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Gefahr für Supermänner! – Anklang zum Festtag „Taufe des Herrn“ 2026

Traditionell sollen die Böller der Silvesternacht Sorgen und Furcht vor der Ungewissheit der Zukunft vertreiben.

Das Gegenteil bewirkt der Lärm, der am Anfang dieses Jahres steht und erneut von einer bislang undenkbaren Aktion herrührt. Die Schüsse der US-Militärintervention in Venezuela dürften all jenen bis heute in den Ohren nachhallen, die die Heilige Schrift mit wachen Augen lesen. Internationale Abmachungen und Institutionen, Verträge und Bündnisse scheinen durch dieses Eingreifen endgültig obsolet und einsturzgefährdet. Offensichtlich geht es in einer Welt, in der ganze Kontinente als machtpolitische „Hinterhöfe“ beansprucht werden, nur noch um die größtmögliche Ausweitung von Einflusssphären um jeden Preis.

Die Anti-Chaosfigur

Was wir erleben, stellt – um einen abgenutzten Begriff des vormaligen Bundeskanzlers Olaf Scholz weiterzuentwickeln – so etwas wie eine „Zeitenwende für Fortgeschrittene“ dar. Diese hat, wie schon der russische Überfall auf die Ukraine vor fast vier Jahren (der „Zeitenwende für Anfänger“), erschreckend viel mit Religion zu tun. Nicht nur Präsident Trump selbst bescheinigt sich immer wieder „messianische Qualitäten“. Auch sein Umfeld, wie z.B. der PayPal-Mitgründer Peter Thiel glaubt auf sehr spezielle Weise an biblische Prophezeiungen und sieht die USA zusammen mit ihrem Präsidenten an der Spitze des letzten Aufgebots gegen die finsteren Mächte der Apokalypse. Hierbei geht es konkret um die geheimnisvolle Anti-Chaosfigur des "Katechon" (vgl. 2Thess 2,6f.) – eine biblische Kraft, die das Ende der Welt aufhalten kann. Diese machtpolitische Vereinnahmung der Bibel folgt freilich dem gleichen Muster, das auch durch den russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill zur Anwendung kommt. Bei ihm ist natürlich Russland die berufene Ordnungsmacht, angeführt vom „Katechon“ Wladimir Putin.[i] Die vom Letztgenannten in der Ukraine angerichteten Zerstörungen und von Ersterem fortlaufend betriebenen Beschädigungen globalen Zusammenlebens werfen freilich die berechtigte Frage auf, ob durch beide nicht aus gnadenloser Selbstüberschätzung die Ankunft jener apokalyptischen Zustände beschleunigt wird, die zu bekämpfen sie vorgeben.

Der Geheimnisvolle

Trump, Putin und ihre Berater sind bei ihrer Suche nach „Erlöserfiguren“, die sie für ihre Bedürfnisse zurechtbiegen, konsequent auf die letzten Seiten der Bibel fixiert. So entgehen sie der für sie gefährlichen Konfrontation mit jener nicht minder geheimnisvollen Gestalt, die der alttestamentliche Lesungstext (Jes 42,1-7) am Festtag der Taufe des Herrn in Erinnerung ruft. Der sogenannte „Gottesknecht“ ist der konsequente Gegenentwurf zur Machtpolitik der kraftstrotzenden Supermänner unserer Gegenwart. Ja, er ist das krasse Gegenteil dieser „starken Männer“. Der unter dem Namen Jesaja schreibende Autor schildert ihn als fürsorglichen Menschen, zugleich aber auch als hartnäckigen Propheten, der konsequent auf jeglichen Rechtsbruch hinweist. Einfühlsam, stützend und aufrichtend bringt er so das Recht für Israel und alle Völker. Und er hat damit Erfolg! Nicht mit Einsatzkommandos zur Umsetzung wohlfeiler Gebietsansprüche und „Sicherheitsinteressen“, sondern in der Kraft des ihm verliehenen Geistes bringt und praktiziert er die Gerechtigkeit Gottes, die allen gerecht wird, zuerst aber den Wehrlosen und Marginalisierten. Sein Wirken beschwört dabei nicht ein zukünftig-ausstehendes Geschehen, sondern bezieht sich auf die Gegenwart.

Unser Auftrag

Dieser Sonntag zum Abschluss der Weihnachtszeit erinnert nicht nur an die Taufe Jesu im Jordan, sondern auch an unsere eigene Taufe und deren Konsequenzen. In der Taufliturgie wurde jede und jeder von uns zum Propheten, Priester und König gesalbt. Der Job der Prophetin und des Propheten könnte heute z.B. so aussehen: wo auch immer es möglich ist, im Kleinen durch die eigene Lebenspraxis für verlässliches Recht und Fairness zu sorgen. Im Großen kann dies bedeuten, all denen zu widersprechen, die die Politik der Supermänner und Erlöserfiguren unserer Gegenwart billigen oder gar gutheißen. Jede und jeder kann - weil getauft! - im Sinne des Gottesknechts mit dafür Sorge tragen, dass bei uns die Demokratie stark bleibt und nicht irgendwelche vermeintlich starken Leute ihre Machtinteressen auf Kosten anderer und des Gemeinwohls durchsetzen werden. In diesem Sinn ist schon viel erreicht, wenn, angefangen bei uns, zunehmend mehr Menschen darauf verzichten, die anderen in die Schablone der eigenen Wahrheit zu zwängen. Der Prophetenjob besteht aber auch darin, das Recht des Stärkeren zu hinterfragen und mit der „Rechtspraxis“ des Gottesknechts zu konfrontieren. Sein Recht unterstützt die ansonsten Rechtlosen, sein Recht bringt Menschen zum Blühen, sein Recht ist frei von jeglichem Eigennutz und gilt ohne billige Anpassung an die Situation universell und verlässlich. Aber Vorsicht! Wer sich an diesem Recht orientiert, stellt eine Gefahr dar für Machtmenschen und selbsterklärte Gewinner. Selten war es so einfach und zugleich notwendig, als Gefahr zu gelten …

Stefan-Bernhard Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

 

[i] Vgl. Florian Baab, Peter Thiel und die Apokalypse. Oder: Ideologiekritik als Aufgabe der Theologie, in: https://www.feinschwarz.net/thiel-und-die-apokalypse/. – Klaus Mertes, Die Aufhaltung des Antichrist. Irrlichternde Paulus-Exegese heute, in: Stimmen der Zeit 10/2025, verfügbar unter: www.herder.de/stz/hefte/archiv/150-2025/10-2025/die-aufhaltung-des-antichrist-irrlichternde-paulus-exegese-heute/