Geschrieben hat es 2024 die für ihre erstklassigen Sozialreportagen mehrfach ausgezeichnete Journalistin Julia Friedrichs. Auf der Basis einiger lange erarbeiteter Kontakte berichtet sie aus der Sphäre der deutschen Milliardäre und damit von den reichsten Personen unter jenen 3.300 Menschen, die etwa 23 Prozent des gesamten Finanzvermögens in Deutschland besitzen. Unaufgeregt beschreibt sie sehr anschaulich diese extrem ungleiche Verteilung der Vermögen und macht unmissverständlich klar: „Große Vermögen sind keine Privatangelegenheit, weil die sehr reichen Menschen großen Einfluss auf das Zusammenleben haben“[i]. Als Herrinnen und Herren über milliardenschwere Unternehmensvermögen beeinflussen sie als eine kleine, kaum sichtbare Gruppe das Wohl und Wehe der wirtschaftlichen Entwicklung und üben vielfältig politische Macht aus. Apropos Milliarden: laut Friedrichs werden in unserem Land jedes Jahr unfassbare 250 bis 400 Milliarden Euro vererbt. Aus der Welt der Crazy Rich fließen dem Staat jährlich unfassbare wenige zehn Milliarden an Erbschaftssteuer zu, obwohl hier der Löwenanteil der Erbmasse verortet ist. Dem vollmundig angekündigten „Herbst der Reformen“ schauen die Superreichen schon allein deshalb gelassen entgegen, weil staatlicherseits kaum Daten zu ihren finanziellen Verhältnissen vorliegen.
… und die Vielen
Gleichzeitig verfügt die Hälfte der Bevölkerung zusammen nur über 1 % der Vermögenswerte, zahlt aber den Großteil der für das Funktionieren der Gesellschaft nötigen Abgaben. Wer aber protestiert gegen diese himmelschreiende Ungerechtigkeit? So gut wie niemand! Die „Crazy Rich“ und ihre wirtschaftliche Macht sind extrem selten Gegenstand der öffentlichen Diskussion. Und wenn dies einmal der Fall sein sollte, wird jede Meldung in den öffentlichen und sozialen Medien schnell und effizient mit der Killerphrase von der „toxischen Neiddebatte“ erstickt. Bürgergeldbezieherinnen und -bezieher stehen dafür umso öfter unter gleich mehrfacher Dauerbeobachtung und „erfreuen“ sich fast täglicher Aufmerksamkeit nicht nur der Parteien im mittleren und rechten Spektrum. Leider geht auch fast schon notorisch der Blick derer mit geringem Einkommen „nach unten“. Immer wieder arbeiten sie sich genauso wie einschlägig dafür bekannte Politikerinnen und Politiker an den vermeintlichen „Faulpelzen“ ab, die anstatt zu arbeiten sich vom Staat aushalten lassen ab. Schlimmer noch: diese gelten als die eigentlich Schuldigen an den oft bedrückenden Lebensbedingungen in den untersten Gehaltsklassen. Befeuert wird dieses Verhalten durch den unverbrüchlichen Glauben an das Prinzip „Leistung lohnt sich“ bzw. „muss sich wieder lohnen“, weil Leistung den gesellschaftlichen Aufstieg ermöglicht. Dabei macht es einen immer größeren Unterschied, in welche Familie ich hineingeboren bin. Wirklicher Reichtum wird in unserem Land überwiegend geerbt und sehr selten erarbeitet. Selbst ein sorgenfreies Leben etwa auf der Basis von einem bescheidenen, durch „der eigenen Hände Fleiß“ erworbenen Immobilienbesitz ist für die meisten in weite Ferne gerückt. Wie auch, wenn schon die normalen Gehälter in großen Unternehmen mittlerweile bis zu 600-mal geringer ausfallen können als das der CEOs[ii]?
„Werkstoff Geld“
Im Evangelium, das an diesem Sonntag in den katholischen Gottesdiensten vorgelesen wird, spricht Jesus vom „ungerechten Mammon“ (Lk 16,9). Unter anderem aus dieser Bibelstelle leitet sich die lange Tradition christlicher Vermögenskritik her. Dabei sind für die Bibel Besitz und Habe nicht per se schlecht. Im Aramäischen, der Sprache Jesu, leitet sich der Begriff Mammon wahrscheinlich von einem Wort ab, das für "zuverlässig sein" steht, ab und bedeutet zunächst "das, worauf man vertraut". Es meint dann auch Besitz oder Reichtum. Das Fazit der Heiligen Schrift in Sachen Vermögen lässt sich in Anlehnung an einen alten Werbespruch der Betonbranche so zusammenfassen: „Geld – es kommt darauf an, was man draus macht!“. Ich kann 500.000 Euro für das einmalige Betanken (400.000 Liter) einer Luxusyacht der Gigaklasse (115 Meter Länge, sechs Etagen) verwenden oder mit diesem Geld als Teil der von mir gezahlten Steuer zur Sanierung maroder Schulhäuser beitragen.
Was Sache ist
In einer in dieser Woche von ARD und ZDF vorgestellten Studie über den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland landeten die Kirche am untersten Ende der Erwartungsskala[iii]. Zu diesem alarmierenden Ergebnis trägt u.a. bei, dass von kirchlicher Seite kaum Stellungnahmen zur sozialen Wirklichkeit in unserem Land kommen. Dabei fordert das Evangelium dieses Sonntags besonders deutlich dazu auf, die Missstände und Ungerechtigkeiten, die enorme Kluft zwischen Arm und Reich sowie das vorherrschende Gefühl von politischer Ohnmacht ebenso deutlich wie unaufgeregt beim Namen zu nennen und Lösungsvorschläge in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen. Bislang scheint der Eindruck vorzuherrschen, dass es den Kirchen beim Thema Geld und Vermögen nach wie vor um Besitzstandswahrung geht. Der wahre Schatz der Kirche aber sind die Armen, behauptete zumindest der Märtyrer Laurentius Mitte des dritten Jahrhunderts. Hilfreich wäre daher z.B. eine unmissverständliche Anwaltschaft für „Arme“ als jenen Teil der Bevölkerung, der erleben muss, dass, egal wie sehr er sich anstrengt, er niemals zu den Vermögenden wird aufschließen können.
Evangelium, es kommt eben darauf an, was man draus macht!
Stefan-Bernhard Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands
[i] Julia Friedrichs, Crazy Rich. Die geheime Welt der Superreichen. Berlin Verlag, Berlin 2024. Alle Zahlen in diesem Beitrag sind ihrem Buch entnommen.
[ii] Papst Leo XIV kritisiert dies scharf in seinem ersten Interview am 15.9.: www.tagesschau.de/wirtschaft/finanzen/gehalt-manager-kritik-papst-100.html
[iii]www.br.de/nachrichten/meldung/mehrheit-sorgt-sich-um-zusammenhalt-in-deutschland%2C3007659fb
