mich steht, dass nicht nur ich „wesentlicher“ leben würde und das wirklich Wichtige besser im Blick hätte, wenn ich öfter versuchen würden, die mir noch verbleibenden Jahre vom Ende her zu betrachten. Nicht wenige meiner Taten, Worte und Entscheidungen sähen wahrscheinlich anders aus, ginge mit ihnen die Überlegung einher, welchen bleibenden Eindruck ich durch sie in meinem Leben vermitteln wollte: Von dem Guten, das ich gewollt habe, von dem ein oder anderen Moment wirklicher Selbstlosigkeit.

An dieser Stelle wage ich ein Gedankenexperiment und stelle mir die Kirche in unserem Land „auf dem Totenbett“ vor. Was würde sie heute wohl anders machen, wenn sie ihre Entscheidungen und Handlungen im Augenblick ihres Sterbens in den Blick nehmen würde. Gesetzt den Fall, sie wüsste, dass es sie in hundert Jahren zumindest als agierende Institution nicht mehr gäbe: was würden ihre Entscheidungsträger, was würden die Mitverantwortlichen auf allen Ebenen, ja was würde schließlich jede und jeder einzelne von uns als Teil dieser Kirche anders machen? Würden wir nicht alles dafür tun, dass die Kirche gut in Erinnerung bleibt? Zu welchem Ergebnis kämen dann die Debatten um die Zulassung von Frauen zum priesterlichen Dienst? Die Frage der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare? Welche sozialen Verwerfungen würden offensiv angegangen? Wie sähe der konsequente Umgang mit den ungezählten Fällen geistlichen und sexuellen Missbrauchs, wie die Ahndung vielfachen Leitungsversagens aus? Würde die Kirche rückblickend so halbherzig gehandelt, sich so verzagt verhalten haben wollen, wie sie dies in diesen Tagen tut? Was würde denn nach dem Tod unserer Kirche für Außenstehende bleiben, wie würde das Wort „christlich“ klingen? An welches Erbe würden jene anknüpfen können, die die Kirche in unserem Raum irgendwann einmal wieder gründen wollten?

Auch für einen großen Verband wie die Katholische Arbeitnehmerbewegung kann der Gedanke an die Rückschau vom „Totenbett“ aus heilsam sein. Was wären unsere „5 Dinge, die wir bereuen würden“? Die teilweise schnelle Ergebenheit, mit der wir uns in unseren Aktivitäten von Corona haben lähmen lassen? Grabenkämpfe und Missgunst? Das Schmoren im eigenen Saft und die Verwendung aller Energie auf das persönliche Rechthaben? Oder als sozialethisch sensible Gemeinschaft, die z.B. alle ihre Kräfte im Engagement für mehr Gerechtigkeit und Würde in der Arbeitswelt eingesetzt hat?

Meistens bewirkt die Akzeptanz der eigenen Sterblichkeit eine Neubesinnung auf das Leben. Mehr noch! Menschen erlebten seit dem Zeitpunkt, da sie mit ihrem Sterben einverstanden waren, eine neue Mobilisierung ihrer inneren Kräfte im Kampf um Genesung und Heilung. Für die Kirche würde das bedeuten, dass neue „Lebensnähe“ und Lebendigkeit sich ausbreiten kann, wenn sie Mut zur Wahrheit hat und sich mit aller Offenheit und Entschiedenheit dem eigenen Sterben, aber auch Leben-Wollen stellt. Vielleicht ist das das Geheimnis des Weizenkorns: im Tod ist das Leben.

Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

Selten wurden nach einem Wirtschafts- und Finanzskandal mehr Sätze gesprochen und geschrieben, die allesamt um das kleine Wort „hätte“ kreisten, wie dies beim Zusammenbruch des Bezahldienstleisters Wirecard der Fall war: die Bankenaufsicht hätte, der Finanzminister hätte; der gesunde Menschenverstand hätte … Genauso oft begannen Fragen mit „Hätte“: hätte nicht die Kanzlerin, hätte nicht der Aufsichtsrat – diese Litanei ließe sich noch seitenweise fortsetzen. Genauso lang ist die Liste der in Aussicht gestellten Veränderungen: man wird von nun an besser hinschauen, Kontrollbefugnisse erweitern, man wird fürderhin ersten Anzeichen für vergleichbare Entwicklungen mehr Aufmerksamkeit schenken usw.

Auch die Verfasser*innen der beiden Chronikbücher schauen zurück: rückblickend auf die Ursachen für die Zerstörung des Tempels und die Deportation eines Gutteils der Bevölkerung durch die Neubabylonier stellen sie fest, damals „begingen alle führenden Männer Judas und das Volk viel Untreue“. Durch die systematische Missachtung aller religiösen, politischen, sozialethischen und ökologischen Regeln nahmen alle Beteiligten die nahende Katastrophe trotz wiederholter eindeutiger Warnungen billigend in Kauf. Der Lesungstext spricht Klartext: kein „man hätte“, sondern „so ist es gekommen“. Mit der Niederlage der Unterdrücker durch den Perserkönig Kyros 70 Jahre später und dessen einen Neuanfang ermöglichenden Politik wird eine Chance angedeutet. Mehr aber auch nicht. Ganz bewusst verzichtet dieser Abschluss des Geschichtswerkes auf irgendwelche guten Vorsätze bzw. Ratschläge für eine bessere Zukunft.

Mir imponiert dieser schnörkellose Ansatz, da mir Mutmaßungen im Stil von „hätte man nicht“ zuwider sind. Anstatt dessen fordert mich der Lesungstext dazu auf, bei mir und in meinen Netzwerken, ja in der mich tragenden und prägenden Gesellschaft auf unheilvolle Entwicklungen zu schauen. Auch ich war und bin in das „Schneller – höher – weiter“ des Mobilitäts- und Wachstumswahns unmittelbar vor der Coronakrise verstrickt. Gerne verweise ich natürlich auf hartherzige Fleischfabrikant*innen, egomanische Staatenlenker*innen und Wirtschaftsverbrecher*innen an der Spitze gehypter und gefallener Börsenlieblinge. Aber sie bilden bei näherem Hinsehen nur die viel zitierte Spitze des Eisbergs, auf und mit dem auch ich lebe. Wo also trage ich vielleicht sogar bewusst zu den Rahmenbedingungen für die allzu leicht mit den Namen von Täter*innen benennbaren Fehlentwicklungen bei? Wie ein Kind, das zusammen mit anderen Kindern groben Unfug angerichtet hat und zur Rede gestellt wird, bin ich versucht zu sagen, „ich war es nicht so richtig, aber ich war bisschen mit dabei“. Ein bisschen? Genau auf diese schnell tödlich werdenden Kollektive nicht erkannter und dann nicht anerkannter Mitverantwortung wollten die Propheten hinweisen, die anstatt Gehör zu finden regelmäßig verhöhnt wurden. Sie versuchten den Leuten klar zu machen, dass jede, jeder einzelne es in der Hand hat, einen kleinen Beitrag zum Stopp katastrophaler Entwicklungen zu leisten.

In der Vorbereitungszeit erinnern sich Christ*innen bewusst an die Gebote Gottes als ein Programm für Leben und Freiheit. Sie tun dies, weil für sie „eigentlich“ klar ist, dass Gott uns zeigen will, was für uns gut ist und uns davor bewahren will, am Ende in tödliche Ignoranz zu stürzen. Ich wünsche allen sozialethisch engagierten Christ*innen, dass sie einmal sagen können: Ja wir haben „es“ kommen sehen und unser Möglichstes für dessen Verhinderung getan.

Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

"Wer hat's erfunden?" Mit dieser Frage reiste bis vor wenigen Jahren im Auftrag von Ricola ein sympathisch hartnäckiger Detektiv durch die Welt und erinnerte die Bewohner*innen in verschiedenen Ländern hartnäckig daran, dass das Kräuterbonbon in der Schweiz erfunden wurde. Jeder dieser Werbespots endet mit dem kleinlauten Bekenntnis der zuvor durch ein geschicktes Verhör in die Enge Getriebenen zum Namen Ricola. „Wer hat’s erfunden?“ Bei der Frage nach dem Ursprung des Sonntags scheint die Antwort ähnlich eindeutig: das Judentum mit seiner Praxis des Sabbats als Ruhetag. Doch ganz so einfach ist die Beziehung zwischen beiden Feiertagen nicht. Trotz vieler Gemeinsamkeiten gilt es heute in der kulturgeschichtlichen und theologischen Forschung als akzeptiert, dass der Sonntag sich zum Sabbat nicht wie ein Sohn zum Vater, sondern eher wie ein jüngerer Bruder zum älteren verhält.

Zu den Kennzeichen dieser familiären Bande des christlichen Glaubens gehört natürlicherweise insgesamt eine tiefe geistliche Verbundenheit „mit dem Stamme Abrahams“ (Zweites Vatikanisches Konzil, Nostra Aetate 4). Dass diese über weite Strecken vergessen, ja systematisch verdrängt und geleugnet wurde, zeigt sich auch in einer Auffassung, die den Sabbat als einen von starren Gesetzen überfrachteten Ruhetag diffamierte und den Sonntag unter Hinweis auf das einseitig interpretierte Verhalten Jesu (vgl. Mk 2,27) als dessen „Überwindung“ präsentierte. Schon deshalb braucht es immer wieder den klärenden Blick in die gemeinsame Heilige Schrift. Nur so lässt sich die ganz eigene Bedeutung des Sabbats und dessen hoher Stellenwert für den Gottesglauben Israels entdecken. Es geht am Sabbat um nichts Geringeres, als es Gott gewissermaßen gleichzutun und am Sabbat Ruhe zu halten so wie Gott am siebten Tag der Schöpfung. Gott verleiht seiner Schöpfung mit dem Sabbat gewissermaßen das Qualitätssiegel. Für mich persönlich verbindet sich hiermit u.a. die Botschaft, dass Arbeit erst dann gut und perfekt ist, wenn sie von der Ruhe abgelöst und vollendet wird. Für diese Einsicht und deren konsequente Umsetzung weiß ich mich meinen „älteren Schwestern und Brüdern im Glauben“ zu tiefem Dank verpflichtet! Gleiches gilt für die soziale Dimension des Sabbats, denn der Ruhetag gilt ausnahmslos für die wehrlosen und abhängigen, also für die schwächsten Glieder der Gesellschaft (vgl. Ex 20,10). So verwirklicht sich an diesem besonderen Tag die Freiheit, die Gott unterschiedslos allen Menschen und Geschöpfen zugedacht hat. Um dies zu bekräftigen, verweisen Menschen jüdischen Glaubens auf den Exodus, den von Gott angeführten Auszug des Volkes Israel aus Ägypten in die Freiheit von Zwangsarbeit und Unterdrückung. In seiner langen Geschichte wurde der Sabbat primär als Ruhe- und Erinnerungstag an die Befreiung begangen; erst später trat die gemeinsame Feier der Liturgie in der Synagoge hinzu.

Fast umgekehrt verhält es sich bei der Entwicklung des Sonntags, der sich zunächst an der Seite des Sabbats zu einem eigenständigen Feiertag entwickelte. Die frühen Judenchristen gingen am Samstag in die Synagoge. Doch feierten sie ausdrücklich ebenso wie die Christ*innen heidnischen Ursprungs den ersten Tag der Woche als Tag der Auferstehung Jesu Christi und als „Tag des Herrn“ (Offb 1,10). Sie trafen sich möglicherweise bereits am Samstagabend – nach jüdischer Auffassung beginnt der Folgetag nach Sonnenuntergang -, mit Gewissheit aber in den frühen Morgenstunden des Sonntags, einem Werktag, bevor sie ihrer jeweiligen Arbeit nachgingen. Sie brachen Brot und feierten die Auferstehung Jesu. Das zweite Jahrhunderte führte zur Abgrenzung vom Judentum und damit auch zur Verdrängung des Sabbats im Christentum durch den Sonntag. Seit der gleichen Zeit ist vom Sonntag als dem „ersten“ und „achten“ Tag der Woche die Rede. Letzterer steht für die Neuerschaffung der Welt durch Christus (vgl. auch die achteckige Architektur vieler Taufkapellen seit der Spätantike).

Als Kaiser Konstantin im Jahr 321 den Sonntag zum allgemeinen Ruhetag erklärt, geschieht dies als Reverenz an den Sonnengott, den „Sol Invictus“ und nicht als Zugeständnis an die Christ*innen. Doch, was auch immer Konstantins Motivation gewesen sei: Die Christen profitieren von diesem Dekret, denn nun können sie den sonntäglichen Gottesdienst zu einer angenehmen Uhrzeit und ohne Zeitdruck feiern. Mit der Anordnung des wöchentlichen Ruhetags nimmt Konstantin wichtige Elemente des Sabbatsgebots in die staatliche Gesetzgebung auf. Im Lauf der darauffolgenden Jahrhunderte wird die Kirche die Bedeutung der Arbeitsruhe am Sonntag begreifen und in das christliche Feiertagsverständnis integrieren.

So findet bis heute ein Lernprozess unter Geschwistern statt. Als Christ*innen und Christen tun wir gut daran, uns in unserer Sonntagsgestaltung von der reichen Sabbat-Frömmigkeit im Judentum inspirieren zu lassen und den Sonntag zugleich aus seinen eigenen Wurzeln als Feiertag im wahrsten Sinn des Wortes zu erneuern.

Sabbat und Sonntag. Ein für die sonntägliche Wortgottesfeier geschriebenes Gebet bringt wunderbar deren Eigenständigkeit und sich ergänzende Bedeutung zum Ausdruck:

Allmächtiger Gott,
deinem Volk Israel hast du den Sabbat geschenkt.
Du hast ihn geheiligt als Tag der Ruhe,
denn du selbst hast nach deinem Schöpfungswert am siebten Tag geruht.
Du hast ihn geheiligt als Tag der Freiheit,
denn du selbst hast Israel aus der Sklaverei geführt.
Mit allen, die dich als Schöpfer und Retter bekennen,
erheben wir dankbar unsere Stimme.
Deiner Kirche hast du den Sonntag geschenkt.
Du hast ihn geheiligt als den Tag, an dem wir deines geliebten Sohnes gedenken,
der in die Welt kam als dein Wort.
Er lebte mit den Menschen.
Sie überlieferten ihn dem Tod.
Du aber hast ihn gerettet am ersten Tag der Woche.
Mit allen, die an diesem Tag
Dein Wort hören und deinen Namen preisen,
erheben wir dankbar unsere Stimme.

(Liborius Lumma, Der Sabbat als „theologischer Toppos“ in der Wort-Gottes-Feier, https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/texte/670.html#ch5)

Zum Weiterlesen:
-       P. Petzel/N. Reck (Herausgeber), Von Abba bis Zorn Gottes. Irrtümer aufklären – das Judentum verstehen, Patmos Verlag, Ostfildern 2017.
-       Justo L. Gonzales, Eine kurze Geschichte des Sonntags. Vom Urchristentum bis heute, Claudius Verlag, München 2017.

Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

 

 

Es gibt Texte in der Bibel, an denen beiße ich mir bis heute die Zähne meines Verstandes aus. Einer davon ist die Erzählung von der sogenannten „Opferung des Isaak“. Wie kann Gott das fordern? Warum lässt sich Abraham auf diese vermeintliche Glaubensprobe ein? Viel zu selten tausche ich mich mit anderen über derlei substanzielle Zweifel und Probleme aus. Ganz besondere Gesprächspartner*innen sind seit 1700 Jahren die Menschen jüdischen Glaubens auf dem Boden des nachmaligen Deutschlands, die „älteren Schwestern und Brüder im Glauben“. Sie schreiben über die erste Lesung an diesem Sonntag den Titel „die Bindung Isaaks“ und bringen damit zum Ausdruck, dass hier eine Rettungsgeschichte erzählt wird.

Neugierig geworden, frage ich nun beim Journalisten Gerald Beyrodt nach, einem Grenzgänger zwischen jüdischen und christlichen Glaubens- und Lebensthemen. Er meint: „Während Abraham anderswo in der Bibel durchaus mit Gott diskutiert, […] ist hier kein Wort des Widerspruchs von ihm zu hören. Abraham erscheint wie ein Fanatiker, der alles tut für seine religiöse Mission – oder das, was er dafür hält.
Einer, der keine Fragen mehr stellt, nicht nach rechts oder links sieht, einer der blind ist vor lauter Gehorsam. Solchen religiösen Fanatismus gab und gibt es in allen Religionen.“ (https://www.deutschlandfunkkultur.de/der-grausame-und-der-barmherzige-gott.1278.de.html?dram:article_id=192963).

Woody Allen versucht die Geschichte mit bissigem Humor zu begreifen und betont, dass es hier nur darum geht, die Lust am Gehorsam bloßzustellen. Woody Allen lässt Abraham fragen: „Was soll man denn tun, wenn man um zwei Uhr nachts in Unterhosen vor dem Schöpfer des Universums steht - diskutieren?“ Jetzt mischt sich Sara, Abrahams Frau, hörbar verärgert ein.: „Weißt du denn sicher, dass es der Herr war und nicht, sagen wir dein Freund der derbe Scherze liebt?“ Abraham antwortet: „Ich weiß, es war der Herr. Es war eine tiefe klangvolle Stimme und niemand kann die ganze Wüste so zum Dröhnen bringen. Es geht dann weiter, sie gehen los, bis Abraham das Messer hebt. Im letzten Augenblick hielt der Herr Abrahams Hand auf und sprach: „Wie konntest du so etwas tun?“ Und Abraham sprach: “Aber du hast doch gesagt …“ „Kümmere dich nicht, was ich gesagt habe“, sprach der Herr. „Hörst du auf jede verrückte Idee, die dir über den Weg läuft?“ und Abraham schämte sich: „Äh – nicht richtig, …nein.“ Noch vier Kapitel vorher rang der Patriarch mit Blick auf Sodom und Gomorra hartnäckig mit Gott um die Rettung menschlichen Lebens. Und ausgerechnet jetzt, wo es um seinen eigenen Sohn geht, bleibt er stumm und handelt mechanisch, fast wie ferngesteuert? Woody Allen lässt Gott am Ende sagen: „Du beweist, dass einige Menschen jedem Befehl folgen, ganz egal wie kreuzdämlich er ist, solange er von einer wohlklingenden, melodischen Stimme kommt.“ (Woody Allen, Ohne Leit kein Freud, rororo 4746, 1979, S.27f.)

Es braucht erst einen Engel, der die grausame Szene unterbricht, bis Abraham aufblickt und erkennt. Isaak überlebt, aber trotz der wunderbaren Rettung, bleibt am Ende der grausamen Geschichte die Erkenntnis: Abraham hat am Ende, fast zu spät, etwas gelernt. Er weiß jetzt, was glauben heißt. Glauben ist eben nicht bloßes für-wahr-halten oder ein schlichtes sich fügen und einpassen! Abraham hat gelernt, und mit ihm hoffentlich alle Gläubigen: Diesem Gott kann man vertrauen. Denn dieser Gott hat sich festgelegt. Ja, dieser Gott „riskierte“ seinerseits viel: „Wie stünde Er da, wenn Abraham versagte?“, so der jüdische Aphoristiker Elazar Benyoetz.

Abraham gefangen in seinem Gottesbild. – Ein Gott, der Abrahams Lust am Gehorsam bloßstellt. – Ein Gott, der alles riskiert, um das Vertrauen eines Menschen zu erwerben. Drei mögliche Deutungen einer unfassbaren Geschichte. An der Seite meiner „älteren Schwestern und Brüder im Glauben“ bleibe ich ein Suchender.

Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

Auf was hat sich Jesus da bei seiner Taufe nur eingelassen? Derselbe Geist, der auf ihn bei dieser Gelegenheit herabkommt (vgl. Mk. 1,9-11), wirft ihn unmittelbar nach diesem überragenden Augenblick der Gottesnähe hinaus in die Wüste. Keine Zeit für Besinnlichkeit und Vertiefung; anstatt dessen der erste Härtetest.

„Taufmomente“ gibt es in vielen Lebensläufen. Es sind einzigartige Erfahrungen bei der Beauftragung und Bestätigung von großen und manchmal lebenslangen Aufgaben, um deren Übernahme ich zuvor intensiv gerungen habe. Die Einführung in ein neues Amt gehören beispielsweise ebenso dazu wie das Ja-Wort zu einer dauerhaften Beziehung oder die Priester- bzw. Bischofsweihe. Es sind (so sagen es viele der Betroffenen) Augenblicke der höchsten Übereinstimmung mit sich selbst und dem gewählten Weg: „alles ist richtig und ich werde mein Bestmögliches tun“. In politischen und kirchlichen Leitungsämtern führt dies zu Aussagen der Gewählten bzw. Geweihten, für alle da sein zu wollen und eigene Interessen selbstverständlich hintanzustellen.

Doch dann folgen mehr oder weniger bald die „Wüstenmomente“. Mit Blick auf das aktuelle Sonntagsevangelium geht es hier weniger um den Verschleiß in den „Niederungen des Alltags“ und die exorbitanten Belastungen in Führungspositionen. Im Vordergrund steht vielmehr die persönliche Anfälligkeit für die unterschiedlichsten Versuchungen. Eine davon zeigt sich darin, aufgrund der eigenen Position Privilegien, Bevorzugung und Sonderbehandlung beanspruchen zu dürfen. Der oder die Betreffende sind spätestens dann dieser Versuchung erlegen, wenn er oder sie dann auch noch „Argumente“ des Gemeinwohls zur eigenen Rechtfertigung anführen. In diesem Sinne sind die ersten Monate der angelaufenen Impfkampagne voller Versuchungen für Würden- und Verantwortungsträger beiderlei Geschlechts gewesen. Ein 31jähriger Bürgermeister samt Stadträten entdeckt und praktiziert da seine gesellschaftliche „Systemrelevanz“, ein Landrat „opfert“ sich als Versuchsperson gleich zu Beginn der Impfungen. Kleriker unterschiedlichen Ranges erinnern durch ihr Verhalten nachhaltig an den Unterschied zwischen Hirten und Schafen.

Anders als bei seinen Evangelistenkollegen Matthäus und Lukas charakterisiert Markus bei seiner lapidaren Auskunft darüber, dass Jesus in Versuchung geführt wurde, dessen 40 Tage in der Wüste als eine Zeit der persönlichen Reifung und Entwicklung. Das wünsche ich uns von Herzen, das wir die vor uns liegenden 40 Tage als eine Phase der persönlichen Entwicklung zu nutzen. Entdecken wir doch unsere persönlichen Ansprüche auf eine „Besserbehandlung“ unser „vermeintliches Recht“. Ja man/frau kann viel Zeit damit verbringen, auf „die da oben“ zu schielen und zu schimpfen“. Besser ist es aber, am österlichen Ende von Herzen über den eigenen Dünkel lachen zu können.

Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

Mich fasziniert an den biblischen Lesungstexten im Gottesdienst, wie stark die jeweiligen Zeitumstände und meine persönliche Situation ganz unterschiedliche Aspekte in ihnen zum Klingen bringen. Zum Beispiel ein Ausschnitt aus dem Buch Ijob. Diese weisheitliche Schrift erzählt nicht die Geschichte einer historischen Person, sondern verdichtet die Situation des Menschen in einer von Zufall und Verletzlichkeit gekennzeichneten Welt im Schicksal Ijobs. (E. Türk, in RU heute 02/2020, 37). So ringt die Hauptfigur um eine Antwort auf die Frage nach der Ursache ihres persönlichen Leids und beschreibt ganz allgemein das Leben als „Kriegsdienst“ und den hochprekären Job eines Tagelöhners. Noch vor wenigen Jahren hätte ich diese Auskunft mit einem Schulterzucken quittiert. 2021 aber entdecke ich bei Ijob genau an dieser Stelle eine überwältigende Bilderwelt, die auch und gerade vom heutigen Leben spricht.

Der „Kriegsdienst“ steht für den Dauerstress, den viele Menschen in ihrem Beruf, ihrer Familien- und Beziehungswelt, ja sogar in der Freizeit erleben. Vielleicht würde es Ijob heute so sagen:

„Wie zum Teufel soll ein Mensch es genießen, um 6.30 Uhr von einem Wecker aus dem Schlaf gerissen zu werden, aus dem Bett zu springen, sich anzuziehen, Essen reinzuwürgen, … sich die Zähne zu putzen, sich die Haare zu richten und sich durch ein Verkehrschaos hindurch zu einem Ort zu kämpfen, wo er eine Menge Kohle für einen anderen macht und dann noch von ihm erwartet wird, dass er dafür dankbar ist?“ (Charles Bukowski).

Mit der Arbeit eines Tagelöhners lassen sich gut die heute brüchig gewordenen sozialen Sicherungssysteme vergleichen: dass der/die auf Zeit Beschäftigte „am Ende des Tages“ das zum Leben Notwendige ausbezahlt bekam, war alles andere als sicher.

Unter den Bedingungen des Lockdowns verschärft sich der Eindruck vom Leben als „Kriegsdienst“ und „Tagelöhnerjob“. Der kommende Megatrend liegt in der Verschmelzung von Arbeit und Privatleben, die Gleichsetzung von Wohnung und Arbeitsplatz sowie der gegenseitigen Durchdringung von beruflichen Ansprüchen und familiären Pflichten. Natürlich bringt dies weder eine weitere Steigerung der individuellen Freiheit noch ein Plus an Lebensqualität. Ein fraktionsübergreifender Gesetzesvorschlag, der im November 2020 vom nordrheinwestfälischen Landtag angenommen wurde, beschreibt die „neue Freiheit“ so:

„Die tägliche Höchstarbeitszeit von acht, in Ausnahmefällen zehn Stunden, kann im Zeitalter von Homeoffice und der ständigen Erreichbarkeit mit dem Smartphone von den Beschäftigten einge- und auf den Tag verteilt werden. […] Diese Öffnung würde es Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ermöglichen, ihre Arbeitszeit selbst zu bestimmen und wäre ein wichtiger Schritt in Richtung betrieblicher Flexibilität in einer sich stetig wandelnden Arbeitswelt.“ (Landtag NRW, Drucksache 17/11845)

Damit das Alltagsleben nicht gänzlich zum Dienst eines stets einsatzbereiten Söldnertums mutiert, braucht es mehr als die in vielen Predigten an dieser Stelle empfohlene Kultur gezielter Ausbrüche aus dem „Hamsterrad“ und regelmäßiger Besinnungs- und Gebetszeiten. Angesagt sind ein bewusstes Auftreten für die Erhaltung des Sonntags als gemeinsamer Tag der Erholung und des „Nicht-Kaufen-Müssens“ sowie die ein entschiedenes Engagement für feste Zeiten garantierter Nichterreichbarkeit im Beruf.

Das Leben ein „Kriegsdienst“? Gelebter Glaube, der zuerst den Menschen und danach die Arbeit sieht, sollte zur Kriegsdienstverweigerung führen!

Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

Köln, 1. Februar 2021. „Wie ein Sprecher des Amtsgerichts [Köln] mitteilte, wurde aufgrund der hohen Nachfrage die Anzahl der Online-Termine für Kirchenaustritte von rund 650 auf etwa 1000 pro Monat erhöht. Die Termine für Februar und März seien dennoch bereits ausgebucht. Möglicherweise steht dies in Zusammenhang mit dem umstrittenen Vorgehen des Kölner Kardinals Woelki, der seit Monaten ein Gutachten zum Umgang mit sexualisierter Gewalt in seinem Erzbistum wegen rechtlicher Bedenken zurückhält.“ (Nachrichtensendungen des DLF am 28.1.2021)

Wenn es eine Meldung mit diesem Inhalt bis in den Deutschlandfunk zur besten Sendezeit schafft, dann ist dringendes Handeln angesagt! Das Machtwort des Kardinals hat die Veröffentlichung der Studie gestoppt. Jetzt bedarf es eines wirksamen, auf Einsicht beruhenden Wortes. Dieses kann wiederum nur Kardinal Woelki sprechen, indem er die zeitnahe Veröffentlichung der Ergebnisse der Kölner Missbrauchsstudie ankündigt. Die Auswirkungen von deren Nichtpublikation haben sich längst wie lähmender Spuk über ungezählte Katholikinnen und Katholiken im Erzbistum gelegt. Mehr noch: das Verhalten der Leitungsverantwortlichen streut wie ein Krebsgeschwür weit über die Kölner Bistumsgrenzen Unmengen an Metastasen und lässt bislang hochloyale und engagierte Kirchenmitglieder bis ins Mark erkranken. Sie sind im psychischen wie auch z.T. im physischen Sinn „richtig fertig“. Gleichzeitig werden sämtliche Versuche für einen transparenten und konstruktiven Umgang mit den Folgen des Missbrauchsskandals in anderen Diözesen konterkariert und der Lächerlichkeit preisgegeben. Vielen Kirchenmitgliedern weht der eisige Wind gesellschaftlicher Geringschätzung frontal ins Gesicht und gibt ihnen zunehmend häufig sprichwörtlichen „Rest“. Es schmerzt einfach nur, wenn man/frau mit ansehen muss, wie sich aufgrund der (Nicht)Geschehnisse in Köln die Kirche deutschlandweit vor den Augen einer zunehmend angewiderten Öffentlichkeit förmlich selbst zerlegt. Gottlob finden in diesem Jahr kaum Karnevalsveranstaltungen statt: mit Garantie wäre die jüngste Entwicklung in der katholischen Kirche eines der Topthemen. Wie dem auch sei: Der bislang entstandene Schaden dürfte kaum wieder gut zu machen sein. ABER dieser gespenstisch-dämonischen Entwicklung könnte ein bischöflich wirkmächtiges Wort der Einsicht Einhalt gebieten.

Es wäre ein Handeln im Sinne Jesu, dessen Machtwort die Wirksamkeit von Dämonen beendet und damit für die Betroffenen ein neues, ein befreites Leben ermöglicht. Sicher, das machtvolle Sprechen Jesu beruht nicht auf einer ihm verliehenen „Amtsautorität“, sondern ist Ausdrucksform seiner, um es mit einem Modewort zu sagen, „natürlichen Autorität“. Diese verleiht seinem Wort Wirkung, weil er ganz bei sich und seinem Auftrag, den Anbruch des Reiches Gottes zu verkündigen, ist. Genauso wirken Worte von Menschen in Momenten höchster Übereinstimmung mit sich selbst. Vielen ist hierbei (hoffentlich) z.B. die Wirkung eines aus tiefstem Herzen kommenden Liebesgeständnisses vor Augen. Genauso gilt dies für das Ja-Wort einer Eheschließung. Zu nennen wären aber auch das richtige Wort im Moment echter Vergebung. In Corona-Zeiten gleicht mitunter ein herzlicher Gruß über die Distanz hinweg in seiner Wirkung einem kleinen Wunder. Jedem Menschen ohne Arglist ist ein Reden und Handeln nach dem Beispiel Jesu in diesem Sinne möglich.

Wir wünschen uns von der Kirche umfassend – eigentlich ist dies ganz selbstverständlich – befreiende und lebensstärkende Worte. Sicher, das geht nicht nur an die Adresse der Leitung. Aber das Mindeste ist das „Ja“ des Kardinals zur Veröffentlichung der Ergebnisse der Missbrauchsstudie. Noch wichtiger freilich wären  (seine) Worte im Sinne Jesu, die den angerichteten tiefen Schmerz sehen, bedauern und so eine erste Heilung bewirken.

Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

Köln, 24.1.2021. Disziplin, Treue, Gehorsam - Tapferkeit. Liebe Schwestern und Brüder, als vor 150 Jahren das zweite deutsche Kaiserreich im Spiegelsaal von Versailles ausgerufen wurde, war dies nach allgemeiner Auffassung auf unserer Seite des Rheins den so genannten „preußischen“ Tugenden zu verdanken. Trotz ihrer obszönen Pervertierung durch „Führer und Reich“ waren sie auch noch Anfang 1945 so etwas wie die scheinbar ewig gültigen Naturgesetze für die staatliche Existenz. Wer sich nicht daran gehalten hat, war ein schlechter Mensch und wurde wie Nikolaus Groß, Bernhard Letterhaus, Otto Müller, Marcel Callo, Hans Adlhoch, Gottfried Könzgen – um nur die bekannteren Mitglieder des in der KAB wurzenden Widerstands gegen Hitler zu nennen – wurden sie und viele andere noch lange Jahre nach dem Ende von Krieg und Schreckensherrschaft als „Verräter“ beschimpft und abgestempelt.

Daher war das Aufsehen groß, als die junge österreichische Lyrikerin Ingeborg Bachmann 1952 mit ihrem Gedicht „Alle Tage“ an die Öffentlichkeit trat und in ein paar Zeilen das überkommene Bild vom pflichtbewussten Soldaten- und Heldentum massiv in Frage stellte. Offen plädiert sie dafür, zukünftig Auszeichnungen für das genaue Gegenteil der preußischen Tugenden zu verleihen:

„die Auszeichnung …

… wird verliehen,
für die Flucht von den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtachtung
jeglichen Befehls.“[1]

Fahnenflucht, Geheimnisverrat und Befehlsverweigerung – nicht nur im zweiten deutschen Kaiserreich und während der NS-Herrschaft waren das die absoluten Todsünden. Die Bachmann aber macht sie zu den eigentlichen Tugenden. Nicht mehr im Einsatz gegen den Feind muss sich die Tapferkeit beweisen, sondern vor dem Freund.

Disziplin, Treue, Gehorsam, Tapferkeit. Auch die katholische Kirche predigte in diesem Sinn lange Jahrhunderte von den – ihrer Meinung nach – „alternativlosen Grundlagen“ des individuellen und gesellschaftlichen Lebens. Daher gerieten Nikolaus Groß und alle anderen christlichen Widerstandskämpferinnen und -kämpfer spätestens seit Anfang 1933 in schwere Gewissensnöte. Für die Katholikinnen und Katholiken war ja ihre Kirche sozusagen auch der „Freund“, der „väterliche Freund“, dessen Ratschlägen und Weisungen sie aus ganzem Herzen vertrauten. Was aber, wenn dieser „Freund“ durch seine Äußerungen und sein Gebaren immer fragwürdiger wurde? Die Kirche begann tatsächlich nach der so genannten „Machtergreifung“ langsam fremdartig zu werden. Vieles konnten politisch wache Katholiken aufgrund ihres tief humanen, christlich geprägten Gewissens nicht gutheißen: nicht das Reichskonkordat, nicht den seltsamen Anpassungskurs, den viele Diözesanleitungen einschlugen. Gleichzeitig aber verlangte der „Freund“, verlangte die kirchliche Hierarchie Gefolgschaft und Gehorsam. Nachfragen zur tagespolitischen Taktik waren nicht erwünscht. Anstatt dessen hätten Groß und seine Mitstreiter die von Furchtsamkeit bestimmte Vorsicht gegenüber dem Regime teilen, ja unterstützen sollen. Schließlich forderten auch der Katechismus, ja die Heilige Schrift selbst (vgl. Röm 13) die Unterordnung unter die herrschende staatliche Gewalt. Aber Groß und seine Mitstreitenden konnten dies so nicht akzeptieren. Zu offensichtlich waren die Gewaltexzesse des Hitlerregimes, die Brutalität des Eroberungs- und Vernichtungskrieges und die Anzeichen für die systematische Ermordung der Juden.

So wuchs Alles in allem die Distanz der verfassten Kirche zu Nikolaus Groß. In seinen Erinnerungen weist einer seiner Söhne, Alexander Groß, darauf hin, dass kein einziger Bischof oder Generalvikar je ein Zeichen des Mitgefühls seinem in Berlin-Moabit inhaftierten Vater hätte zukommen lassen. Schlimmer noch: Der damalige Nuntius Cesare Orsenigo ignorierte systematisch alle Versuche, ihn zu einem Gnadengesuch für Groß zu bewegen. Das war der Ernstfall für die

Tapferkeit vor dem Freund. Ingeborg Bachmann spricht mit diesem Wort die existenzielle Einsamkeit des entschlossenen Menschen, der sich treu bleibt, an. Groß achtete die verfasste Kirche als Teil seines lebendigen Glaubens. Und dennoch wuchsen gerade in den Jahren des Widerstands und dann in der Todeszelle seine Selbstverantwortlichkeit und das Gespür für das eigene Gewissen. Nur so konnte er den Weg des politischen und moralischen Widerstands entgegen den Weisungen und Vorstellungen der Amtskirche bis zum Ende gehen.

Es kann auch heute solche Momente in und gegenüber unserer Kirche geben. Es sind Augenblicke, in denen die Tapferkeit vor dem Freund, die Tapferkeit der bislang „treuen Katholikin“/des “treuen Katholiken“ vor dem Bischof, dem Pfarrer oder dem einflussreichen Gemeindemitglied unbestreitbar gefordert ist. Menschen, die diese Tapferkeit praktizieren, sind z.B. jene Gläubigen und Kleriker, die im Missbrauchsskandal geschehenes bzw. noch geschehendes Unrecht als solches benennen und auf den immensen Schaden für den Glauben hinweisen. Sie wissen, um es mit einem anderen Wort von Ingeborg Bachmann zu sagen, dass die „Wahrheit dem Menschen zumutbar“ ist. Sie sind aufgrund ihres Gewissens zutiefst davon überzeugt, dass die Wahrheit kein Taktieren und Hinhalten, sondern einfach nur Mut braucht. Ich habe großen Respekt vor jenen Gemeindemitgliedern, die bereits in den 60er und 70er Jahren das in ihrer Pfarrei geschehende Unrecht, vertuschte Übergriffigkeiten und deren Beschönigung, die das alles gegen den breiten Widerstand vor Ort beim Namen genannt haben und sich – leider meistens vergeblich – an die Vertreter der Kirchenleitung gewandt haben. Und bis heute verdienen in unserer Kirche Frauen und Männer alle Achtung, die in diesem Sinn die Wahrheit als moralisch verpflichtende Zumutung begreifen und praktizieren.

Sie geben der Wahrheit in ihrem Leben Raum und sie wissen, was das bedeutet: den Abschied von einem Kirchenbild, das bislang Rückhalt suggeriert hat; den Abschied von Hirten, die einem gerne Entscheidungen abnehmen; den Abschied vom kuscheligen Herdengefühl unter Gleichgesinnten. Schauen wir auf Nikolaus Groß und halten ausdrücklich fest: der Wahrheit die Ehre zu geben und tapfer vor dem Freund zu bleiben, bedeutet nicht die Aufkündigung der Freundschaft. Ganz im Gegenteil: weil mir am Freund, weil mir an der Kirche unendlich viel liegt, kritisiere ich sie aufrecht. Der Lohn, die Auszeichnung dafür scheint erbärmlich: Die Bachmann spricht vom „armselige[n] Stern / der Hoffnung über dem Herzen“.

Nikolaus Groß und alle anderen Märtyrinnen und Märtyrer des Widerstands tragen diesen Stern mit Stolz. AMEN

„Wir haben sie in der Tat und wir benötigen sie, weil wir als Menschen ein kleines Gehirn haben, das effektiv arbeiten muss“ – sagt die Sozialpsychologin Juliane Degner über die scheinbare „Notwendigkeit“ von Vorurteilen[1]. - „Kommt und seht!“, fordert Jesus zu Beginn des Johannesevangeliums auf: Überzeugt euch selbst und bleibt nicht beim „Hörensagen“ stehen. Im konkreten Kontext bedarf es dazu wenig Aufwand, denn die Einladung gilt zwei jungen Männern, die sich offenbar brennend dafür interessieren, wer Jesus wirklich ist und was es mit ihm auf sich hat.

„Kommt und seht“ ist der Impuls zur stetigen Auseinandersetzung mit den Quellen meiner Vorurteile. Nicht selten fußen diese auf Halbwahrheiten und Fakenews. In der Regel müssten Fakenews schon allein dadurch auffallen, dass sie nachgerade inflationär immer wieder meine Sicht von Menschen und Dingen bestätigen. Und in der Regel bringen sie mich dazu, noch schlimmer über dieses und jenen zu denken und mich noch mehr aufzuregen. Darüber hinaus liefern sie mir allzu niederschwellig einen „guten Grund“ dafür, fast ununterbrochen pauschal meinen Ärger über gesellschaftliche Fehlentwicklungen zu äußern.
Mir fällt auf, dass ich tendenziell eher bereit bin, etwas zu glauben, das mich ärgert als etwas, das mich freut. So bleiben meine Vorurteile funktionsfähig und können jederzeit Anlässe zur Entrüstung liefern. Ja, es scheint so, dass die uneingeschränkt positive Darstellung einer Person besonders verdächtig und damit unglaubwürdig ist. Ich brauche also dringend eine Strategie, um wirklich gute Nachrichten zu erkennen und damit auch Fakenews von „Good News“ zu unterscheiden. Was aber sind wirkliche „gute Nachrichten“?

Gleich zweimal bietet das Evangelium, das den Jahreskreis 2021 eröffnet, „Good News“. In beiden Nachrichten geht es um die Bedeutung Jesu. Johannes der Täufer zeigt auf ihn und bezeichnet ihn als das „Lamm Gottes“. Nach langen Stunden eines ersten Kennenlernens kommen die bereits erwähnten jungen Männer aus dem Umfeld des Täufers zu dem Ergebnis, den Messias gefunden zu haben. „Lamm Gottes“ und „Messias“ sind zwei bedeutungsschwere Aussagen dazu, dass nun endlich das erwartete endzeitliche Heil in der Person Jesu angekommen ist. In beiden Bezeichnungen stecken sowohl die immense Freude darüber, dass der Erwartete nun endlich da ist, als auch das Leid, das ihm bevorsteht. Denn insbesondere die Rede vom „Lamm Gottes“ verweist deutlich auf die Figur des leidenden Gottesknechts aus dem Ersten Testament.

Eine wirkliche gute Nachricht benennt somit auch das Leid, das ggf. hinter dem Glück steckt, das sie verkündet. Die in diesem Sinn frohe Botschaft des Johannes bietet daher auch keine einfache Lösung für die Lebensprobleme damaliger und heutiger Adressaten. Sie will vielmehr dazu befähigen, diese selbst zu finden und – vom Ende her betrachtet – auf österliche Weise nach Lösungen zu suchen: aufmerksam für eigene Vorurteile, sensibel für die von diesen Lösungen Betroffenen und stets transparent in der Benennung entstandenen Leids. In diesem Sinn sind gute Nachrichten jene, die mich veranlassen, Neues zu denken, Neues zuzulassen und mich zum Umdenken veranlassen. Sie bewegen mich zur Aufgabe meines bisherigen Standpunkts und ermutigen mich, neue Erfahrungen zu machen.
Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands 
(1https://www.deutschlandfunk.de/schubladen-im-kopf-wie-vorurteile-unser-denken-bestimmen.1148.de.html?dram:article_id=371714

„Er schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Gasse erschallen“ (Jes 42,2). Es kann keinen größeren Kontrast zu den verstörenden Bildern vom Sturm auf das Capitol in Washington geben als diese Aussage über das Wirken eines namenlosen Propheten am Ende des babylonischen Exils des Volkes Israel. – Kein Getöse und gewalttätiges Herumschreien von Hassparolen: nichts brauchen wir mehr, um mit etwas mehr Hoffnung auf den Gang der Weltpolitik schauen zu können. Das systematische Niederbrüllen von Andersgesinnten und die Ausschaltung aller Störfaktoren der eigenen oder auch staatlich verordneten Sicht auf die Wirklichkeit, - Dauermaßnahmen wie diese waren typisch für die babylonischen Zwingherren der jüdischen Exilierten. Dem heutigen politischen Populismus sind diese Methoden alles andere als fremd.

Doch trotz aggressiver „Dauerbeschallung“ und permanenter Einschüchterung haben für die unterdrückten Israeliten die babylonischen Götter nicht das letzte Wort. Dieses kommt von einem historisch nicht fassbaren Hoffnungsträger, dem so genannten „Gottesknecht“. Er ist namenlos, aber ganz und gar nicht wirkungslos. In seinem ruhigen, unscheinbaren Auftreten zeigt sich die Machtlosigkeit der Staatsgötter (vgl. Jes 41,21-29). Das Jesajabuch schildert ihn als Gegenentwurf zu den laut tönenden „Nichtsen“ der Staatsreligion. Es zeigt einen vom Geist Gottes erfüllten Menschen, der hartnäckig und zugleich fürsorglich agiert. So entsteht genau das Gegenbild zu den damaligen und heutigen „Supermännern“ an der Staatsspitze: Einfühlsam, schützend, behütend und aufrichtend bringt der „Gottesknecht“ Recht für Israel und alle Völker. Nicht gewaltsam setzt er Recht durch, sondern von Gott selbst an der Hand genommen.

Kein Lärmen und Schreien zur Durchsetzung der eigenen Position. Mit dieser Hoffnung wider alle Hoffnung gehe ich in das noch junge Jahr 2021. Denn mir ist klar, wer mit Gebrüll und Aggression seine Sicht der Dinge durchsetzt, der vergiftet sich selbst und andere. Wer es nötig hat, das gesellschaftliche Klima weiterhin mit Angst zu durchdringen, der veranlasst am Ende viele der davon Betroffenen zum gleichen Verhalten.

So hoffe ich inständig auf die großen und kleinen Hoffnungsträger für dieses Jahr: auf die Menschen, die ohne zu schreien und unaufgeregt im Stillen Großes wirken, auf die Gottesknechte und Gottesmägde der Gegenwart.

Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands 

„Du willst mir ein Haus bauen, damit ich darin wohne?“ (2Sam 7,5). So fragt Gott durch den Mund des Propheten Natan bei König David nach, der es für selbstverständlich hält, nach dem Bau seines eigenen Palastes nun auch Gott eine adäquate Wohnstatt zu errichten. Dreitausend Jahre später hat sich für ihn die Sache scheinbar erledigt. Wir sprechen von Gotteshäusern und sehnen uns nach einem weihnachtlichen Besuch bei Gott anlässlich des großen Festes, das normalerweise bei ihm „zuhause“ gefeiert wird.

Dabei hat Gott auch 2020 genauso wenig eine feste Adresse vorzuweisen wie schon zur Zeit des Königs David. Ja, er wehrt sich gegen dessen Absichten in der Art und Weise von, die aus festem Entschluss keine feste Bleibe besitzen und aus freien Stücken auf der Straße leben. Ich vermute bei Gott zwei triftige Gründe für seine Gegenwehr. Einen ersten Hinweis finde ich im lateinischen Wort für Haus, „domus“. Gott will sich nicht auf ein „domus“ anpassen, will sich nicht „domestizieren“ lassen. Er verweigert sich der hiermit gemeinten Zähmung und widersetzt sich damit allen Versuchen, ihn auf ein häusliches Format herunterzubringen, das ein gemütliches Zusammenleben mit ihm ermöglicht. Dieser Vorgang findet im übertragenen Sinne auch dort statt, wo Gott in theologischen Denk- und Lehrgebäuden eine Wohnung aufgenötigt wird. Aber auch hier geht es nicht um seine Beherbergung, sondern um die Sehnsucht der gottesgelehrten Bauherrinnen und Bauherren, sich Gott mit einem festen Rahmen sichern und damit berechenbar machen zu können. Dabei müssten sie doch am besten wissen, dass dieser Versuch von Anfang an zum Scheitern verurteilt sein muss: an jedem Weihnachtsfest erinnert uns der Evangelist Johannes ausdrücklich daran, dass Gott rein äußerlich betrachtet unter uns keine Wohnstätte hatte, sondern lediglich „gezeltet“ hat (Joh 1,14). Doch gerade in der Enge eines Zeltes kann man einander sehr nahe kommen …

In der Tat geht es Gott um die Nähe zu jedem Menschen. Daher – der zweite Grund – bindet er sich nicht an Gebäude, sondern an uns als Wesen aus Fleisch und Blut. Bei Licht besehen sind wir nämlich selbst gar nicht die sesshaften Wesen, für die wir uns vielleicht gerne halten und als die uns die Quasihausarreste des pandemiebedingten Lockdowns erscheinen lassen. In Wirklichkeit unterwirft uns das Leben vom Anfang bis zum Ende einer Vielzahl von Wechseln, Verwundbarkeiten und Vorläufigkeiten – angefangen vom Auszug aus dem Mutterleib bis zum letzten Umzug auf den Friedhof. Hinzu kommen die zeitbedingte vielfache Verängstigung und/oder Reizbarkeit. Aber genau an diese Art von Wesen bindet sich Gott und verleiht so einer jeden und einer jeden von uns eine Würde, die wir uns niemals selber geben könnten. Mit den Augen des Evangeliums betrachtet scheint diese bei jenen am deutlichsten auf, die am wenigsten dafür tun können, groß, bedeutend und toll dazustehen. Stellvertretend für dieses Unvermögen sei Maria aus Nazareth genannt, eine unbedeutende junge Frau aus bescheidenen Verhältnissen.

Gott ohne feste Adresse? Nicht ganz. Zur Untermiete lässt er sich im Sinn des Bedachten auf jeden Fall überreden.

Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands 

„Löscht den Geist nicht aus!“ - Wie eine Selbstverständlichkeit liest sich die Mahnung des Völkerapostels Paulus am Ende des ersten Briefes an die noch in den Kinderschuhen steckende Gemeinde in der makedonischen Hauptstadt Thessaloniki (1Thes 5,19). Fast überflüssig scheint dieser Hinweis, beweist doch das Schreiben selbst, wie intensiv sich die erst kürzlich zum Glauben an Christus Gekommenen mit der Frohen Botschaft auseinandersetzen. Mit beeindruckender Dynamik stellen sich hier Christinnen und Christen den ganz großen Fragen, deren Beantwortung auch heute noch von entscheidender Bedeutung für die Überzeugungskraft der Kirche ist: Glaube, Hoffnung, Weltoffenheit und Nächstenliebe, Auferstehung und die Endlichkeit des eigenen Lebens, um nur die wichtigsten Themen zu nennen. Salopp übersetzt fordert Paulus von seinen Adressat*innen nichts anderes, als in Sachen Evangelium „am Ball“ und damit lebendig zu bleiben.

„Löscht den Geist nicht aus!“ – Heute scheint dieser Appell ungehört verhallt, denn manche Entwicklungen in der katholischen Kirche machen nachgerade den Eindruck einer Gebrauchsanweisung zum Geistauslöschen: Diözesen, in denen sich nach jahrelangen fruchtlosen Strukturdebatten nun auf einmal alles um die gewaltigen Mindereinnahmen bei der Kirchensteuer und die Folgen jahrelanger Misswirtschaft dreht. Oder der Umgang mit persönlicher Verantwortung im Kontext des Missbrauchsskandals. Oder einfach nur die (vielleicht nicht einmal bewusste) Vermeidung von Gegenwartsbezügen in der Verkündigung. Ein aktuelles Beispiel: Während der Eucharistiefeier zum Dritten Advent in einer Kleinstadt nahe Bonn liest der Zelebrant einen im Internet ausgegrabenen Predigttext aus dem Jahr 2014 vor und ergeht sich über den vorweihnachtlichen Einkaufsstress, die „sicherlich weit verbreiteten“ Ängste vor einem nicht perfekten Heiligabend und die Freude, die wir alle doch mehr empfinden sollen. Am gleichen Wochenende sterben weitere 800 Menschen auf deutschen Intensivstationen mit oder an Covid-19, droht einer Viertelmillion Beschäftigten im Einzelhandel die Entlassung wegen des Umsatzeinbruchs im zweiten Lockdown und kaum jemand bleibt von der Frage nach dem „Wie?“ des diesjährigen Weihnachtsfestes unberührt. Eine lebendige Auslegung der Lesungstexte kann an dieser Realität nicht vorbei! Anstatt dessen realitätsferner Kult für hartgesottene Kirchgänger*innen.

Den Geist nicht auslöschen, heißt für mich, Liturgie und Gebet mit einem besonderen Blick für die von den Lockdown- und Quarantänemaßnahmen besonders hart betroffenen „kleinen Leuten“ und sozial Schwachen zu gestalten. Dies kann und soll sich in der Kollekte für die entsprechenden Hilfsprojekte vor Ort konkretisieren. Noch wichtiger aber ist es, um ebendiesen Geist ausdrücklich zu bitten: um den Geist der Stärke und der Unterscheidung. Er hilft uns, der wachsenden Angst in diesen Tagen ins Auge zu blicken und angesichts der nahenden Einschränkungen intensiv über die Wege zu jenen Menschen nachzudenken, von denen wir wissen, dass sie uns brauchen: Erkrankte und Trauerende; Singles, die diesmal noch einsamere Weihnachten „feiern“ und schließlich all jene Freunde und Bekannten, die beruflich unter Druck geraten (sind).

Von Herzen wünsche ich Ihnen, dass Sie in diesen Tagen selbst zu einer Gebrauchsanweisung für die Kraft des lebendigen, des Heiligen Geistes werden.

Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

Allem Anschein nach stehen uns schreckliche Wochen bevor. Nach der Verlängerung des spätherbstlichen Teil-lockdowns und der weiteren Einschränkung persönlicher Begegnungsmöglichkeiten findet ein Überbietungswettbewerb in der Beschreibung der auf uns bis Weihnachten zukommenden Entbehrungen statt. In der Tat fällt in den vier letzten Wochen des „Corona-Jahres“ 2020 fast alles weg, was mit bislang unhinterfragter Selbstverständlichkeit zum Standardrepertoire eines normalen Dezembers zu gehören schien: Weihnachtsmärkte, Weihnachtsfeiern, Weihnachtskonzerte, Weihnachtsrummel und natürlich die Vorfreude auf den Skiurlaub. Der Ausfall der meisten „Weihnachtsklassiker“ wird in einer Art und Weise beklagt, als ob Weihnachten selbst schon gestrichen wäre. Mehr noch! Am Ende der erwartbar tristen Adventszeit scheint uns kein Heiliger Abend, sondern, so ein wenig gelungenes Wortspiel, ein Harter Abend bevorzustehen.

Spätestens hier sollte man/frau es mit dieser Art von Jammern auf hohem Niveau gut sein lassen. Genügt schon der notgedrungene Verzicht auf die gewohnten Stimmungsmacher, um Advent und Weihnachten 2020 vorausschauend mit einem Vokabular zu beschreiben, das an die ersten Nachkriegswinter erinnert? Wenn jemand mit Recht über eine harte Weihnachtszeit samt „Hartem Abend“ klagen kann, dann mit Sicherheit nicht das Gros derer, die in diesem Jahr mindestens genauso viele Geschenke kaufen werden wie schon 2019. Von wirklicher Härte sind aber die betroffen, durch die der Geschenkerummel erst möglich wird: Paketzusteller*innen, Verkäufer*innen, Mitarbeiter*innen in den Verkehrsbetrieben und viele mehr. Sie sind es, die den anderen auch in diesem Jahr die Vorbereitung und Feier des Heiligen Abend ermöglichen. Da es aktuell kaum mehr als „Christmas-Shopping“ für den Aufbau vorweihnachtlicher Gefühle gibt, wird auf ihnen eine zusätzliche Last liegen. Trotz der zumindest für den Onlinehandel vorhergesagten Rekordumsätzen dürften die Paketbotinnen und -boten genauso wenig angemessen verdienen wie die Angestellten im Einzelhandel.

Es stimmt, dass die diesjährige Vorweihnachtszeit kaum Ablenkungen vom grauen Pandemiealltag bieten wird. Wäre es nicht eine noble Geste, die so entstehenden Freiräume für den ein oder anderen Gedanken an diese Menschen, die wir im Frühjahr als „Corona-Held*innen“ gefeiert haben, zu nutzen? Der Evangeliumstext für den Zweiten Adventssonntag spricht von der Umkehr, die Johannes als Vorbereitung auf die Ankunft des Erlösers anmahnte. Wörtlich übersetzt bedeutet Umkehr im neutestamentlichen Griechisch so viel wie „neu erkennen“ bzw. „neu hinschauen“. Genau das braucht anstatt all des Redens von den Härten dieser Adventszeit: den neuen Blick auf die Menschen, die für uns das gewohnte Leben und Konsumieren in Gang halten. Und wenn dann noch ein bewusst herzliches Dankeschön über unsere Lippen käme, ja vielleicht sogar fallweise ein greifbares Zeichen der Anerkennung, dann wird vielleicht der Heiligabend gar nicht so hart.

Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

„Seht euch also vor und bleibt wach“. Wach bleiben, wachsam sein – darin sind wir seit Ausbruch der Coronapandemie bestens geübt. In der Kölner Stadtbahn erkenne ich „Maskenverweigerer“ schon aus der Ferne und weiche ihnen großräumig aus, bewerte jede Begegnung nach dem persönlichen Ansteckungsrisiko und halte mich fast schon zwanghaft an die Hygieneregeln. Natürlich ist diese Art von Wachsamkeit für mich genauso überlebensnotwendig wie für den Rest unserer Gesellschaft. Es geht um Rücksicht und Vorsicht; doch diese allein retten uns nicht.

In ihrem ersten, an diesem Sonntag nicht vorgelesenen Teil, mahnt die Endzeitrede im Markusevangelium umfassender zu einer sozialen Wachsamkeit der offenen Augen. Gemeint ist ein genaues Hinschauen auf das, was zwischen den Menschen passiert. Es geht um den Blick auf das stets verletzbare Beziehungsgeflecht im privaten Lebensbereich und in der Arbeitswelt. Gefragt ist ein feines Gehör für gesellschaftliche Zwischentöne und Misstöne. Vonnöten sind Menschen, die mit einem guten Gespür für die jeweils persönlichen Ursachen auf Abhängte und „Nach-unten-Durchgereichte“ zugehen. Nur so bekommen jene Personengruppen ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit, die von den sozialen und finanziellen Auswirkungen der spätherbstlichen Lockdownmaßnahmen wirklich betroffen sind. Ihre Stimme ist leider um ein wesentliches leiser als der wöchentlich inszenierte Aufschrei derer, die sich mit größtenteils unerträglichen Vergleichen als die „Opfer der Staatswillkür“ stilisieren. Das Gegenteil von greller Selbstdarstellung praktiziert der von Jesus geschilderte Türhüter (bzw. Türhüterin). Er kann seine Aufgabe nur richtig erfüllen, indem er mit liebender Aufmerksamkeit den Menschen und Zeitläuften zugewandt ist und so aus dem Geschehenden heraus das Kommen seines Herrn erkennt.

Damit aber nicht genug. Die vom Evangeliumstext eingeforderte Wachsamkeit bezieht sich nicht nur auf persönliche Vorsicht und aufmerksame Zeitgenossenschaft, sondern meint in erster Linie einen ebenso klaren wie unaufgeregten Blick auf die Endlichkeit dieser Welt. Christinnen und Christen erkennen in den Katastrophen ihrer Zeit und den gesellschaftlichen Verwerfungen der Gegenwart die Vorboten des Todes. Der Tod selbst aber hat für sie nicht das letzte Wort. Daher verschließen sie ihre Augen nicht vor den Geschehnissen, sondern setzen sich mutig mit ihnen auseinander. Sie stellen sich auf die aktuelle bzw. drohende Gefahr ein und versuchen adäquat zu handeln. Im Idealfall praktizieren Christinnen und Christen so eine reife Wachsamkeit, der in einer tragenden Selbstverständlichkeit bewusst ist, dass nichts in diesem Leben und nichts auf dieser Welt ewig ist.

Wer aus diesem Bewusstsein lebt und handelt, liest den vermeintlich düsteren Text des Evangeliums zum ersten Advent 2020 nicht wie die Ankündigung eines unvorhersehbar plötzlichen Todes oder des Weltendes, sondern als Ermutigung zur persönlichen Übernahme des „Türsteherjobs“.

Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

„Eine tüchtige Frau, wer findet sie?“ Wer auf der Suche ist, muss wissen, wen er finden will. Für die Herausgeber der kirchlichen Leseordnung ist dies offensichtlich das sprichwörtliche „Heimchen am Herd“. Die Heilige Schrift bringt im 31. Kapitel des sogenannten Buches der Sprichwörter eines der großartigsten Lobgedichte in der Literaturgeschichte auf starke Frauen. Zu stark und energisch für die (überwiegend dem Klerus angehörigen) Redakteure der kirchlichen Lesungstexte. Aus ihrer Arbeit resultiert hier ein fragwürdiger Zusammenschnitt von Einzelversen. Am Ende bleibt gerade noch eine Ehegattin übrig, deren Hauptaufgaben auf häusliche Tätigkeiten reduziert sind. Der vermeintliche Klassiker des überkommenen katholischen Frauenbilds, möchte man mutmaßen.

Der volle Originaltext hingegen schildert von A bis Z – die Verszeilen sind kunstvoll nach dem hebräischen Alphabet angeordnet – eine Frau, der wohl nur wenige Männer das Wasser reichen können. Sie steht souverän im Leben, ist als erfolgreiche Unternehmerin tätig und sozial engagiert. Wir treffen hier eine selbstbewusste Geschäftsfrau, die familiär und beruflich gut vernetzt ist und bewusst ihr Image in der Öffentlichkeit pflegt. Für mich ist diese Frau in vielerlei Hinsicht ein Vorbild: hier wird mir ein Mensch vorgestellt, der offensichtlich Gott in allen Dingen zu finden weiß und aus dieser Verwurzelung heraus sein Leben meistert.

Dennoch ginge es in die falsche Richtung, wenn eine multitaskende Topmanagerin unserer Tage oder eine Spitzenpolitikerin mit Familie als Beispiel für das grandiose Frauenlob im Buch der Sprichwörter stünde. Besser wäre es, wenn der Blick auf Geringverdienerinnen fiele, die trotz schwierigster Rahmenbedingungen „ihre Frau stehen“. Zwar ist die Frage am Beginn des Textes rhetorisch gemeint, dennoch begebe ich mich auf die Suche und werde schnell fündig. Ich begegne einer übermüdeten Frau, die von vier bis halbsieben Uhr morgens als Reinigungskraft tätig ist, sich dann um ihre beiden schulpflichtigen Kinder kümmert und am frühen Abend noch einmal für drei Stunden putzen geht. Der Ehemann im biblischen Text kommt im Kontext ihres Lebens nach der Scheidung vor fast zehn Jahren auch finanziell nicht mehr vor. Einen solchen hat die fünfzigjährige Altenpflegerin zwar noch, dennoch arbeitet sie mit wachsenden Rückenbeschwerden Vollzeit, um an der Seite ihres arbeitslosen Mannes die Hypothek auf die Eigentumswohnung bedienen zu können. Ich denke aber auch an die alleinstehende Erzieherin, die für ihren Beruf schlichtweg alles gibt und gleichzeitig von den Ansprüchen der Eltern schier erdrückt wird. Auch das sind erfolgreiche Frauen und es ist höchste Zeit, dass sie gelobt und öffentlich anerkannt werden.

„Eine tüchtige Frau, wer findet sie?“ Wer mit offenen Augen und Gespür für die vielen Dienstleistungen in seinem Leben durch die Welt geht, trifft sie auf Schritt und Tritt. Ihrer sind so viele, dass das 31. Kapitel im Buch der Sprichwörter für den kirchlichen Liturgiebedarf nicht gekürzt werden darf, sondern um ein Vielfaches erweitert werden muss.

Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

Die nach ihm benannten Umzüge müssen in diesem Jahr ausfallen, aber von seinem Ross, das den Soldaten Martin geschwind fortgetragen hat, wird dennoch gesungen. Viele Kinder werden sich noch an die Vorjahre erinnern, wo fast allerorten ein Reiter mit mehr oder weniger prächtiger Rüstung samt Pferd eine der Hauptattraktionen des abendlichenLaternentragens war. Ein Martinszug ohne Ross und Reiter? Eigentlich kaum denkbar …

Dennoch: die älteste erhaltene Darstellung in einem liturgischen Buch aus dem 11. Jahrhundert zeigt einen heiligen Martin ohne Pferd. Hier begegnet dieser dem Bettler im wahrsten Sinn des Wortes auf Augenhöhe. Dieses ungewohnte Bild lässt zumindest mich neu über den tieferen Sinn des berühmtesten Abschnitts aus der Martinserzählung nachdenken.

An erster Stelle werde ich daran erinnert, dass Bedürftige und Arme bis ins Hochmittelalter hinein ein integraler Bestandteil der Gesellschaft waren, der auf Augenhöhe die ihm zugedachten Gaben empfangen hat. Die Gebenden handelten ihnen gegenüber nicht aus Mitleid, sondern in der hoffenden Gewissheit, bei Gott mit ihren guten Taten „punkten“ zu können. Erst ab dem 14. Jahrhundert finden sich immer mehr Darstellungen von Bedürftigen in einem beklagenswerten Zustand. So scheint es bis heute geblieben: Arme sollten etwas Bedauernswertes an sich haben, sollten offensichtlich gerechtfertigter Hilfe bedürfen. Was aber, wenn sie aufrechten Gangs einen Anspruch auf Zuwendung hätten?

Ein Zweites. Wer geben kann, sollte sich im Klaren darüber sein, dass er schnell Gefahr läuft, eine höhere Position einzunehmen als der Empfangende. Tatsächlich erfolgt vieles an caritativer Hilfe gerade in einem so reichen Land wie dem unseren gewissermaßen „vom hohen Ross“ herab. Entscheidend ist, ob dieses Gefälle schließlich zu einem Ausgleich zwischen Gebendem und Empfangenden führt. Dazu aber muss Frau oder Mann in der heutigen Rolle des mantelteilenden Heiligen vom Pferd herunter. Sie/Er sollte darüber hinaus bereit sein, sich durch die Situation und Wirklichkeit des Bettelnden verändern zu lassen. Und am Ende selber vom Gebenden zum Empfangenden zu werden.

So gesehen stellt ein Heiliger Martin ohne Pferd eine Reihe recht ungewohnter Fragen: stehe ich schon auf der Höhe des Bettlers und muss man bei mir zweimal hinschauen, um mich noch vom Empfangenden unterscheiden zu können? Will ich die Augenhöhe und damit die innige Bekanntschaft mit dem, der sich durch mich genauso verändern wird, wie ich durch ihn verändert werde?

Niemand hat diese neue Sicht auf den heiligen Martin bislang so treffend ins Wort gebracht wie die 2016 verstorbene Lyrikerin Ilse Aichinger:

„Nachruf

Gib mir den Mantel, Martin, / aber geh erst vom Sattel / und lass dein Schwert, wo es ist, / gib mir den ganzen“

(Aus: Verschenkter Rat, S. Fischer, 1978)

Die Forderung des Bettlers, wie sie Ilse Aichinger formuliert, stellt das System des modernen Mitleids auf den Kopf. Der Zerlumpte will keine Almosen, nicht den Euro, den man im Vorübergehen achtlos oder ein wenig peinlich berührt in den umgedrehten Hut wirft, froh, ohne großes Nachdenken eine gute Tat vollbracht zu haben.

Und dann fängt der Bettler zu reden, ja zu schreien an … Und hoffentlich ist seine Stimme laut genug.

Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

Es scheint unpassend,  diese Frage zu stellen. Zum  einen, weil es so viele Heilige gibt (2004 zählte das  Martyrologium Romanum als amtliches Verzeichnis mehr als 6600 Heilige und Selige), dass sich ganz bestimmt für jede Lebenslage der bzw. die Passende finden wird. Zum anderen werden Heilige nicht nach Bedarf ernannt, sondern aufgrund der amtskirchlich objektiven Feststellung, dass ihr Leben heilig und damit für alle Gläubigen vorbildlich war.

Doch bei näherem Hinsehen tauchen berechtigte Zweifel an der Heilig- bzw. Seligkeit einiger Frauen und Männer auf. So zeigt sich beispielsweise beim Blick auf das Leben und Wirken selig- und heiliggesprochener Päpste, dass hier vor allem ein bestimmter Politikstil, ein auf Rom zentriertes Kirchenbild oder auch eine verengende Fixierung auf bestimmte Themen des Lehramts zur „Ehre der Altäre“ erhoben werden sollte. Die jeweilige Person als solche blieb und bleibt dabei durchaus fragwürdig. Ich persönlich jedenfalls kann an der überzogenen Selbstdarstellung und knallharten innerkirchlichen Machtpolitik des seliggesprochenen Papstes Pius IX wenig Nachahmenswertes entdecken. Von solchen Seligen und Heiligen brauchen wir wohl nicht allzu viele.

Welche aber dann? Papst Franziskus gibt offensichtlich einen Hinweis mit seiner Zustimmung zur Seligsprechung des 15-jährig an Krebs verstorbenen „Computernarrs und frommen Genies“ Carlo Acutis. Dessen Begeisterung für den Cyberspace dürfte der Lebenswelt vieler Jugendlicher recht nahe kommen. Näher jedenfalls, als der bislang fürs Internet zuständige Bischof und Informationssammler Isidor von Sevilla, der vor 1400 Jahren gewirkt hat. Zeitgemäß ist freilich auch der rummelartige Kult, der um den Teenager-Seligen veranstaltet wird. Dies rührt nicht zuletzt daher, dass Carlo die letzten Monate seines Lebens und seiner Erkrankung öffentlichkeitswirksam in den Dienst von Papst und Kirche gestellt hat.

Eine andere Art von Heiligkeit

Zwar ist der Hype um eine bestimmte Person in der Geschichte der Heiligen und Seligen nichts Neues – man denke nur an einen Franz von Assisi oder eine Catarina von Siena -, dennoch braucht es in unseren medial überladenen Tagen eine andere Art von Heiligkeit. Menschen, die sich durch diese andere Art auszeichnen, passen jedoch nicht in die kirchlichen Vorgaben für eine Heiligsprechung. Sie sind noch quicklebendig, vollbringen scheinbar keine Wunder und erfüllen wahrscheinlich eher selten die kirchlich geltenden Moralvorschriften. Manchmal werden sie als „Heldinnen und Helden des Alltags gefeiert“. Aber diese Ehrbezeugungen gehen ebenso schnell wie folgenlos vorüber. Beim Anblick der sprichwörtlichen Frauen an der Kasse, einigen von ungezählten Überstunden gezeichneten Pflegern auf den Intensivstationen, von Reinigungskräften und vielen anderen Menschen, die einfach und zuverlässig in schwierigen Zeiten ihren Job und mehr machen, sieht man nicht sofort, dass dies etwas mit der für heute bedeutsamen Heiligkeit zu tun hat. Allerheiligen bietet nicht nur die Chance, bewusst auf verstorbene Vorbilder zu blicken. Nach den schweren Monaten dieses Jahres sollten wir aktiv nach denen Ausschau halten, die uns bislang durch ihren unaufgeregten und aufopferungsvollen Dienst getragen haben. Wenn wir ihnen danken, ehren wir vielleicht zukünftige Heilige.

Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

Ein vertrautes Bild aus dem Alltag: Menschen, die selbst inmitten von Straßenrummel und dickem Verkehr über ihr Handy gebeugt sind und scheinbar pausenlos kommunizieren. Ihre Erscheinung ist so typisch, dass für sie die Jungendsprache das Kunstwort „Smombie“ (Smartphone + Zombie) erfunden hat. Ein Smombie ist ein Mensch, der von seinem Kommunikationsbedürfnis durch und durch geprägt ist.  

Der Kaiser in der Tasche

„Was prägt euch?“ Im Kern geht es Jesus genau um diese Frage und er entkommt damit der tödlich perfekten Falle, die ihm die Pharisäer und die Anhänger des Herodes mit der Frage, ob es erlaubt sei, dem Kaiser Steuern zu zahlen, gestellt hatten (vgl. Mt 22,15-21). Er lässt sich einen Denar zeigen, das Zahlungsmittel mit dem Prägebild des Kaisers. Bei jedem Kauf sollte man vor Augen haben: Das ist der Kaiser, der Herrscher deines Landes. Von ihm kommen die Devisen. Ihm verdankst du dein geregeltes Leben, politische Sicherheit und wirtschaftliches Auskommen. Die Gegner Jesu haben diese Münze griffbereit in der Tasche. Sie zeigen damit das, was sie mit sich herumtragen, das worauf sie täglich schauen: auf den Kopf des Kaisers Tiberius, der sich auf der Münze „Sohn des Gottes Augustus“ nennt. „Das ist es“, so höre ich Jesus sagen, „was euch täglich vor Augen steht und was ihr sofort zur Hand habt.“ Wer den Kaiser ständig mit sich herumträgt, wer das römische System im Kopf hat, der soll dem Kaiser auch geben und schön nach Rom abführen, was von dort kommt und womit er sich selbst identifiziert, ja infiziert hat: Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört!

Das Prägebild des politischen und wirtschaftlichen Alltags

Die Reaktion Jesu gibt mir zu denken. Zurecht weist er darauf hin, dass ein Gesellschafts- und Wirtschaftssystem die Menschen, die in und mit ihm leben, durch und durch prägen kann. Dies geschieht umso mehr, je mehr Menschen auf der Schattenseite dieses Systems ihr Dasein fristen müssen. Der Welttag der menschenwürdigen Arbeit rückt genau diese Menschen in den Fokus. Vielfach gelten ihre Berufe und Jobs als systemrelevant. Beispielsweise als Pflegekräfte in Krankenhäusern und Seniorenheimen leisten sie weltweit und in unserem Land Großartiges. Aber solange sie nicht ausreichend verdienen und sie ihren Dienst unter dem Effizienzzwang rein betriebswirtschaftlicher Vorgaben verrichten müssen, werden sie ständig auf der Ebene dessen existieren, „was dem Kaiser gehört“. Das heißt,  Höheres als die reine Existenzsicherung  ist einfach nicht „drin“. Obwohl viele Pflegekräfte ihren Beruf als Berufung verstehen, müssen sie sich Monat für Monat fragen, woher sie die Finanzen und die Kraft für ein Leben in Würde nehmen sollen.

Würde ermöglichen

Mich treibt um, dass nach wie vor viele Beschäftigte im Sozial- und Medizinbereich sich in erster Linie mit ihrem wirtschaftlichen Auskommen befassen müssen. Wer von Sorgen dieser Art geprägt ist, für die und für den ist ein Leben in Würde kaum möglich. Es fehlen schlichtweg Zeit und Kraft für die Beschäftigung mit Schönem, für eine aktive Mitgestaltung des gesellschaftlichen Lebens und die Frage nach tragenden Werten. Um alles das aber geht es Jesus im weitesten Sinn des Wortes bei der Aufforderung, Gott zu geben, was ihm gehört. Für jeden Menschen gilt, dass er/sie sich nicht völlig vereinnahmen lassen darf von der Sorge um seine Existenz. Jeder und Jede soll die Möglichkeit haben, sich von der Lebenshaltung Jesu, von seinen Worten, von seinen Gedanken, von seinen Ideen prägen lassen zu können. Die als unvermeidlich hinzunehmenden Zwänge des beruflichen Lebens können und sollen für Christinnen und Christen nicht das letzte Wort haben. Nur so entsteht, nur so bleibt jener Freiraum, in dem der Mensch zu sich selber kommen kann und sich Gott verdanken lernt, dem Schöpfer und Erhalter des Lebens. „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gott gehört.“ Es geht also bei der Forderung nach adäquater Bezahlung und guten Arbeitsbedingungen immer auch um die Gottbezogenheit des Menschen. Sie muss geschützt werden vor den Übergriffen der staatlichen Macht und betriebswirtschaftlichen Effizienzdenkens – um der Freiheit des Menschen willen.

Mit Blick auf den Pflegesektor gilt: Nur wer Würde erlebt, kann auch Würde vermitteln.

Stefan Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

Die Idee, nach dem Prägenden zu fragen, stammt von Pfr. Stefan Mai, Gerolzhofen

Köln, 25.9.2020. Heute gehen an mehr als 400 Orten in Deutschland tausende Menschen für den „Klimastreik 2020“ auf die Straße. Wie in den Jahren zuvor demonstrieren sie für eine konsequentere Klimaschutzpolitik in Europa und weltweit. In der Tat zeigen die brennenden Wälder in Kalifornien und Sibirien, die erneute Hitzewelle in Mitteleuropa und alarmierende Hinweise auf eine Abschwächung des Golfstroms immer deutlicher, dass wir uns nicht mehr vor, sondern mitten im Beginn einer globalen Klimakatastrophe befinden. Mit ihnen sind viele Expertinnen und Experten für umfassende Klimafragen unterwegs: Christinnen und Christen, die sich nicht nur für die Bewahrung der Schöpfung einsetzen, sondern auch ein Gespür für die Wechselwirkung zwischen sozialer Kälte und Erderwärmung entwickeln.

Belegt wurde dieser Zusammenhang kürzlich durch eine von Oxfam veröffentlichte Studie, die belegt, dass „das reichste eine Prozent der Menschheit das Klima doppelt so stark schädigt wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung zusammen“. 63 Millionen Menschen scheinen es sich erlauben zu können, die Folgen des eigenen Lebensstils für die Hälfte der Menschheit schlichtweg zu ignorieren. Seit bald 2000 Jahren steht das Christentum für das absolute Gegenteil: „Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen“ (Phil 2,4b). Paulus fasst in dieser unmissverständlichen Anweisung an die neu entstandene Gemeinde in Philippi den Kern und die Konsequenz christlicher Klimaexpertise zusammen. Für Christinnen und Christen ist es daher selbstverständlich, in der Klimadebatte besonders auf die Menschen hinzuweisen, die in der Debatte nicht gehört werden: auf die Armen in Afrika oder Asien genauso wie auf die jungen und die noch ungeborenen Kinder – also all jene, die unter den Folgen der Krise jetzt und zukünftig am heftigsten zu leiden haben. Das Eintreten für die überfällige Einführung eines Lieferkettengesetzes ist vor diesem Hintergrund keine Frage. Festzuhalten ist aber auch, dass Christinnen und Christen nach wie vor eine wichtige Rolle beim Kampf gegen eine weitere Abkühlung des sozialen Klimas in unserem Land spielen. Der christliche Glaube stellt ein hochsensibles Thermometer für schlechte Bezahlung, drohende Altersarmut und die vielen Formen offener bzw. verdeckter Ausbeutung bereit. So sollten Glaubende mehr als nur kalte Füße bekommen, wenn im Schatten der Pandemiekrise tausende von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer verlagert werden, wenn Jobs im Pflegesektor kaum zum Leben reichen und Langzeitarbeitslose wie Aussätzige behandelt und ausgeblendet werden.

Ähnlich wie die Klima-Demonstrierenden wollen Christinnen und Christen jetzt etwas für den Klimawandel tun; sie wollen vor allem Klima-Beeinflusser sein.  Auch wenn keine exakten Zahlen vorliegen, darf davon ausgegangen werden, dass viele von ihnen zu den mehr als 17 Millionen Menschen zählen, die aktuell in unserer Gesellschaft ehrenamtlich tätig sind.  Junge Menschen mit christlicher Prägung sind sogar überproportional gesellschaftlich engagiert.(3) Klima entsteht durch ein chaotisch komplexes System unterschiedlichster Wechselwirkungen. Die Mahnung des Apostels Paulus, das eigene und das Wohl der anderen zusammenzusehen, verstehe ich als Aufforderung, christliches Leben, Entscheiden und Handeln stets als und im Netzwerk zu begreifen. Hier spielen die Bedürfnisse, Stärken und Schwächen der Einzelnen, des Einzelnen die gleiche Rolle wie die aller anderen. Daher trachtet christliche Klimabeeinflussung danach, die Sorge um die anderen und jene um das eigene Leben auszutarieren. Wie die Menschen, die heute am Klima-Streik teilnehmen, wollen auch christliche Klimaaktivistinnen und –aktivisten Großes erreichen. Es geht ihnen um nichts Geringeres als um das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl.

Stefan Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

[3] https://www.kirche-und-leben.de/artikel/studie-viele-christen-unter-jungen-ehrenamtlern

Köln, 18.9.2020 „Gerechtigkeit wird oft überschätzt“, so könnte man mit bitterer Ironie das von Jesus geschilderte Verhalten des Weinbergsbesitzers kommentieren, der den Tagelöhnern, die zwölf Stunden für ihn gearbeitet haben, den gleichen Lohn auszahlt wie jenen, deren Arbeitstag am Spätnachmittag bereits nach einer Stunde wieder vorbei war. „Überschätzte Gerechtigkeit?“ Bei den Betroffenen war und ist das anders. Bekanntermaßen hält nichts eine Belegschaft oder ein Team besser zusammen wie das Empfinden aller Beteiligten, von ihrer Vorgesetzten oder vom Chef gerecht behandelt zu werden. Viele – auch von uns – können leider eher vom Gegenteil berichten: von intransparenten Stellenbesetzungen, von willkürlichen Aufgabenzuweisungen und vor allem von ungerechter Bezahlung. Gerade soziale und kirchliche Arbeitgeber fallen in dieser Hinsicht nicht besonders positiv auf.

So nimmt es nicht Wunder, dass die meisten Hörerinnen und Hörer des Gleichnisses von den Arbeitern im Weinberg sich auch heute emotional zur Gruppe der Langzeitarbeiter zugehörig fühlen, sprich, dass sie auf der Seite derer stehen, die trotz vorbildlichen Engagements am Arbeitsplatz mit zahllosen Überstunden nach eigenem Empfinden ganz offensichtlich ungerecht behandelt werden. Schlimmer noch! Im „wirklichen Leben“ einer Firma oder einer Behörde bekommen Menschen, die sich über ungerechte Behandlung beklagen, nicht selten den Stempel des Querulanten, der Querulantin aufgedrückt. Nicht so bei Jesus! Der von ihm geschilderte Arbeitgeber versucht eine Brücke zu den Beschwerdeführenden zu bauen, ohne aber die eigene Position aufzugeben.

Obwohl es rein formal nichts mehr besprechen gilt, da der Vertrag mit den Arbeitern eingehalten wurde, lässt er den Protest derer, die sich den ganzen Tag in der Hitze abgerackert haben, zu. Mehr noch: er nimmt ihre Einwände ernst, -  und das nicht nur, weil diese sehr präzise die erlebte Ungerechtigkeit auf den Punkt bringen. Danach aber macht er seine eigene Haltung klar und wirbt für sie: ihm geht es nicht zuerst ums Vergleichen, sondern um ein wirkliches Mitempfinden. Sein besonderes Augenmerk gilt „diesen Letzten“ (12a). Diesen, das zeigt sein ärgerliches Verhalten, werde ich nur gerecht, wenn ich auch in ihnen den „Nächsten“ und nicht primär den Konkurrenten bzw. dessen vermeintlich schlechteren Rechte sehe. Es fällt jedoch auf, dass die Beschwerdeführer wegen ihres Mangels an Empathie nicht bloßgestellt oder gar  abgeurteilt werden. Ihr Einwand bleibt von ihrem Standpunkt aus betrachtet im Raum stehen. Güte und Empathie müssen sich daher in immer neuen Anläufen durchsetzen und bewähren. Sie gelten dort als Prinzipien, wo das Reich Gottes bereits begonnen hat.

Die Suche nach dem rechten Verhältnis zwischen einer gerechten Behandlung bzw. Entlohnung von Arbeitenden und der Empathie für deren Bedürfnisse wird immer an Ecken und Kanten stoßen. Deshalb setzt m.E. Jesus den Weinbergsbesitzer nicht zu hundert Prozent mit Gott gleich. Natürlich ist bei Gott mit Sicherheit damit zu rechnen, dass er Erste nach hinten stellt und die Letzten nach vorne holt. Aber er tut dies nicht, weil er es kann, sondern aus unbegreiflicher Liebe. So klingt dies beim von Jesus geschilderten nüchtern provokant agierenden Arbeitgeber nicht. Diesem haftet in seiner Begründung gegenüber den Langzeitarbeitern eine gewisse Despotie und Schroffheit an. Dies wiederum aber hilft, den Unmut der Beschwerdeführer besser nachempfinden zu können.

Die völlige Veränderung der gängigen Zusammenhänge von Leistung und Entlohnung, von Geben und Empfangen sowie die Entmachtung der scheinbar allmächtigen Grundsätze des sogenannten „Marktes“ – das alles erzeugt Ärger und inneren Widerstand. In der Botschaft und im Wirken Jesu zeigen sich wachsende Räume, die von einer zu unserem Wirtschaften konträren Logik beherrscht werden. Wenn ich es mit dem Evangelium in meinem Leben ernst meine, dann sollte ich deshalb daran arbeiten, mich von bisherigen Ansprüchen und Forderungen, so gerecht diese auch sein mögen, zu lösen. Nicht selten bestätigt und verfestigt ein Beharren auf dem mir Zustehenden die bestehenden Gegensätze zwischen oben und unten, vorne und hinten. Das Evangelium bietet einen Perspektivenwechsel an, z.B. einen neuen Blick auf das Leistungsprinzip. Die frohe Botschaft hinterfragt kritisch-konstruktiv „Sachzwänge“ und „alternativlose Positionen“. Anstatt dessen schaut es auf den Gesamtzusammenhang und rückt die scheinbar Schwachen und weniger Erfolgreichen in die Mitte.

„Gerechtigkeit wird häufig überschätzt …“ Christinnen und Christen sind Menschen, die bei Jesus unter anderem lernen, dass die Gerechtigkeit im Konkurrenzkampf um Entlohnung und Privilegien nicht das letzte Wort haben darf. Dieses gebührt der Güte und der Empathie.

Stefan Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

Wenn es ans Eingemachte und damit um die Zukunftsfähigkeit des christlichen Glaubens geht, ist auch der Völkerapostel Paulus in seinem ansonsten schwer verständlichen Brief an die ersten Christinnen und Christen in Rom klar und eindeutig: Christentum gibt es nur in Gemeinschaft. „Keiner lebt für sich selber und keiner stirbt für sich selber.“ Leben und Sterben geschehen in Christus. Christus aber ist Mitte und Ziel der Gemeinschaft derer, die sich in ihrem Leben an seinem Wort und Beispiel orientieren.

Diese Gemeinschaft lebt nach – rein äußerlich betrachtet – sehr eigenartigen Grundsätzen. Hier geben nicht die den Ton an, die sich gut durchsetzen und präsentieren können, sondern ganz andere: Menschen, die auf unterschiedlichste Hilfe angewiesen sind; Menschen ohne Einfluss und Ansehen; Menschen, die gerne übersehen werden. Von Anfang an ist hier der Rand die Mitte.

Paulus wird nicht müde, in seinen Briefen eine besondere Sensibilität für diese Menschen einzufordern und macht konkrete Vorschläge für ein an ihnen orientiertes Zusammenleben. Die Glaubwürdigkeit einer Gemeinschaft entscheidet sich nun einmal am Umgang derselben mit ihren schwächsten Gliedern. Dieser Grundsatz gilt nicht nur für heutige Formen kirchlichen Zusammenlebens, sondern auch und vor allem für eine christliche Positionierung zu brandaktuellen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Themen.

„Ich lebe nicht für mich selber“: deshalb stehe ich eindeutig für jene Menschen ein, die sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen und Veranstaltungen meiden müssen, weil sie sich nicht sicher sein können, dass von allen auf Abstand und Hygiene geachtet wird. Ja, sie müssen erleben, dass andere die Rücksichtnahme auf ansteckungsgefährdete Mitmenschen als nicht „hinnehmbare Einschränkung“ ihrer persönlichen Freiheit ansehen.

„Ich lebe nicht für mich selber“: daher sehe ich mit Entsetzen, wie schnell aus unterbrochenen Lieferketten existenzbedrohende Folgen für all jene Menschen in den Billiglohnländern unseres Planeten erwachsen, die für unseren Wohlstand arbeiten und leben. Die Auswirkungen des Lockdowns haben die menschenunwürdigen Produktionsbedingungen beispielsweise in der Textilindustrie südostasiatischer Länder allarmierend in Erinnerung gerufen. Es war und ist beschämend, mit welcher „Selbstverständlichkeit“ hier große Konzerne fast sämtliche Aufträge stornieren konnten. Als Christ unterstütze ich daher die von vielen kirchlichen Organisationen, Umweltinitiativen und unseren Gewerkschaften mitgetragene Forderung nach einem Lieferkettengesetz. Ich bin ein Teil dieser Kette und für mich zählt (siehe Paulus) maßgeblich das schwächste Glied.

„Ich lebe nicht für mich selber“: aus diesem Grund gilt meine Dank, vor allem aber mein Engagement für eine bessere Bezahlung all jenen, die mir als „Heldinnen und Helden des Alltags“ ein Leben in Sicherheit und die Gewissheit einer guten Grundversorgung geben. Es ist für mich selbstverständlich, dass Menschen, die für das Wohlergehen der anderen schuften, nicht in Altersarmut geraten dürfen.

Kurzum: Christinnen und Christen sollten in jedem Fall zu denen gehören, die in größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen denken und leben. Sie sind ein wichtiger Teil der von Jesus gestifteten „Lieferkette“ eines gelingenden, eines Lebens in Fülle.

Stefan Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

Köln, 04.08.2020. Mit seiner eingängigen Melodie gehört das Lied „Einsam bist du klein“ zu den wichtigsten meiner persönlichen „Mutmacher“ in dunklen Stunden. Als solchen möchte ich diese wunderbare Komposition aus den frühen 1980er Jahren der Katholischen Arbeitnehmerbewegung ans Herz legen. Ein Lied, das von den Folgen eines falsch verstandenen Individualismus handelt und auf die großartige Wirkung gemeinschaftlich verfolgter Ideale abhebt – aus dieser Erkenntnis lebt und wirkt ein Verband wie die KAB.

Immer geht es um diese Erfahrung, „einsam klein zu sein“ und alleine kein Gehör zu finden. Das gilt das für alle Menschen, denen die Frohe Botschaft Jesu Leitfaden und Herzensanliegen ist. Der Evangelist Matthäus bringt es in seiner so genannten „Gemeinderede“ bestens auf den Punkt, dass leben und handeln aus dem Glauben nichts für Einzelgänger*innen ist. Es braucht mindestens zwei mit einem gemeinsamen Anliegen, damit die entsprechende Bitte gewissermaßen eine Chance auf Gewährung erhält vor Gott und – so möchte ich ergänzen – zu den Menschen durchdringt. Wir sollen in unserem Beten und Handeln von Anfang an über die Fokussierung auf unsere reinen Individualbedürfnisse und persönlichen Erkenntnisse hinausgelangen. Dies ist die Grundlage für den Zusammenschluss von Menschen zu einem Verband, der wie die KAB für ein christliches Miteinander in der Arbeitswelt kämpft.

Die KAB lässt sich auf dieses Engagement auch deswegen ein, weil in ihr Christinnen und Christen der festen Überzeugung sind, das nicht für sich behalten zu dürfen, was sie als – um es biblisch zu sagen - als Wort und Willen Gottes erkannt zu haben glauben. Im Blick auf die Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse und das rapide Anwachsen menschen- und naturzerstörender Produktionsmethoden kann dies nur im Tonfall des Warnens und Kritisierens geschehen. Ein christlicher Verband praktiziert in diesem Sinn beispielhaft die unbedingte Verantwortung des einzelnen Menschen für andere. Er darf sich mit Stolz und Anspruch als „christlich“ bezeichnen, weil seine Mitglieder wissen, dass Jesus überall dort anwesend ist, wo Menschen sich füreinander verantwortlich wissen und dies auch ihr Verhalten und ihren Einsatz auch zeigen.

„Einsam bist du klein, aber gemeinsam werden wir Anwalt des Lebendigen sein“. Was für eine Auszeichnung für in (durchaus nicht nur in verbandlicher) Gemeinschaft gelebten Glauben!

Stefan Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

Köln, 30.7.2020. Es wird erzählt, Franz von Assisi, der große Tierliebhaber, hätte sich mit den Ameisen schwer getan und diese anders als Vögel oder gar Wölfe mit keinem Wort des Lobes und der Dankbarkeit bedacht. Danach gefragt, ob der denn die fleißigen Ameisen nicht liebe, wurde er nachdenklich und erwiderte schließlich: „Ja, ich wundere mich jeden Tag über die Ameisen. Sie arbeiten unentwegt, bauen und schaffen viel. Dabei aber sehen sie den Himmel nicht mehr und halten nicht mehr inne. Das erschreckt mich. Ich befürchte, dass die Menschen von den Ameisen nur das Beschäftigtsein lernen.“

In der Tat: wir haben bestens von den Ameisen gelernt! Eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom hat ergeben, dass 70% aller Berufstätigen, die im Sommer 2019 in den Urlaub fuhren, nach eigenen Angaben von ihrem Chef kontaktiert werden durften. Privatleben und Beruf verschmelzen also immer mehr. Die – „Corona sei Dank“ -  immer attraktiver werdende Arbeit im Home Office lässt uns im Rahmen der Vertrauensarbeitszeit auch private Dinge erledigen. Deshalb scheint es nur recht und billig, in Erholungsphasen auch mit Fragen des Jobs befasst zu sein. Bis hin zur dienstlichen Erreichbarkeit im Urlaub. Es steht zu befürchten, dass das so genannte „Work-Life-Blending“ zum Grundmuster zukünftiger Lebensgestaltung wird. Dabei fühlen sich jetzt schon viele im Job überfordert und nur noch die Wenigsten können sich wirklich erholen und auch einmal abschalten. Anscheinend steckt so etwas wie eine Ameisennatur in uns, die uns ein ständiges Tätigsein als Lebenssinn vorgaukelt.

Einer der wesentlichen Unterschiede zwischen Mensch und Ameise ist die Fähigkeit zu selbstbestimmter Erholung verbunden mit der bewussten Absage an alles, was Qualität und Dauer der persönlichen, regelmäßigen Regeneration beeinträchtigen könnte. Unsere Sprache hält hierfür den wunderbaren Begriff „Ferien“ bereit. Das Wort stammt aus dem Lateinischen und bezeichnet dort für alle verpflichtende Feier- und Ruhetage. Im Englischen ist von „Holidays“, wörtlich „heiligen Tagen“ die Rede. Genau das sollten Ferien sein: eine heilige Zeit, die die persönlich Freiheit von den Beanspruchungen des Berufsalltags regelrecht feiert. Um den unvermeidlichen Stress und die Anspannung bei der Arbeit auszuhalten, sind Phasen der Entspannung und Erholung nun einmal absolut nötig. Und zwar ungestört und ohne Unterbrechung! Deshalb ist es vom Wortsinn her besser, in Ferien zu gehen, als „nur“ Urlaub zu nehmen. Beim „Urlaub“ handelt  es sich dem ursprünglichen Wortsinn nach um die Erlaubnis meines/meiner Vorgesetzten zur zeitweiligen Nichtarbeit.

Der Sonntag als Feiertag lädt wöchentlich zu „kleinen Ferien“ ein. Er erinnert uns nachdrücklich an unser Recht auf Erholung und freie Zeit. Im Ameisenhaufen gibt es weder Sonntag noch Ferien, sondern lediglich eine temperaturbedingte Winterruhe.  Ich wünsche uns von Herzen, dass wir, ob nun am Sonntag oder in den vielleicht noch anstehenden Ferien, endlich abschalten und alles Störende ausschalten können. Und unsere in Zeiten der Pandemie mit vielen Sorgen und Belastungen gefüllten Köpfe endlich frei bekommen.

Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

Liebe KABlerinnen und KABler, liebe Engagierte für gerecht bezahlte Arbeit,

die Katholische Arbeitnehmerbewegung kämpft für einen Mindestlohn in Höhe von 13,69 Euro.  Bitte unterstützen Sie dieses Anliegen mit Ihrer Unterschrift. Die Mindestlohnforderung ist mir deshalb ein Herzensanliegen, weil ich als engagierter Christ davon überzeugt bin, dass „ein Recht auf seinen Lohn hat, wer arbeitet“ (1Tim 5,18). Dieser biblische Grundsatz gilt bis heute. Es geht dabei aber nicht um irgendeinen Hungerlohn, sondern um eine Bezahlung, von der ich leben kann. Ja, gerechte Entlohnung ist ein Menschenrecht, weil sie direkt die Existenzgrundlage der Arbeitenden betrifft.

In diesem Sinn verstehe ich auch die Lohnzusage, die im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg eine zentrale Rolle spielt. Kurz zur Erinnerung: Alle Arbeiter erhalten in dieser Erzählung Jesu, egal wie lange sie gearbeitet haben, denselben Lohn. Der Weinbergsbesitzer stellt eine „gerechte“ Bezahlung in Aussicht: „ich werde euch geben, was recht ist“ (Mt 20,4). Gewohnheitsmäßig wird an dieser Stelle der Einwand laut, Jesus ginge es mit diesem Gleichnis um die Logik der Liebe Gottes, nicht aber um ein lohnpolitisches Statement. Umso mehr ist aber zu betonen, dass der Kreis der Jünger*innen und die urchristlichen Gemeinden die Bedeutung der Frohen Botschaft von der Liebe Gottes für ihr Leben im Hier und Jetzt sehr ernst genommen haben. Sozialethische Wirksamkeit gehörte für sie einfach dazu. Und das sollte auch bei uns so sein.

Perspektive für ein sicheres Leben im Alter

Die Arbeitswelt im Weinberg ist einer der vielen konkreten Orte in der Erzählsprache Jesu, an denen sich zeigt, dass die Frohe Botschaft für Christ*innen der Antrieb sein sollte, um Gerechtigkeit, Menschenwürde und sozialem Frieden in dieser Welt Raum zu verschaffen. So betrachte ich den Weinbergsbesitzer als einen vorbildlichen Unternehmer. Er zeigt sozial sensibles Verantwortungsbewusstsein. Als Arbeitgeber ist er seinen Mitarbeiter*innen eng verbunden und übernimmt Verantwortung für sie. Sein Gerechtigkeitsempfinden zielt darauf ab, dass jede und jeder mindestens das bekommt, was sie, was er zum Leben braucht – und das nicht erst im Himmel, sondern jetzt. Außerdem: Mit dem von ihm bezahlten Lohn konnte eine Familie für einen Tag leben. Nur der ungefährdete Bestand der Familie bot lange über die Zeit Jesu hinaus die wichtigste Perspektive für ein sicheres Leben im Alter.

Die enormen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, von denen Unternehmen aller Größen im Gefolge der Corona-Pandemie betroffen sind, bringen wieder vermehrt Wirtschafts- und Geschäftsideen auf den Plan, bei denen die Zukunft der Gehaltsempfänger keine Rolle spielt. Stattdessen basieren diese darauf, ein Gehalt zu zahlen, das weder kurzfristig und schon gar nicht auf lange Hinsicht für den Lebensabend ausreicht.

Ein gerechter Lohn muss nicht nur aktuell zum Leben reichen. Er darf vor allem nicht zu späterer Altersarmut führen! Daher fordert die KAB, den Arbeitenden das zu geben, „was recht ist“: derzeit 13,69 Euro brutto pro Stunde.

Das sollten die Mitglieder der Mindestlohnkommission zukünftig bedenken. Vielleicht sollten sie sich öfter mal die Frage stellen, was sie für angemessen und „recht“ halten würden, wenn sie im Niedriglohnbereich arbeiten würden und wie es dann um ihren Lebensabend bestellt wäre? Und vielleicht sollten sie für die ethische Grundlage ihrer nächsten Entscheidungen ab und an einen „biblischen Seitenblick“  wagen.

Lic.theol. Stefan B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

„Fürchtet euch nicht vor ihnen! Denn nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird.“ In diesen besonderen Zeiten würde ich diesen Satz des Evangeliums spontan mit der erfahrungsgesättigten Feststellung ergänzen, „Corona bringt’s eh an den Tag“. Zum Fürchten ist freilich weniger, dass in Zeiten der Pandemie Dinge an den Tag kommen, die ansonsten sehr lange verborgen geblieben wären. Fürchterlich hingegen ist, was da an den Tag kommt.

Die Nachrichten aus dem Bereich der Fleischindustrie belegen dies mit erdrückender Intensität: zehntausende von Schlachtungen pro Betrieb und Tag, Arbeitsbedingungen wie in Zeiten des Frühkapitalismus und ein ebenso unüberblickbares wie am Ende lebensgefährliches Netz aus menschlich abgestumpften Vermittler*innen, Vermieter*innen und Werkvertragsgewinnler*innen. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, was wir längst wissen: der günstigstes Preis in Kombination mit dem maximalen Gewinn sind die Hausgötter nicht nur der meisten Fleischproduzierenden, sondern auch vieler Verbraucher*innen. An den Tag kommt zudem, dass die Reaktionen auf das längst Bekannte im Stil eines gewohnten Rituals ablaufen: Sofortige Aktionsansagen der zuständigen Minister*innen, bedrängende Appelle an das Gewissen der Konsument*innen und sehr viel Mitleid mit den zumeist osteuropäischen Billiglohnkräften. Die Realität ist bislang eine andere: meine Tageszeitung brachte in ihrer Ausgabe vom 18.6.2020 auf Seite 2 einen empörten Kommentar über die Zustände in der Fleischindustrie und auf Seite 4 die mehrspaltige Werbeanzeige eines Lebensmittelsmarktes für supergünstige Minutensteaks vom Schwein.

Es ist schon viel, wenn sich Menschen wie der Sozialpfarrer Peter Kossen bereits vor Jahren während einer ganz normalen Grillsaison und dem damit einhergehenden Großbedarf an wohlfeilen Fleischprodukten protestierende vor die Werkstore der entsprechenden Fabriken gestellt haben. Kossen und andere wurden und werden dafür digital und real hart angegangen. Sie stehen beispielhaft für die von Jesus seinen Jünger*innen ans Herz gelegte Furchtlosigkeit.

Doch SEIN „Fürchtet euch nicht“ ist viel umfassender! Es geht um die Konsequenzen aus der von der Bibel geforderten Umkehr. Am Anfang seines öffentlichen Wirkens ruft Jesus dazu auf, anders und neu hinzuschauen: auf das eigene Leben und dessen gesellschaftliche Auswirkungen. In diesem Sinn folgt meines Erachtens aus einem wirklich neuen Hinschauen auf das von Corona ans Licht Gebrachte die persönlich größtmögliche Verweigerung von Christ*innen gegenüber einem System, an dessen Ende nicht nur alle draufzahlen, sondern auch draufgehen werden.

Die Aufforderung zur Furchtlosigkeit ist bewusst offen gehalten und somit passgenau in unsere Gegenwart übertragbar. Deshalb: Fürchtet euch nicht davor, als erkennbar glaubende Menschen für Menschenwürde und Schöpfungsverantwortung aufzutreten. Fürchtet euch aber zumindest vor denen, die sich einfach nur empören.

Stefan Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

Köln, 30. Mai 2020. An Pfingsten geht es ums Schmecken und den Geschmack. Das muss im „Coronajahr“ 2020 ganz besonders betont werden! Im Verlauf ihrer Erkrankung klagen viele der Covid-19- Patientinnen und Patienten nicht nur über Fieber, extreme Hals- und Rückenschmerzen, sondern auch über den Verlust ihres Geschmacksinnes. Häufig kehrt dieser erst nach Wochen wieder zurück. Nicht mehr schmecken können: das könnte im übertragenen Sinn ein Bild für die persönlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Coronakrise sein. An mir selber merke ich, dass es mir zum Teil schwer fällt, trotz aller Sehnsucht nach vermeintlicher Normalität wieder Geschmack am „richtigen Leben“ zu finden. Manch anderer hat sich vielleicht in Home-Office und sozialer Selbstisolation derart eingeigelt, dass ihm nun der Geschmack an wirklichen Begegnungen vergällt ist. Dritten wiederum schmeckt nach wochenlanger Abstinenz das kirchliche Leben nach gar nichts mehr.

In der Pfingsterzählung heißt es, dass der Heilige Geist in Form von Zungen auf die Jüngerinnen und Jünger herabgekommen sei. Ein wunderbares Bild und eine notwendige Erinnerung an unser primäres Geschacksorgan.  Die Zunge ist ein wahres Wunderwerk. Durch sie wissen wir, wie unterschiedlich Speisen und Getränke schmecken, süß oder salzig, sauer oder bitter. Durch sie werden unsere Geschmacksnerven gekitzelt und wir können feinste Nuancen von Gewürzen, Weinen und Aromastoffen unterscheiden. Ohne Zunge würde alles gleich schmecken. Die Zunge bringt uns auf den richtigen Geschmack, und ohne sie wäre das Leben im wahrsten Sinn des Wortes fad.

Der Heilige Geist macht nicht nur „die Zungen reden“, wie es in einem Kirchenlied heißt, sondern schenkt darüber hinaus auch Weisheit und damit das Schmecken, ja ein Feinschmeckertum der ganz besonderen Art. Im Lateinischen heißt Weisheit „sapientia“, was vom Wort „sapere“, verkosten, schmecken, abgeleitet ist. Die Jüngerinnen und Jünger kommen an Pfingsten neu auf den Geschmack und berichten mit Begeisterung von ihrem Leben in der Gemeinschaft mit Jesus aus Nazareth. An diesem Vorgang hat sich bis heute nichts geändert! Die Botschaft von Jesus wird dann weitererzählt, wenn Menschen auf den Geschmack kommen. Glaube muss deshalb den Geschmack von alltäglichen Erfahrungen bekommen, von Worten, die einen treffen und Ratschlägen, die weiterhelfen. So gesehen wirkt der Glaube wie ein Geschmacksverstärker.

Von Herzen wünsche ich uns, dass der Heilige Geist uns inmitten krisenbedingter Einschränkungen den Geschmack am Leben und Glauben neu entdecken lässt und wir immer mehr zu Feinschmeckern werden.

Stefan Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

(Die Idee für diesen „Nachklang“ entstammt einer Pfingstpredigt von Pfr. Stefan Mai aus dem Jahr 2004)

Denn aus vielen Besessenen fuhren unter lautem Geschrei die unreinen Geister aus (Apg 8,7)

Der kurze Hinweis aus der Apostelgeschichte auf das offensichtlich ebenso spektakuläre wie segensreiche Wirken des Philippus – wie Stephanus gehörte er zu den von Aposteln erwählten Diakonen – bietet genug Anlass, um auf eine der markantesten Besessenheiten unserer Gegenwart hinzuweisen: die Gewinnmaximierung auf der Basis schrankenlosen Lohndumpings. Die dramatische Häufung an Corona-Virus-Infizierten in den Reihen der Arbeiterinnen und Arbeiter in der deutschen Fleischindustrie macht auf ein gespenstisches Ausbeutungssystem aufmerksam, das über lange Jahre hinweg der Öffentlichkeit weitestgehend verborgen geblieben ist und mit Blick auf die günstigen Fleischpreise in den Supermärkten vielleicht sogar in Kauf genommen wurde.

Die jetzt allerorten erhobenen Forderungen nach einer schnellen Verbesserung der Lebens- und Arbeitsumstände der Betroffen bleiben meines Erachtens unglaubwürdig, wenn sie sich nicht endlich mit dem eigentlichen Übel befassen. Gemeint sind die längst aus dem Ruder gelaufene Entwicklung des Leiharbeitssektors und dessen schlimmste Form, die Werkverträge. Seit der breiflächigen Ermöglichung von Leiharbeit haben sich die Voraussetzungen für den Personaleinsatz drastisch gewandelt. In schnell wachsendem Umfang haben Betriebe nicht nur bei schwankender Auftragslage auf „atmende“ Randbelegschaften zurückgegriffen, die durch Subunternehmer schnell bereitgestellt  und noch schneller wieder abgezogen wurden. Leiharbeit und das Angebot von Leistungen auf der Basis von Werksverträgen haben sich längst zu einem eigenen Wirtschaftszweig entwickelt, einschließlich umfänglich tätiger Lobbyisten und starker Wachstumsorientierung. So ist der missbräuchliche und ausbeuterische Einsatz von Arbeitskräften selbst ist zum System geworden und für die Fleischbranche von trauriger Systemrelevanz. Doch darf nicht vergessen werden, dass auch die Kirchen selbst durch Ausgründungen und den Einsatz von Beschäftigungsgesellschaften im caritativen Sektor ihrer eigenen sozialethischen Glaubwürdigkeit in den vergangenen Jahrzehnten massiv geschadet haben.

Es braucht Menschen wie Philippus, die mutig gegen die „unreinen Geister“ angehen. Einer davon ist der Sozialpfarrer Peter Kossen, der zu Recht in diesen Tagen im Focus der Aufmerksamkeit steht. Sein Einsatz für menschenwürdige und vor allem faire Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie macht deutlich, weshalb Christinnen und Christen angesichts der dortigen Zustände nicht schweigen können. Sie stellen dem Streben nach der maximalen Durchsetzung einzelner Gewinnstrategien das Gemeinwohl als Grundprinzip für das funktionierende menschliche Zusammenleben entgegen. Es geht ihnen um nicht weniger als um „Das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl“ (Markus Schlagnitweit). Eine wahrhaft pfingstliche Perspektive für unsere Gegenwart! Sie kommt näher, wenn es uns gelingt, sie beispielhaft in die aktuellen Missstände hinein zu übersetzen.

Stefan Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

Zum 1. Mai möchte ich Ihnen ein mir persönlich sehr wichtiges Kunstwerk zeigen: Es trägt den Titel „Mythe“ und stammt von dem Aschaffenburger Bildhauer Helmut Hirte. Ich finde, es passt wunderbar zur beschwingten Stimmung, die uns hoffentlich trotz Corona im Mai zunehmend tragen wird: lebensfroh leuchtende Farben strahlen hier von einem angedeuteten Frauenkörper aus. Typisch „moderne Kunst“ werden Sie jetzt vielleicht einwenden. „Kaum ist auch nur ein Kopf erkennbar und vielleicht noch eine Hand, schon ist die Rede von einem Körper.“

Sie haben Recht! Um hier von einem Körper oder von einem Leib sprechen zu können, brauche ich noch mehr als ein paar angedeutete Gliedmaßen. Genauso verhält es sich beim Blick auf den „Leib“ unserer Gesellschaft. Der Apostel Paulus hat in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth das Zusammenleben und –wirken der Gläubigen vor Ort mit den unterschiedlichen Gliedmaßen eines Leibes verglichen (1Kor 12,12-21). Dieses jahrtausendalte Bild passt auch heute noch. Denn es erzählt viel vom auffällig eingeschränkten Blick auf die Hände und Füße unserer Gesellschaft vor der Coronakrise. Einige Glieder dieses Leibes wurden noch im Januar schlichtweg so gut wie nicht wahrgenommen, obwohl sie für dessen Gestalt und Funktionieren immens wichtig waren und sind. Der Gesamtblick wies ähnliche Aussparungen auf wie sie Helmut Hirte bei seiner Skulptur eingesetzt hat. Nehmen wir als Beispiel die im Pflegedienst der Krankenhäuser und anderer caritativer Einrichtungen tätigen Frauen und Männer! Aktuell werden sie als Corona-Heldinnen und –Helden gefeiert. Dabei wird gerne vergessen, dass sie über Jahre hinweg einem harten Spardiktat unterworfen waren und sich hier wie bei kaum einer zweiten Berufsgruppe Überstunden und verdeckte Mehrarbeit ins schier Unermessliche auswuchsen.

Die Krise lehrt uns, neu hinschauen und dort die für uns tätigen Menschen zu sehen, wo wir zuvor kaum etwas wahrgenommen haben, vielleicht sogar nicht wahrnehmen wollten. Nun erhalten sie das Prädikat „systemrelevant“. Diese allenthalben vernehmbare Würdigung der Pflegekräfte in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und Seniorenheimen darf deshalb nicht bei schönen Worten stehen bleiben. Das neu gewonnene gesellschaftliche Ansehen muss sich auch durch eine adäquate Entlohnung und bessere Arbeitsbedingungen ausdrücken.

Für Christinnen und Christen sollte diese Forderung eine Selbstverständlichkeit sein. Ob religiöse Gemeinschaft oder Gesellschaft – glaubende Menschen haben den ganzen Leib im Blick. An diesem Leib kann und darf es keine Lücken und Aussparungen geben. Mit der Klassifizierung von „systemrelevant“ und notwendigerweise „nicht-systemrelevant“ könnten neue blinde Flecken in der gesamtgesellschaftlichen Wahrnehmung entstehen. Aus dem Blickwinkel des Glaubens geht es nicht nur um bestimmte Berufe, sondern weit darüber hinaus um eine Berufung. Wir Christinnen und Christen haben eine systemrelevante Berufung, die nicht durch unsere Leistung gekennzeichnet ist, sondern durch das, was wir für andere sind.

In diesem Sinn bietet das faszinierende Kunstwerk mit dem Namen „Mythe“ viele Anregungen zum Weiterdenken: Ja, die Leerräume lassen uns an die Menschen denken, deren große Bedeutung für uns bisher zu wenig gewürdigt wurde. Vor allem aber verführen die Lücken im angedeuteten Körper zur Frage, wo mein persönlicher Platz im Gesamt des Leibes ist und welchen Freiraum vielleicht nur ich schon jetzt im „Corpus Christi“ ausfüllen könnte. 

Hätten Sie vor einem Jahr am Weißen Sonntag daran gedacht, dass Ihnen beim Hören des für diesen Tag stets gleichen Evangeliums vom „ungläubigen Thomas“ ganz andere Bilder vor Augen stehen würden als noch an Ostern 2019? Sehr viele Menschen denken 2020 bei den Stichworten „Angst“ und „verschlossene Türen“ an die eigene nicht selten beklemmende Situation und an die soziale Distanzierung, die sie längst verinnerlicht haben. Mitten in der Krise seiner Jüngerinnen und Jünger erscheint Jesus und spricht ihnen den Frieden zu. Und bei uns? Zumindest mein persönliches Erleben der diesjährigen Ostertage hat den Auferstandenen noch nicht so richtig im Blick.

Daher klingen die von Johannes ausdrücklich erwähnten verschlossenen Türen, hinter denen sich die Anhänger Jesu verschanzt haben, sehr stark in der ganzen Kraft ihrer Bildlichkeit in mir fort. Denke ich an die Fernsehübertragung vom Ostergottesdienst des Papstes im verriegelten Petersdom, die konsequent jede auch noch so flüchtige Andeutung der Welt außerhalb unterließen, oder an die unzähligen Livestreams von Gründonnerstagsliturgien, die meistens mit der Dauereinblendung der Monstranz endeten, dann stellt sich mir in aller Dringlichkeit eine einzige Frage: erscheint hier der auferstandene Christus? Es genügt auf Dauer nicht, den fragenden Thomas  auf die Realpräsenz in fast leeren Kirchenräumen hinzuweisen.

Mich bewegt, dass zumindest bei einem Teil der Öffentlichkeit der Eindruck entstanden ist, das kirchliche Leben erschöpfe sich in der Abhaltung feierlicher Gottesdienste. Zu Recht taucht die Frage auf, ob denn Christinnen und Christen im Kontext der Coronakrise noch andere Probleme sähen, als das aktuelle Verbot von liturgischen Versammlungen. Dabei engagieren sich gerade in den menschlichen Herausforderungen dieser Wochen und bald Monate mehr Frauen und Männer aus ihrer persönlichen Glaubensüberzeugung heraus als je zuvor. Sie tun es mit einer derartigen Selbstverständlichkeit und Spontaneität, dass ihre christliche Motivation nicht großartig zur Sprache kommt. Für den fragenden Thomas, der sich erst zufrieden geben wird, wenn er die Wunden Jesu gesehen und berührt hat, haben sie eine Antwort, die überzeugt: den Hinweis auf die Gegenwart des Auferstandenen in den von der Coronakrise gebeutelten und unter ihren Auswirkungen leidenden Schwestern und Brüdern. Hier haben ihn die vielen Engagierten selber gefunden, hier ist er ihnen erschienen – in einer Welt, die aus Angst sämtliche Pforten, Haustüren genauso wie Grenztore verschlossen hat.

Auch für die Glaubensgemeinschaft der Kirche stellt sich die Frage nach den „systemrelevanten Berufen“, besser: nach den „systemrelevanten Berufungen“.  Wie im ganz normalen Leben  sind es zumeist die „kleinen Leute“, die eine faszinierende und hoffnungsvolle Antwort geben: mit ihrem caritativen Handeln sind sie der schönste Hinweis auf den Auferstandenen und das österliche „Alles wird gut“. 

Österliche Freiheit in Zeiten von Corona Krise - Nachklang zum Osterfest

Liebe Schwestern und Brüder,

Wann haben Sie sich das letzte Mal so richtig frei gefühlt? Und: Wie war das? Was hat zu Ihrer Freiheit beigetragen? Und: Was unterscheidet diesen Zustand möglicherweise von ihrer jetzigen Lebenssituation?

Ostern ist das Fest der Freiheit. Was aber bleibt davon übrig in einer Zeit mit Kontaktverboten, verwaisten Arbeitsplätzen, Schulen und Kitas? Mein Blick fällt häufig auf die Wohnungen in den Mietshäusern, die meinem Büro hier in Köln gegenüberliegen und ich frage mich: wie ertragen die hier und anderswo in den Städten und Dörfern auf engem Raum lebenden Menschen die schnell gewachsene physische und psychische Beengung?

Eine uralte Befreiungsgeschichte

Mitten in dieser Zeit erlebter Unfreiheit gehen wir durch die Karwoche und feiern Ostern. Das wichtigste Fest unseres Glaubens erzählt rückblickend eine uralte Befreiungsgeschichte: die Errettung des Volkes Israel aus der Sklaverei Ägyptens. Jahrzehntelang hatten die Nachkommen ehemaliger Arbeits- und Hungermigranten für die Pharaonen Frondienste auf deren Großbaustellen leisten müssen. Dann wird unter dramatischen Umständen aus einer Schar von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern ein Volk von freien Menschen. Dieses Ereignis ist so einschneidend, dass die Israeliten bis heute Gott als den verehren, der sie „herausgeführt hat aus Ägypten, aus einem Sklavenhaus.“ Aber worin besteht ihre Freiheit? In einem langen Lernprozess – die Bibel spricht symbolisch von 40 Jahren – begreifen diese ehemaligen Sklavinnen und Sklaven, dass ihnen die Freiheit gleich doppelt von Gott geschenkt worden ist: als äußere Freiheit, die dem Zusammenleben mit anderen gilt, und als eine innere, die ich haben muss, um wirklich frei zu sein.

Äußere …

Viele von uns erleben gegenwärtig eine nie dagewesene Einschränkung ihrer äußeren Freiheit. Die meisten von uns halten es kaum noch aus, bis sie endlich wieder das tun und lassen können, was sie für richtig halten. Aber wie frei sind wir denn selbst ohne Coronakrise in unseren Entscheidungen? Kann ich wirklich tun und lassen, was ich will? Nein! Äußere Freiheit bedeutet, die Freiheit der anderen mit zu bedenken. Mehr noch: bewusst Verantwortung für deren Wohlergehen mit zu übernehmen. Wer in einer Beziehung oder Familie lebt, hat das längst auf dem Schirm und auch Singles verfügen über entsprechende Erfahrungen. Als Gesellschaft im Ganzen tun wir gerade mit Blick auf die alten und gefährdeten Menschen nah und fern nichts anderes. Um ihretwillen sagen wir „Ja“ zur Einschränkung unserer Freiheit. Natürlich müssen wir aus dem momentanen Stillstand wieder herauskommen. Dies kann aber nur dauerhaft gelingen, indem wir Freiheit und Verantwortung neu aufeinander abstimmen. Ich schlage Ihnen vor, schon jetzt mit dem Nachdenken darüber zu beginnen, gewissermaßen als Anfang Ihrer persönlichen „Exit-Strategie“.

… und innere Freiheit

Denn dann braucht es Menschen, die innerlich frei sind. Einige der Unfreiheiten und Abhängigkeiten, mit denen wir bislang irgendwie so recht und schlecht zurechtgekommen sind, wachsen sich in diesen Tagen zu harten Belastungen aus: das Bedürfnis nach dauerndem Feedback, das permanente Schielen nach Ablenkung, die Scheu vor der Aufarbeitung von Konflikten und vieles mehr. An Ostern aber feiern wir, dass alles das, was uns bedrückt, nicht das letzte Wort haben wird.

Die Freiheit feiern

Deshalb ist es richtig, das Osterfest auf dem Termin mitten in der Krise zu belassen. Verstehen wir das als Chance und einmaliges Angebot, uns als österliche Menschen zu begreifen und das mit einem festlichen Mahl zu feiern. Feiern wir, dass Christus uns durch seine Rettung aus dem Tod eine unzerstörbare innere Freiheit dazu schenkt, Angst und Kleinmut, Schuldgefühlen und Erwartungsdruck, Neid und Hass frei gegenüberzutreten. Der Auferstandene ist ganz er selbst. Und genau das hat er auch uns geschenkt: österlich freie Menschen zu sein und immer mehr zu solchen zu werden. Daher kann und soll jede und jeder mit Christus sagen: Ich bin ich selbst, äußerlich und innerlich frei. Wir waren einst Knechte und Mägde. Als Freie wollen wir das Leben und die Gesellschaft gestalten - auch in Zeiten des Coronavirus.

Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

„Jesus zieht in Jerusalem ein“. Dieser Kehrvers gesungen von einem herrlich dissonanten Kindergartenchor erklingt in mir ohrwurmgleich seit Jahren an jedem Palmsonntag und begleitet mich durch die Karwoche. Kinder und Familien, alte und junge Menschen mit grünen Zweigen in den Händen versammeln sich zum festlich fröhlichen Einzug in Kirche, wo die Stimmung dann urplötzlich in den Ernst der Passionserzählung umschlägt – wie vermisse ich das alles in diesem Jahr!

Von der Theorie zum Praxistest

„Als er in Jerusalem einzog, geriet die ganze Stadt in Aufregung“ (Mt 21,10). Was in der Liturgie zum Palmsonntag als Ortswechsel besungen und nachvollzogen wird, beschreibt das Matthäusevangelium als Eintritt Jesu in einen neuen Handlungsraum. Durch das Stadttor betritt er die Bühne des städtischen Lebens. Hier wird er in den darauffolgenden Tagen bejubelt, hinterfragt, zerrissen und verworfen. Mit seinem Einzug tritt er endgültig heraus aus dem lebensfrohen, ländlichen bzw. kleinstädtischen Setting von Galiläa und verlässt, um es pointiert zu sagen, den ruhigen Bereich der „Theorie“. Ab Palmsonntag stellt er sich mit seiner Lehre vom anbrechenden Reich Gottes dem ultimativen Praxistest. Sein Einzug ist so gesehen in Wahrheit ein Auszug.

Aufbruch aus der Selbstbeschaulichkeit

Auch wenn wir dies in den Tagen der Corona-Krise wohlmöglich nicht so stark wahrnehmen: Mehr denn je geht es für die Kirche um den bewussten Aufbruch aus einer Form von Glauben und Glaubensgemeinschaft, mit denen die Versuchung einer komfortorientierten Überschaubarkeit und Ruhe einhergeht. Kurz vor seiner Wahl sprach Papst Franziskus von Christus, der an der Tür steht und anklopft. Dieses Bild erklärte er so: „Christus klopft aus dem Inneren der Kirche an und will hinausgehen“ – hinaus aus einer mit sich selbst beschäftigten Kirche in den Praxistest einer krisengeschüttelten Welt. Wer mit ihm hinaustritt, entdeckt, dass seine Botschaft in mancherlei säkularem Gewand längst weit verbreitet ist. Der frohen Botschaft entsprechen der selbstlose Einsatz von Medizinpersonal und das große Netzwerk an Helfenden um dieses herum, die Wertschätzung für und der Kampf um jedes Menschenleben und das zumindest ansatzweise Denken von einer großen „Menschheitsfamilie“. Mit Christus heute nach Jerusalem hinauszuziehen heißt, für die Grundwerte des Christentums einzustehen: ein „Leben in Fülle“ besonders für die Schwächsten und den Aufbau einer Welt, in der Gerechtigkeit und Wahrheit, Freiheit und Frieden, Solidarität und Geschwisterlichkeit eine Heimat finden. Wir erleben heute einen wahren Härtetest für unseren Glauben und dessen Praxis. Stellen wir uns ihm! Im Sinne des von Hilde Domin verfassten Gedichtes „Bitte“, einem der für mein persönliches Leben wichtigen Texte, vertraue ich auf die verwandelnde Kraft des Engagements in dieser Krise:

 Wir werden eingetaucht
und mit dem Wasser der Sintflut gewaschen,
wir werden durchnässt
bis auf die Herzhaut.

Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
taugt nicht,
der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten,
der Wunsch, verschont zu bleiben,
taugt nicht.

Es taugt die Bitte,
dass bei Sonnenaufgang die Taube
den Zweig vom Ölbaum bringe.
Dass die Frucht so bunt wie die Blüte sei,
dass noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden.

Und dass wir aus der Flut,
dass wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst
entlassen werden.

(aus: Hilde Domin, Gesammelte Gedichte, S. Fischer Verlag Frankfurt 1987, 117)

Stefan Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

Köln, 30.3.2020. „Ich hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf“. Angesichts der ausgestorbenen Straßen in den Städten und Dörfern und gefühlt immer enger werdenden Wohnungen bietet der Prophet Ezechiel mit dieser Verheißung einen Ohrwurm der Extraklasse. Schon beim ersten Hinhören meldet sich bei mir die im Krisenalltag klein gehaltene Sehnsucht nach der Rückkehr ins Leben, ins normale Leben mit seinen spontanen Begegnungen, Verabredungen und Zusammenkünften. Die Rettung aus der gegenwärtigen Friedhofsstimmung ist eine Verheißung mit zahllosen Adressaten: sie gilt Menschen, die sich in ihrer Panik mit gehortetem Toilettenpapier einmauern; Menschen, die von der Angst um ihre berufliche Zukunft schier erdrückt werden; Menschen, die sich in ihrer Einsamkeit nun endgültig wie im Gefängnis fühlen – und vielen mehr.

Aussicht auf ein Ende der Lebenseinschränkungen

Selten scheint eine biblische Botschaft derart punktgenau gepasst zu haben wie in Zeiten von Corona. Doch die prophetische Ankündigung reicht tiefer als die dringend benötigte Aussicht auf ein Ende der aktuellen Lebenseinschränkungen.  Sie gilt den jeweiligen Gräbern, die sich das Volk Israel vor zweieinhalbtausend Jahren geschaufelt hat und die wir heute ausheben. Zu Lebzeiten des Ezechiel wurde mit dem Bild des Gräberfelds die Situation eines Volkes beschrieben, das nach zwei Deportationswellen fast aufgehört hatte zu existieren. Es war in der sogenannten „babylonischen Gefangenschaft“ wie lebendig begraben. Ezechiel setzt sich in scharfer Kritik mit den Ursachen auseinander, die in der Gesellschaft seiner Zeit in die Katastrophe geführt haben. In langen Rückblicken beschreibt er die im Vierteljahrhundert vor der totalen Niederlage des judäischen Kleinstaats weithin grassierende Gewalt, den ausufernden Machtmissbrauch und die immensen soziale Verwerfungen als wachsenden Friedhof einer geschundenen Gesellschaft.

Schaut auf die millionenfach drohende Altersarmut

Daher verstehe ich seine Botschaft weniger als willkommenen Hoffnungsimpuls, sondern als dringende Aufforderung: Schaut auf die Gräber in eurem gesellschaftlichen Zusammenleben und hebt keine neuen aus! Schaut auf die tiefen Gräben, die euer soziales Gefüge unmittelbar vor der Krise durchzogen haben und auf die, die darin verschwunden sind: auf den erschreckend hohen Anteil an prekären Arbeitsverhältnissen; schaut auf die millionenfach drohende Altersarmut; schaut auf den nach wie vor zu geringen Mindestlohn!

Richtige Zeitpunkt der Beendigung

Unterlasst es, die Überwindung der Krise mit der Anlage weiterer Gräber, ja ganzer Friedhöfe zu beschleunigen. Zu einem solchen könnte sich die dauerhafte Anwendung einer der fünf vom Imperial College in London vorgeschlagenen Maßnahmen zur Überwindung der Krise entwickeln: die (natürlich nicht offen als solche bezeichnete) langfristige Isolation von Seniorinnen und Senioren ab einem gewissen Alter, um sie vor dem Virus und den Rest der Gesellschaft vor einer personellen wie materiellen Überhitzung des Gesundheitssystems zu schützen.  Natürlich ist es schwierig, die nötigen Maßnahmen in deren Wechselwirkung zur Gesamtgesellschaft gut auszutarieren und den richtigen Zeitpunkt für deren Beendigung zu finden. Es muss aber in jedem Fall eine dauerhafte Kennzeichnung und Abschottung von Menschen ab einem gewissen Alter vermieden werden. 

Hinwendung zur Generation 70-Plus

Überlegungen dieser Art treffen die in diesen Tagen weithin praktizierte Solidarität, ja die vielfach aufopfernde Hinwendung vieler junger Menschen zur Generation 70-Plus ins Mark. Gerade eben ist das Zusammenleben der Generationen menschlicher geworden;  alte Menschen werden aus dem Grab gesellschaftlicher Marginalisierung geholt. Ihre dauerhafte Trennung vom Rest der Gesellschaft würde diese in der DNA ihrer intergenerationellen Grundverabredungen zerstören. Meiner Meinung nach käme es zur Verfestigung einer kaum noch überwindbaren Zweiteilung: auf der einen Seite des Grabens die „jungen“ Leistungsträger, deren Schutz höchste Priorität hat. Auf der anderen Seite die kaum noch überschaubare Gruppe der Alten und sonstigen Risikoträger. Hier wird diese Gesellschaft dann einen neuen, ummauerten Friedhof habe. Ganz nebenbei: Der gegenwärtig inflationär verwendete Begriff der „Bedrohung“ ist längst schon ambivalent: ältere Menschen sind nicht nur einer gesteigerten Bedrohung ausgesetzt. Aus einer bestimmten zu engen wirtschaftlichen Betrachtungsweise heraus stellen sie am Ende selbst eine Bedrohung dar.

„Ich hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraus“. Die Weichenstellungen für die „Exit-Strategie“ aus der Krise werden wesentlich darüber entscheiden, ob sich diese Vision für unsere Gesellschaft auf Dauer erfüllt, oder ob es an deren Ende noch mehr Gräber geben wird als zuvor. Mit anderen Worten: Natürlich müssen wir Corona mit allen Mitteln entgegentreten. Doch darf dieser Kampf nicht um jeden Preis geführt werden, schon gar nicht, wenn dabei unsere Gesellschaft auseinander fallen würde. Im diesem denkbar schlimmsten aller Folge-Szenarien wäre dann nur festzustellen „Operationen gelungen, Patient tot.“

 

Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschland

Köln, 22.03.2020. Manchmal wirkt ein bestimmter Satz aus einem Sonntagsevangelium wie ein Ohrwurm. Wenn man ihn dann auch noch unter den Vorzeichen der akuten Coranakrise zu hören bekommt, wird man ihn kaum noch los. In seiner am Vierten Fastensonntag vorgelesenen Erzählung von der Heilung eines Blinden platziert der Evangelist Johannes den Ohrwurm gleich zu Beginn: „Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst, oder seine Eltern, so dass er blind geboren wurde?“ (Joh 9,2). Nach damaliger religiöser Vorstellung eine völlig normale Frage. Blindheit als eine Strafe Gottes für eine schwere Sünde oder, wie die Jünger vermuten, die Geburt eines blinden Kindes als Vergeltung für die Verfehlungen der Eltern.

„Wer hat gesündigt? Wer ist schuld?“  Die Frage der Jünger ist nicht nur zeitbedingt, sondern liefert meiner Meinung nach ein damals wie heute gängiges Bewältigungsschema für eine ebenso diffus wie bedrängend erfahrene Bedrohung. Diese verliert an Schärfe, wenn sich eine Ursache, noch besser aber, ein Verursacher identifizieren lässt. Doch mit dieser Art von „Ursachenforschung“ geht ein Infektionsrisiko einher, das jenes der realen Ansteckungsgefahr durch den Virus bei weitem übertrifft. Populistische Schuldzuweisungen, wie sie Donald Trump gegenwärtige in Richtung China richtet, die Fokussierung der chinesischen Medien auf einreisende Ausländer als eigentliche Gefahrenquellen und weitere, zahlreiche gegenseitige Stigmatisierungen weltweit tragen wesentlich dazu bei, die Nationen noch mehr als vor der Krise auf Abstand zu halten. Doch auch in unserem Land nehmen Verschwörungstheorien und die Suche nach „Schuldigen“ im Diskurs der sozialen Medien einen beängstigend breiten Raum ein: vor einigen Wochen begann es mit dem Virusverdacht bei fernasiatisch aussehenden Menschen; aktuell wird mit dem Finger auf ein „paar Unvernünftige“ gezeigt, die sich noch immer in Gruppen treffen oder wortwörtlich „in Scharen“ herumziehen; in naher Zukunft wird vielleicht den heutigen Entscheidern aus Medizin, Politik und Wirtschaft ein erhebliches Maß zumindest an „Mitschuld“ zugeschoben. Hier zeigt sich der mentale Coronavirus. Er wird noch viel länger und mit größeren Schäden wirken als seine materielle Erscheinungsform.

„Wer ist schuld?“ Die sich im Johannesevangelium an die Begegnung mit dem Blinden und dessen Heilung anschließende Auseinandersetzung macht klar, dass diese Frage nicht nur falsch gestellt, sondern an sich falsch ist.  Die Antwort Jesu lautet: „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden.“ (Joh 9,3). Ich verstehe darin die Aufforderung, dass wir uns nach dem Vorbild der ersten Christen mit den Katastrophen unserer Zeit intensiv auseinandersetzen und versuchen sollen, ihnen einen religiösen Sinn jenseits der Suche nach Schuldigen abzugewinnen. Noch mehr aber sollten wir uns mit Nachdruck dafür einsetzen, dass aus dem aktuellen Geschehen die entsprechenden politischen und sozialethischen Konsequenzen gezogen werden. Dabei ist es durchaus richtig, unter Verzicht auf Schuldzuweisungen nach Schuldzusammenhängen zu suchen. Die Welt „vor Corona“ hat hierzu einiges zu bieten!

In weniger als drei Wochen feiern wir Ostern. Die Rahmenbedingungen unseres höchsten Festes werden in diesem Jahr denkbar „seltsam“ sein. Aber die Botschaft ist und bleibt unverändert: der „Ohrwurm“ vom Gott Jesu Christi, der die Schuldzusammenhänge dieser Welt durchbricht und einen Neuanfang ermöglicht.

Stefan-B. Eirich, KAB Bundespräses

Wort-im-Draufblick

"Solidarität ist Zukunft" - zum 1. Mai

Briefe an Ketteler

Mit fünf Briefen an den legendären Arbeiterbischof stellt der KAB-Bundespäses  aktuelle Fragen zur katholischen Kirche.

Inter(+)aktiv

Treten Sie mit uns in Kontakt

mehrweniger

Adresse

KAB Deutschlands e. V.
Bernhard-Letterhaus-Str. 26
50670 Köln
Telefon: 0221/7722 - 0
Kontakt

Unterstützen Sie die KAB

Jede Spende hilft!

Unterstützen Sie die Projekte der KAB und stärken Sie die selbständige Vereinigung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern.

Mitglied werden

Hier steht der Mensch im Mittelpunkt.

KAB - Tritt ein!