Diese Website benutzt Cookies. Wenn Sie auf "Akzeptieren" klicken, stimmen Sie dem Einsatz von Cookies gemäß unserer Datenschutzerklärung zu.

Seht! – Anklang zum zweiten Sonntag 2026

„Seht mit unseren Augen!“

„Seht euch die Videobilder gefälligst mit unseren Augen an und interpretiert das Gezeigte so, wie wir es euch sagen. Wenn ihr das nicht tut, dann seid ihr gegen uns!“

– So verstehe ich die Botschaft, mit der die amerikanische Regierung seit mehr als einer Woche versucht, gegen allen Augenschein ihre Deutung der tödlichen Schüsse aus der Pistole eines Beamten der für ihre brutalen Einsätze bekanntgewordenen Einwanderungspolizei ICE auf die Lyrikerin Renée Good in Minnesota als die einzigwahre durchzusetzen. Die systematische Diffamierung all jener als „Sympathisanten einer Terroristin“, die sich nicht der „offiziellen“ Lesart von der Notwehr des Todesschützen anschließen, erinnert an die Zustände, die George Orwell in einer Dystopie „1984“ beschreibt. Dort zwingt ein totalitärer Herrschaftsapparat die Bevölkerung, „sich hinter der Lüge“ zu versammeln. Wer als zuverlässiger Bürger und staatstreue Bürgerin gelten will, muss eine durch Manipulation und Propaganda verdrehte Wahrheit („Zwei plus zwei ist fünf“) als Realität anerkennen. Ziel ist es, dass die Menschen ihre eigene Vernunft aufgeben. Dass es noch nicht ganz so weit gekommen ist, beweist der Rücktritt von einem Dutzend Bundesstaatsanwälten, die mit diesem Schritt gegen die Anweisungen von Präsident Trump protestieren.

„Seht das Lamm Gottes!“

Die Aufforderung Johannes des Täufers an seine Begleiter als er Jesus auf sich zukommen sieht (Joh 1,29), zielt genau auf das Gegenteil von systematischer Entmündigung. Bevor er Jesus bezeugt, will er Gewissheit haben über den, dessen Kommen er bislang angekündigt hat. Er lässt sich dabei nicht beeinflussen und blenden von populären Ansichten seiner Zeit über das Auftreten und Wirken des sehnlich erwarteten Messias. Auch nicht von seinen eigenen Erwartungen, die bislang mit einem Vollstrecker des göttlichen Zorngerichts gerechnet haben. Weil er aber seine Vorstellungen und die seiner Zeitgenossen nicht absolut setzt, erkennt er als erster in Jesus den von Gott verheißenen Retter. Er spürt, dass dieser ganz eins ist mit sich selbst, mit seiner Sendung und Lebensaufgabe. Frei von eigenen und fremden Zwangsvorstellungen und Beeinflussungen kann Johannes tiefer schauen und die Größe Jesu jenseits von den üblichen Wahrnehmungsmustern wie Macht und Durchsetzungskraft erblicken. Alle anderen sehen lediglich einen einfachen jungen Mann, schlicht gekleidet und im landläufigen Sinn unauffällig. Johannes hingegen begreift die einzigartige Mission dieses Menschen dank des prophetischen Symbols des Lammes. Wie einem Lamm wird man Jesus schwer zusetzen und ihn am Ende regelrecht schlachten, weil er seinem Auftrag, Gott Gehör und Relevanz in dieser Welt zu verschaffen, mit radikalem Vertrauen auf ebendiesen Gott treu bleibt. Johannes legt hierfür Zeugnis ab und gewinnt eine Handvoll von Menschen, die sich Gewissheit verschaffen wollen über das, was und wen er in Jesus erblickt. Indem Johannes auf den hinweist, der größer ist als er, ermöglicht er seiner Umgebung diese freie Entscheidung.

„Kommt und seht!“

Leider endet der für diesen Sonntag ausgewählte Abschnitt aus dem Johannesevangelium unmittelbar vor einer weiteren Aufforderung zum Sehen. Nun ist es Jesus selbst, der dies den auf ihn neugierig gewordenen Begleitern des Johannes anbietet: „Kommt und seht“ (Joh 1,39). Diese ersten Worte, mit denen im genannten Evangelium Jesus seinen Weg in der Öffentlichkeit beginnt, sind erneut eine Einladung zur freien Entscheidung: „macht euch selber ein Bild von mir und dem, was ihr für euren Lebensweg braucht. Haltet den Blick offen und schaut immer wieder nach rechts und links. Vor allem aber behaltet euch die Freiheit, euch die Zeit zu nehmen, die es braucht zwischen eurem Sehen, Nachdenken und eurer möglichen Wahl.“

Im noch jungen Jahr 2026 erinnern einige Verse aus dem ersten Kapitel des Johannesevangeliums Christinnen und Christen eindrücklich daran, dass ihnen niemand vorschreiben kann, was und wen sie zu sehen haben und wie sie das Gesehene zu verstehen haben. Im Sinne Jesu sind jene vertrauenswürdig, die niemanden überreden oder gar zwingen, sondern überzeugen wollen – und zwar durch Freiheit und Weite, durch authentische Zuwendung und respektvolle Nähe.

Stefan-Bernhard Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands