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Ketteler-Briefe

Briefe an den Arbeiterbischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler

„Was hätte der Mainzer Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler gesagt?“
Mit fünf Briefen an den legendären Arbeiterbischof und Mitglied des Paulskirchen-Parlaments von 1848 hat KAB-Bundespäses Stefan Eirich aktuellen Fragen und Herausforderungen der katholischen Kirche in Deutschland heute in den Kontext Mitte des 19. Jahrhunderts gestellt.
Anlass ist der 143. Todestag des Sozialbischofs am Montag, dem 13. Juli. 

Lieber Bischof von Ketteler,

Der Mönchsvater Johannes Klimakos spricht in einem seiner Werke von der „Fühllosigkeit“ als der Wurzel und dem Anfang aller Verfehlungen und Sünden der Menschen. Könnte es nicht sein, dass es sich mit der „Sprachlosigkeit“ ähnlich verhält? Zumindest wenn diese Ausdruck einer fehlenden Sensibilität für Entwicklungen und Geschehnisse ist, die uns als glaubende Menschen doch eigentlich aufwühlen und aufschreien lassen müssten. Eine Kirche, die wirklich bei den Menschen der Gegenwart verortet sein will, muss für deren Sorgen und Nöte ansprechbar und im wahrsten Sinn des Wortes ansprechend sein.

In meiner Zeit, lieber Herr Bischof, gelten Einzelpersonen und Institutionen vor allem dann als ansprechend, wenn sie authentisch sind. Das heißt, wenn sie überzeugend und nachvollziehbar für die ihnen wichtigen Werte eintreten. Nehmen Sie den Schutz des freien Sonntags. Am 25. Juli 1869 hatten Sie sich auf der Liebfrauenheide bei Offenbach in einer Ansprache vor 10.000 Menschen nicht nur für Lohnerhöhungen, das Verbot von Kinderarbeit und das Streikrecht, sondern auch für einen freien Sonntag eingesetzt. Ihnen ist es im Wesentlichen mit zu verdanken, wenn Jahrzehnte später der Sonntag sogar durch die Verfassung geschützt wurde und bis heute durch das Grundgesetz geschützt wird. Heute zeigt die Kirche in dieser wichtigen Frage leider nicht mehr die erforderliche „klare Kante“. Vor dem Hintergrund des durch die Geschäftsschließungen während der Corona-Pandemie eingebrochenen Umsatzes im Einzelhandel sehen nun auch wichtige kirchliche Repräsentanten in zusätzlichen Sonntagsöffnungen ein „wirtschaftliches Heilmittel“. Die Rechnung dafür bezahlen aber jene, deren Rechte Ihnen, sehr geehrter Bischof Ketteler, ein Herzensanliegen waren. Den kleinen Angestellten im Verkaufs- und Kassenbereich wird durch Konzessionen dieser Art mehr und mehr der Sonntag als Erholungs- und Familientag genommen. Und dies, wo bislang zusätzliche Sonntagsöffnungen aufs Ganze gesehen keine wesentlichen Umsatzsteigerungen gebracht haben. Doch, selbst wenn dies der Fall wäre, wäre der Wegfall des Sonntags als wirklicher Ruhetag ein viel zu hoher Preis.

Es tut mir leid, dies Ihnen heute, da sich Ihr Todestag zum 143. Mal jährt, schreiben zu müssen. Lassen Sie mich daher zum Schluss auf die wohl wichtigste Botschaft schauen, die Sie für die KAB, ja für die katholische Kirche in Deutschland als ganze haben. Es ist die Aufforderung zur Rückbesinnung auf die die Sprache des Lebens und Wirkens Jesu Christi. In einer Ihrer berühmt gewordenen Adventspredigten am Ende des von Gewalt, von staatlicher Repression und grassierendem sozialen Elend geprägten Jahres 1848 bringen das Wesen dieser „Universalsprache“ auf den Punkt:

 „Wenn Jesus Christus sich durch die Größe unseres Elendes nicht abhalten ließ, sich vom Himmel zu uns herabzulassen, so sollen auch wir, wenn wir Christen sind, dort hineilen, wo die Not am größten ist."

Es ist die Sprache christlich sozialen Handelns. Ich bitte Sie inständig: helfen Sie uns, dass wir diese Sprache wieder und dann noch besser lernen. Seien Sie unser Sprachlehrer! Helfen Sie uns aus der Sprachlosigkeit.

Ihnen mehr denn je herzlich verbunden,

Stefan-B. Eirich

Lieber Bischof von Ketteler,

vor lauter Begeisterung über Ihre klaren Worten zur sozialen Frage an die Adresse der Fuldaer Bischofskonferenz 1869 hatte ich vergessen zu erwähnen, dass Sie damals auch ein Bündel an Sofortmaßnahmen vorgeschlagen haben. Es ist ausgesprochen bemerkenswert, dass Sie hier an prominenter Stelle die Priesterausbildung in den Blick nehmen. Schon dort muss eine Sensibilisierung für den „Arbeiterstand“ stattfinden. Des Weiteren mahnen Sie an den Einsatz besonders qualifizierter Kleriker an Industriestandorten an, „damit sie sich insbesondere des Wohls der Arbeiter annehmen“.

Ich darf vermuten, dass nicht allzu viele der anwesenden Oberhirten Ihre Analyse und Schlussfolgerungen geteilt haben. Aufgabe und Auftreten der Kirche in Form von „guten Lehren“ und „Vertröstungen“ schienen schon Mitte des 19. Jahrhunderts „ ewig gültig“. Daher bedurften sie keiner weiteren Reflexion oder gar Änderung. Für Sie hingegen, lieber Herr Bischof Ketteler, stand die Rolle der Kirche in einer sich fortwährend modernisierenden Gesellschaft alles andere als fest. Als lernender Hirte führte Ihr Weg in die Lebenswelt derer hinein, die die Kirche fatalerweise nur ganz am Rande in den Blick genommen hatte. Aber vielleicht greift diese Feststellung zu kurz. Schließlich waren die von Ihnen gestellten Fragen nicht nur innerhalb der Kirche neu und unerhört, sondern auch für die Gesellschaft Ihrer Zeit verwirrend und beängstigend. Tragfähige Antworten gab es zu in Ihren Tagen nicht. Heute haben wir einige Lösungsansätze. Ich wäre dankbar, wenn Bischöfe von Ihrem Format für ebendiese einträten.

„Lass mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fragen und Dasein, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir zu überliefern habe.“

Mir ist dieses Wort des 1994 verstorbenen Bischofs von Aachen, Klaus Hemmerle, zu einer wichtigen Orientierung für meinen Weg als Christ geworden. In Ihnen, sehr verehrter Herr Bischof, erlebe ich eine Glaubenspersönlichkeit, deren Leben und Wirken gewissermaßen vorab zeigt, wie dies „funktionieren“ könnte. Denn Sie finden zu einer Sprache, die Arbeiterinnen und Arbeiter in einer bis dahin unerhörten Weise würdigt und in ihnen wirkliche Ansprechpartnerinnen und –partner auf Augenhöhe sieht. Das, was Sie über den Wert und die Würde der Arbeit sagen, gibt den Betroffenen die Gewissheit, „der meint wirklich uns“. Es ist genau diese Fähigkeit, die ich mit Blick auf die Kirche meiner Tage am Schwinden sehe: den Menschen das sichere Gefühl zu geben, „wirklich gemeint“ zu sein.

Liebe Grüße aus Köln

Ihr Stefan-B. Eirich

Lieber Bischof von Ketteler,

Warum wende ich mich gerade an Sie? Die Antwort ist naheliegend: mein Verband, die Katholische Arbeitnehmerbewegung Deutschlands, versucht so wie Sie es getan haben, die „soziale Frage“ in der Kirche lebendig zu halten. Gleichzeitig will sie in der Welt der Arbeit für ein christliches Miteinander sorgen.

Ich muss freilich der Ehrlichkeit halber einräumen, dass die KAB wie ein Großteil der katholischen Kirche in Deutschland des Öfteren mehr mit sich selber als ihrem Auftrag beschäftigt ist. Teil dieses Auftrages ist es,

„nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten“ (GS 4).

Zu den alarmierenden Zeichen unserer Zeit gehört die offen zu Tage tretende Bedeutungslosigkeit zentraler Werte des christlichen Glaubens. Um genau zu sein: in der von der Kirche verkündeten Form. Daher liegt es auf der Hand, dass sich die Kirche primär mit diesem Problem auseinandersetzen muss und nicht jene, denen sie nichts mehr zu sagen hat. Wenn die Botschaft nicht mehr ankommt, liegt dies zunächst einmal am Absender.

In diesem Sinn hatte auch die Kirche zu Ihren Lebzeiten, verehrter Herr Bischof, ein Sprachproblem gegenüber Arbeiterinnen und Arbeitern. Mich beeindruckt, wie Sie in einer Zeit des enthemmten Kapitalismus und des Massenelends um eine neue, eine relevante Sprache der Kirche gerungen haben. In Ihrem Gutachten für die Fuldaer Bischofskonferenz 1869 legen Sie Ihren Mitbrüdern eindringlich dar, dass die traditionelle Seelsorge das Proletariat nicht erreicht. Ihnen geht es dabei aber nicht um pastoralstrategische Überlegungen, sondern um den vom Glauben selbst geforderten sozialen Einsatz. Arbeiterinnen und Arbeiter klagen zu Recht:

„Was helfen mir eure [kirchlichen] guten Lehren und eure Vertröstungen auf eine andere Welt, wenn ihr mich in dieser Welt mit Weib und Kind in Hunger und Not darben lasst. Ihr sucht nicht mein Wohl, ihr sucht etwas anderes."

Danke für Ihre damalige klare Analyse. Diese setzt bis heute Maßstäbe!

Ihr Stefan-B. Eirich

Lieber Herr Bischof von Ketteler,

erlauben Sie mir, dass ich Sie ein wenig vertrauter als noch gestern in meinem Brief anspreche. Ich hatte Ihnen in meinen Zeilen angedeutet, dass die Kirche meiner Zeit offensichtlich selbst für glaubende Menschen zusehends irrelevant geworden ist. Vielleicht liegt dies auch an den vermeintlich „großen Themen“ kirchlichen Lebens. Oder würden Sie

-       das Ringen um möglichst große Pfarreistrukturen,

-       würden Sie die kleinlichen Auseinandersetzungen um Dürfen und Nichtdürfen im Gottesdienst,

-       würden Sie die Debatten um Selbstverständlichkeiten wie die Gleichbehandlung von Frauen und Männern in der Kirche oder eine faire Konfliktkultur zwischen Laien und Klerikern, -

 würden Sie das alles zu den größten Problemen der „Frau bzw. des Mannes auf der Straße“ zählen? Ihnen diese Frage zu stellen, ist überflüssig. Schon lange bewundere ich Sie als einen Theologen, Hirten und streitbaren Zeitgenossen, der in seiner einzigartigen sozialen und gesellschaftlichen Sensibilität die Wahrnehmungsmuster seiner Kirche weit hinter sich gelassen hat. Und das tun Sie auch heute noch! Ganz sicher würden Sie öffentlichkeitswirksam auf die Existenznöte der sogenannten „kleinen Leute“ im Gefolge der Corona-Pandemie hinweisen.

-       Sie würden die drohende Verarmung der Kurzarbeiterinnen und Kurzarbeiter kommen sehen und die zu geringe Unterstützung der wirklich Bedürftigen monieren.

-       Als Bischof wären Sie zu den unter skandalösen Bedingungen in den Schlachthöfen Ihrer Westfälischen Heimat Arbeitenden gefahren.

-       Und Sie hätten schon längst den Menschen in „systemrelevanten“ Berufen durch vielfache Kontakte ihre Wertschätzung gezeigt und sich für deren bessere Bezahlung eingesetzt. Nicht wenige dieser Menschen arbeiten im Einzelhandel und sollen nun auch vermehrt sonntags arbeiten, um, wie es heißt „Wirtschaft und Konsum“ anzukurbeln. Ganz bestimmt hätten sie hierzu sehr deutliche Worte gefunden!

Daher, lieber Bischof von Ketteler, möchte ich gerne nicht nur mit den Mitgliedern meines Verbandes, sondern mit allen für einen lebendigen und lebensnahen Glauben engagierten Frauen und Männern bei Ihnen gewissermaßen in die Schule gehen. Und so bitte ich Sie, Ihnen weiter schreiben zu dürfen.

In herzlicher Verbundenheit

Stefan-B. Eirich

Hochwürdigster Herr Bischof von Ketteler,

der katholischen Kirche in meinem und Ihrem Land geht es nicht gut. Vor einigen Tagen wurden die Zahlen über den neuesten Mitgliederschwund bekannt. Ersten Untersuchungen zufolge haben jetzt auch vermehrt praktizierende Christinnen und Christen der Kirche den Rücken gekehrt. Insgesamt waren es fast 273.000 Katholikinnen und Katholiken im vergangenen Jahr.

Ja, es gab und gibt genug Gründe für einen Austritt.  Denken Sie nur

-       an den Missbrauchsskandal,

-       den teilweise Ärgernis erregenden Umgang mit Kirchensteuermitteln

-       oder die Zurücksetzung von Frauen bei der Besetzung von Leitungsämtern - ,

aber dieser Exodus überrascht selbst eingefleischte Pessimisten. Ihre Amtsbrüder im Jahr 2020 stehen dieser Entwicklung größtenteils hilflos und mit beredter, manchmal sogar resigniert wirkender Erklärungsnot gegenüber. Ich verstehe dies durchaus; dennoch macht mir die damit einhergehende „Sprachlosigkeit“ zunehmend mehr zu schaffen.

Andere Fragen als die Ursachen für diesen Mitgliederschwund scheinen unsere Kirche in Deutschland mehr zu beschäftigen. „Segen für Zäune anstatt für Menschen“, lautete einer der Kommentare zur kürzlich gefeierten Segnung des neuen Gitters für den Kölner Dom. Der Vorgang ist symptomatisch dafür, dass es offensichtlich schon seit längerem nicht mehr vorrangig um die vielfältigen Sorgen und Nöte der Zeitgenossen geht.

Lassen Sie mich Ihnen davon morgen mehr erzählen.

Für heute grüße ich Sie sehr herzlich,

Ihr Stefan-B. Eirich

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