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Opferverweigerung – ein Anklang zum Palmsonntag 2025

Der Begriff Opfer klingt in unserer Alltagssprache nicht besonders gut. Dennoch ist ebendieser Alltag voller Opfer im umfassenden Sinn des Wortes.

Opfern 2025 - I

Sie hat es mit ihren gut 50 Jahren weit gebracht. Als Abteilungsleiterin in einem der Schlüsselressorts „ihres“ Ministeriums trägt sie die Verantwortung für gut 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Auf dem Weg zu dieser Position hatte sie manches Opfer bringen müssen: die frühe Entscheidung gegen eine klassische Familienkarriere „mit allem Drum und Dran“, zwei an ihren vielen Überstunden und Dienstreisen zerbrochene Beziehungen und vor zehn Jahren der Beinahe-Schlaganfall. Beim Stichwort „Opfer“ fallen ihr aber auch Konkurrentinnen ein, die – nicht ohne ihr wesentliches Zutun – auf dem Weg nach oben irgendwann stecken geblieben sind. Frau muss eben Opfer bringen. Ihre Gedanken verweilen kurz bei ihrer Stellvertreterin, dieser ehrgeizigen, überkorrekten Karrieristin. Gottseidank kann diese sich nun nicht mehr gegen die (zugegebenermaßen) schlechte Beurteilung wehren; zwei kleine Patzer beim letzten Kongress genügten, um sie fürs erste abzuservieren.

Opfern 2025 - II

Er hat schon viele Umbrüche durch- und überlebt: Eigentümerwechsel, Generationen von ebenso unfähigen wie überforderten Führungskräften, den Zerfall seines Teams während der Coronajahre und jetzt die existenzgefährdende Krise in seiner Branche. Aber als mittlerweile altgedienter Abteilungsleiter bei einem Automobilbauer hat er derart absurde, regelrecht menschenverachtende Sparvorgaben wie jetzt noch nie erlebt. Natürlich wird es nirgendwo so direkt ausgesprochen, aber die Richtung ist eindeutig: die Firma muss sich möglichst kostenneutral von einem Drittel ihrer Belegschaft trennen. „Wir alle müssen Opfer bringen“, tönt es vielsagend aus der Chefetage. Im Klartext: entweder du arbeitest aktiv mit beim Personalabbau oder du stehst selber auf der Abschussliste.

„Leichen“ auf meinem Weg

Zwei Alltagsbeispiele, denen ich aus meinem eigenen Leben und Erleben wie fast alle Menschen in Entscheidungspositionen weitere hinzufügen könnte. Aber es bedurfte vielleicht erst der im großen Stil von Donald Trump und seinen noch fanatischeren Beraterinnen und Beratern getroffenen Entscheidungen, um klar zu bekommen, was Menschen mit Macht anderen antun können. Im Großen wie im Kleinen wird tagtäglich den Betroffenen Gewalt angetan, wird ihre Freiheit eingeschränkt, ihre Würde missachtet und in den Dreck gezogen. Es ist der Gipfel an Menschenverachtung, hierfür nachgerade messianische Heilsverheißungen als Begründung ins Feld zu führen. Aber auch vorgegebene, starre Strukturen und Rahmenbedingungen, in die sich Menschen vermeintlich zu fügen haben, sind Gewaltanwendungen. Menschen, die Unterdrückung erfahren, erleiden äußere und innere Verletzungen und sind oft nur noch ein Schatten ihrer selbst. Dennoch ist äußerste Vorsicht geboten bei schnellen Schuldzuweisungen und eigenen „Ent-Schuldigungen“. Ich kann nur für mich sprechen: oft genug war und bin ich Teil eines Systems, in dem erlittene und ausgeübte Gewalt ineinander übergehen, in dem Opfer und Täter (Opfernde also) innerhalb weniger Augenblicke die Rollen tauschen.

Kleider auf dem Weg Jesu

Während seines Wirkens in Galiläa und mit seiner Botschaft hat Jesus diese ebenso fatalen wie zynischen Mechanismen von Anfang an als solche entlarvt und hinterfragt. Die Entscheidung nach Jerusalem zu gehen, ist deshalb nur konsequent. Denn auf dem Weg in die Heilige Stadt liegen buchstäblich die Leichen der Gewaltlogik: angefangen mit der Eroberung der Stadt durch David über deren Einnahme und Zerstörung durch die Chaldäer bis hin zum gewaltsamen Eindringen der Römer in das Allerheiligste des Tempels wenige Jahrzehnte vor dem Auftreten Jesu. Umso deutlicher ist sein Einzug nach Auskunft des Evangelisten Lukas durch ihn und seine Jünger im Sinne einer Gegeninszenierung zu der skizzierten Vorgeschichte vorbereitet worden: Der Esel bzw. ein Fohlen als das durch die biblische Tradition eindeutig identifizierbare Reittier des königlichen Friedensbringers, Kleider als Sattelersatz und das letzte Hemd der Jünger wie ein für ihn auf der schmutzigen Straße ausgebreiteter Teppich als Huldigungsgeste. Die begeisterten Zurufe feiern ihn als einen, der endlich und endgültig Segen bringt.

Das Ende des Opferzwangs

Jesus bringt nicht nur diesen Segen, sondern wird selbst dazu, weil sein gewaltsamer Tod wenige Tage später alles, was den Kreislauf von Tätern und Opfern am Laufen hält, exemplarisch unterbricht: Die Angst, zu kurz zu kommen, den permanenten Konkurrenzdruck, die Einteilung in Freund und Feind. Sprich, alles das, was uns glauben lässt, im Leben gehe es nicht ohne „Opfer“. Anstatt sich unter billigender Inkaufnahme von Opfern sich selbst zu behaupten, erklärt er sich durch sein Sterben solidarisch mit allen, die in den Augen der „Welt“ als „Opfer“ gelten. Nun ist es an mir, mich zumindest in meinem Leben, der bislang „gebrachten Opfer“ zu stellen, um Versöhnung zu bitten und die Einteilung meiner Welt in Gewinner und Verlierer hinter mir zu lassen. Es ist höchste Zeit, weitere Opfer zu verweigern!

Stefan-Bernhard Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands