Hätte es unser Rentensystem bereits in biblischen Zeiten gegeben, hätte es unerträglichen Belastungen standhalten müssen. Die Menschen in der Bibel sind steinalt geworden. Gerade in den ersten Büchern der Heiligen Schrift finden sich zahllose Beispiele für Frauen und Männer, die unglaublich lange Rente bezogen hätten: Adam und Eva lebten mehr als 900 Jahre lang, „Methusalem" sogar 969. Abraham brachte es immerhin noch auf 175 Jahre - „alt und lebenssatt" schied er aus dem Leben. Unfassbar? Nur zum Teil, denn Altersangaben mit einer Hundert davor nehmen in unseren Tagen sprunghaft zu; das sogenannte „biblische Alter“ ist keine Seltenheit mehr. Aber anders als in den Zeiten unserer „Urgroßväter und -mütter im Glauben“ gilt im frühen 21. Jahrhundert ein hohes Alter nicht mehr nur als Segen. Schon ab fünfzig gehört man/frau bereits zum alten Eisen und wird den schier allgegenwärtigen Boomern zugerechnet. Diese bilden eine furchteinflößende Massenspezies, die aufgrund ihrer Rentenansprüche für das Wohlergehen der nachfolgenden Generationen eine schier grenzenlose Bedrohung darstellt. „Die Rente frisst unsere Zukunft“ lautet einer der wohlfeilen Glaubenssätze unserer entsolidarisierten Wohlstandsgesellschaft. Weniger aufgeregt formuliert: immer weniger Junge sind augenscheinlich nur noch am „Geben“, immer mehr Alte leben ausschließlich vom „Nehmen“.
Hanna und Simeon
Zurück zu den alten Menschen in der Bibel und damit zu Hanna und Simeon, den „Hauptdarstellern“ von Mariä Lichtmess. Anders als in unseren von wachsender Entfremdung gekennzeichneten Debatten zwischen Jung und Alt zeichnet das Festtagsevangelium (Lk 2,22-40) ein überaus wertschätzendes Bild von Hanna und Simeon, also von zwei sehr alten Menschen. Gleichzeitig vermittelt es den Eindruck von einer grundlegenden Zusammengehörigkeit der Generationen. Zwischen einem blutjungen Elternpaar und zwei Menschen mit großer Lebenserfahrung entwickelt sich ein intensiver Austausch, der alle Beteiligten voranbringt. Sie entdecken gemeinsam, wie wichtig jede Generation für sich, aber noch mehr deren Zusammenwirken für Gottes Geschichte mit den Menschen ist, und sei es „nur“, um als Hochbetagte auf die unscheinbaren Anzeichen einer rettenden Zukunft hinzuweisen, die die Jüngeren (noch) nicht zu deuten wissen. Mit Hanna und Simeon begegnen wir einer Frau und einem Mann, die eindrucksvoll ein Leben lang auf die Begegnung mit dem Retter Israels gewartet haben und den Messias nun gegen allen Anschein im Kind von Maria und Josef erkennen. Ihr Leben ist dadurch von einer Unbeirrbarkeit und Beharrlichkeit getragen, die für jede langfristig an bestimmten Grundwerten orientierte Gesellschaft unabdingbar sind. Der Evangelist Lukas bezeichnet Hanna nicht zuletzt auch deshalb namentlich als „Prophetin“ und verleiht ihr so einen Ehrentitel, der nur wenigen Frauen in der Heiligen Schrift zuteilwird. Sie gehört damit zu jenen besonderen Menschen, die die Gegenwart dank ihrer Lebenserfahrung ungetrübt vom gängigen Mainstream und schnellen Urteilen in den Blick nehmen und kritisch deuten. Die Kampfparole von der zukunftsfressenden Rente hätte und hat vor ihren Augen keinen Bestand. Hanna, aber auch Simeon sind zeitlose „Mehrsehende“ und Hoffnungsträger (Christiane Münker).
Ansteckende Wertschätzung
Die Wertschätzung des Lukasevangeliums für zwei alte Menschen, die in den polemischen Auswüchsen der aktuellen Rentendebatte lediglich als „übermäßige Belastung des Systems“ gesehen werden, könnte zur Entgiftung der Auseinandersetzung beitragen. Wer sich von der Grundhaltung des Evangelisten anstecken lässt, wird schnell erkennen, dass der abschätzige Umgang mit alternden Menschen längst vor deren Renteneintritt beginnt! Er findet bereits dort statt, wo Arbeitnehmende ab dem 50. Lebensjahr gnadenlos aussortiert werden, weil sie bei der fortwährenden Arbeitsverdichtung nicht mehr mithalten können. Dies ist das unhinterfragte Resultat einer Arbeitswelt, die Menschen in starre Konzepte von Zeitstrukturen und Lebensaltern zwingt. Die Gegenbewegung hierzu sollte aber nicht durch Konzepte stattfinden, die alten Menschen eine Fortsetzung ihrer Erwerbsarbeit versüßen oder gar die Verlängerung der Lebensarbeitszeit als „Win-win“ für alle verkaufen, sondern versuchen, deren Begabungen und Begeisterungen für das Allgemeinwohl zu gewinnen. Die Hannas und Simeons unserer Gegenwart sind häufig gesunde Seniorinnen und Senioren mit guter Ausbildung, viel Berufserfahrung und hoher menschlicher Kompetenz. Schon lange leisten sie einen unschätzbar wertvollen Beitrag für unsere Gesellschaft, denn die „Tafeln“, Sozialverbände, Dorfläden, Besuchsdienste usw. werden maßgeblich von den über 60-Jährigen getragen. Weil ältere Menschen oft ortsgebunden sind, tragen sie aber auch wesentlich dazu bei, dass Wohnviertel lebendig und lebenswert bleiben. Viele bringen durch dieses nicht verrechenbare und oft unsichtbare Engagement in kleinen Schritten unsere Gesellschaft voran und machen damit Hoffnung auf die Überwindung der Einteilung in „Geben“ und „Nehmen“.
Stefan-Bernhard Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands
