Genth argumentiert hierbei mit dem Hinweis auf "Einkaufen als Freizeiterlebnis". Leider unterschlägt er dabei, dass alle im Einzelhandel Beschäftigten auf diesen Freizeitspaß am Sonntag verzichten werden müssen. Hinzu kommen all jene Arbeitnehmenden, die die Infrastruktur der Innenstädte und Ortszentren für die sonntäglichen Shoppingtouren am Laufen halten müssen. „Gerade weil heute online ohnehin rund um die Uhr eingekauft werden kann, braucht die analoge Welt bewusste Grenzen“, so KAB- Bundespräses Stefan-Bernhard Eirich. „Der Sonntag ist eine solche Grenze – als gemeinsamer Zeitraum für Erholung statt für noch mehr Konsum.“
Damit nicht genug. Der HDE-Hauptsekretär unterstellt den Menschen in Deutschland, dass ihnen beim Thema Freizeit nur noch Einkaufengehen einfällt. Freizeit ist jedoch mehr als Konsum. Zeit für Familie, Ehrenamt, Sport, Kultur oder einfach Erholung wird knapper. In einer Gesellschaft, die von ständiger Verfügbarkeit geprägt ist, gewinnt ein gemeinsamer Ruhetag deshalb eher an Bedeutung, als dass er überholt wäre.
In Wahrheit steckt hinter Genths Forderung der verzweifelte Kampf gegen den massiven Schwund im stationären Einzelhandel. Allein für 2026 rechnet der HDE mit einem Rückgang um ca. 4.900 Läden, die meisten davon kleine bzw. inhabergeführte Geschäfte. Diese können sich größtenteils eine Sonntagsöffnung nicht leisten und werden somit die ersten Opfer der Genthschen Ideen. Hinzu kommt: Zusätzliche Ladenöffnungen schaffen keine zusätzliche Kaufkraft – sie verteilen den Konsum lediglich auf mehr Stunden und Tage.
Der zunehmende Erfolg von Ratgebern zu Minimalismus und „Decluttering“ zeigt zudem, dass permanenter Konsum längst nicht nur Freiheit, sondern für viele Menschen auch Überforderung und Ballast ist. Der einkaufsfreie Sonntag ist die notwendige Atempause – für Beschäftigte und Verbraucher:innen, für Umwelt und Klima. Er ist kein Relikt vergangener Zeiten, sondern ein fester Zeitraum für Erholung und psychische Regeneration.
