„Viel Volk, alles meins“. Es war naheliegend so zu denken: schließlich brachten es der Süd- und Westdeutsche Verband vor einem halben Jahrhundert zusammen auf weit über 300.000 Mitglieder.
„Viel Volk gehört mir in dieser Stadt“. Im Jahr 2026 hören wir diese Stelle wieder mehr mit den Ohren des Völkerapostels Paulus und weniger mit denen früherer Verbandsgrößen. Die „Volkskirche“ gibt es nicht mehr. Paulus bekommt es kurz vor seiner Ankunft in der quirligen Großstadt Korinth regelrecht mit der Angst zu tun. Nachdem er für seine Predigten im nordgriechischen Philippi verhaftet worden war und wenig später mit der Frohen Botschaft in Athen kaum mehr als auf das müde Lächeln gelangweilter Meinungsmacher gestoßen war, hatte er von der modernen und extrem multikulturellen Hafenstadt kaum Gutes zu erwarten. Abgesehen von ein paar versprengten Christinnen und Christen betrat er vermintes Neuland. Seine Mutlosigkeit hat ihn fest im Griff, als ihn eine Vision, ein göttliches Schulterklopfen erreicht: Hab Mut. Fürchte dich nicht. Rede nur! Gerade in Korinth, wo es augenscheinlich nichts holen gibt, wirst Du Anklang finden.
Predigt
Abschied von der Volkskirche
Habt Mut, fürchtet euch nicht! Wie denn, wenn wir allein auf die Zahlen schauen, die für unsere Situation kennzeichnend sind? Jährlich verliert die KAB einige Tausend Mitglieder, mehr als 300.000 Frauen und Männer verlassen pro Jahr die katholische Kirche in Deutschland. Habt Mut! Eine fast schon etwas zynische Aufmunterung beim Blick auf die religiöse Landkarte: Gut 50% der Bundesbürgerinnen und -bürger leben ohne ausdrückliche konfessionelle bzw. religiöse Bindung, Tendenz steigend; ein paar weniger sind es mit 40% hier in Mainfranken. Was haben wir da noch zu melden mit unserer katholischen Soziallehre? Deren Prinzipien werden doch schon innerhalb der Kirche gerne, weil angeblich unverständlich, marginalisiert. Wie sollen dann erst „normale“ Menschen unsere Rede von Personalität, Solidarität oder gar Subsidiarität begreifen? Menschen, für die nach eigener Aussage Gott und Glaube ohne Relevanz sind? Gut, fast alle glauben vielleicht noch an eine Art alles umfassendes Etwas oder eine ganzheitliche Idee, die alles verbindet. Für viele genügt aber der Glaube an das eigene Ich oder die Sprüche irgendwelcher narzisstischer Influencerinnen und/oder clownesker Führungsgestalten.
Die KAB hat etwas zu sagen
Keine Akzeptanz in einer häufig um sich selbst kreisenden Kirche, keine Relevanz für eine auseinanderfallende Gesellschaft: da scheint es naheliegend, darüber zu klagen, dass die Christeninnen und Christen kaum noch etwas und die KAB noch weniger zu melden haben. Aber genau diese Sichtweise ist völlig verkehrt und geht am Grundauftrag der KAB vorbei. Weil wir die KAB sind, müssen wir mit Tat und Wort für soziale Gerechtigkeit, menschenwürdige Arbeitsbedingungen und Benachteiligte auftreten und einstehen. Entscheidend ist doch nicht wie viel, sondern was wir zu melden haben! Denn wir sind auf der Welt, nicht bloß, um die Dinge und Entwicklungen zu ertragen, sondern sie zu gestalten!“ Diese Handlungsmaxime des Priesters und Sozialpolitikers Heinrich Brauns als langjähriger Arbeitsminister in der Weimarer Republik muss auch die unsrige sein!
“Aber uns hört doch eh keiner mehr zu“. Wie kann man, wie kann frau sich mit solchen Selbstbetäubungsphrasen zufriedengeben, wo wir überall einen technologischen Umbruch erleben, wie er sich in der Geschichte kaum ein zweites Mal findet. Wir erleben eine digitale Revolution durch Künstliche Intelligenz, die das Wesen der menschlichen Arbeit im Kern bedroht. Und dazu schweigt die KAB, weil sie zu alt ist, weil sie zu wenig Mitglieder hat oder weil sie ihr Ende nahen sieht? Haben wir nicht mit der Katholischen Soziallehre scharfe Werkzeuge an der Hand, um diese Entwicklung auf Augenhöhe zu analysieren? Es mag ja sein, dass angesichts der Geschwindigkeit der Tech-Giganten unsere Grundsätze beim ersten Blick wie stumpfe Waffen aus einem vergangenen Jahrhundert wirken. Aber das täuscht! Wir sind gefordert, die Versprechungen der sogenannten KI zu durchleuchten, Fehlentwicklungen deutlich anzuprangern und die Systemfrage zu stellen.
Die Entmenschlichung der Arbeit durch „KI“ fordert uns
Die Erzählung der Silicon-Valley-Propheten klingt verlockend. Es heißt z.B., die sogenannte „KI befreit euch von der Last der Routine und übernimmt das Monotone, das Stumpfe. Endlich“, so die Verheißung, „können wir Menschen uns wirklich kreativen Tätigkeiten, Aufgaben mit einem hohen Bedarf an Empathie und Herausforderungen, die unserer Fähigkeiten würdig sind, widmen.“ Aber ein Verband wie KAB lässt sich nicht täuschen. Neue Technologien wurden in unserem Wirtschaftssystem selten aus purer Menschenfreundlichkeit eingeführt. Ganz im Gegenteil! Technologische Neuerungen kommen dann zum Zuge, wenn sich Kosten senken und Prozesse beschleunigen lassen. Nehmen wir als Beispiel die professionelle Carearbeit: Wenn KI in der Pflege den ganzen Papierkram übernimmt, ist das theoretisch eine Chance. Wenn die gewonnene Zeit aber sofort genutzt wird, um den Minutentakt der Pflegekräfte weiter zu verdichten, dann triumphiert nicht die Menschlichkeit, sondern die Effizienz. Die laufende Krankenhausreform führt uns vor, wie aus der einmaligen Chance für mehr Menschlichkeit ein neues Zwangsinstrument, eine Peitsche wird.
Als KAB dürfen wir nicht von diesem Einzug einer neuen Unmenschlichkeit in der Arbeitswelt schweigen. Vor allem aber müssen wir auf eine noch größere, umfassende Gefahr aufmerksam machen, die vom ungezügelten Einsatz der sogenannten KI ausgeht: die größere Gefahr besteht darin, was sie mit der Arbeit macht, die übrig bleibt. Sie führt zu einer regelrechten Entmenschlichung. Diese zeigt sich im Verlust der menschlichen Selbst- und Mitbestimmung. In Logistikzentren und bei Lieferdiensten erleben wir es längst: Der Chef ist kein Mensch mehr. Der Chef ist eine App. Ein Algorithmus berechnet die Sekunde der Warenentnahme, die Route, die Pause. Nachfragen und Einwände zählen nicht mehr. Der Arbeitnehmer hat kein Gegenüber, dem er in die Augen schauen kann. Er funktioniert nur noch. Das ist die totale Degradierung der menschlichen Person zum biologischen Anhängsel einer Software.
Deutlich wird die rasch voranschreitende Entmenschlichung auch durch die digitale Festschreibung von Vorurteilen und Ungerechtigkeitsmustern. KI-Systeme filtern z.B. Bewerbungen. Sie berechnen scheinbar objektiv Kündigungswahrscheinlichkeiten. In Wahrheit aber greifen ihre Algorithmen wahllos auf irgendwelche, von zig Vorurteilen durchsetzte Daten zurück. Die sogenannte KI spiegelt unsere alten Vorurteile wider – verpackt in den glänzenden Schein mathematischer Unfehlbarkeit. In diesen Systemen gibt es keinen Raum für den Kern der christlichen Ethik: Es gibt keinen Raum für das rechte Augenmaß, für den Blick auf das Potenzial eines Menschen jenseits seiner Defizite, geschweige denn eine zweite Chance.
Das Grundrecht auf ein menschliches Gegenüber und technologische Mitbestimmung
Das Kernprinzip unserer Soziallehre lautet: Arbeit vor Kapital. Die sogenannte KI bricht mit diesem Grundsatz auf genial-primitive Weise. KI stellt die brutalste und umfassendste Variante von Kapitalanhäufung in der bisherigen Wirtschaftsgeschichte dar. Sie eignet sich das kollektive Wissen, die Sprache und die Fähigkeiten der gesamten Menschheit an – und privatisiert diesen Ertrag in den Händen weniger Tech-Milliardäre. Wenn wir als KAB hier nur zuschauen würden, dann versagen wir. Wir müssen die alten Prinzipien der Soziallehre jetzt politisch und radikal neu buchstabieren.
Subsidiarität heißt jetzt Mitbestimmung: Betriebsräte brauchen ein Vetorecht bei der Einführung von KI. Wenn ein Algorithmus die Leistung bewertet, muss das verboten werden. Gemeinwohl heißt jetzt Daten-Gerechtigkeit: Die Gewinne der Automatisierung dürfen nicht nur an die Aktionäre im Silicon Valley fließen. Wir brauchen eine Besteuerung von Maschinen- und KI-Wertschöpfung, um die Verlierer dieses Wandels aufzufangen. Personalität heißt Letztentscheidung: Kein Mensch darf durch das Urteil einer Maschine gefeuert, herabgestuft oder abgelehnt werden. Das letzte Wort muss zwingend ein Mensch aus Fleisch und Blut haben.
Liebe Schwestern und Brüder, wie der Völkerapostel Paulus stehen wir vor der gigantischen Aufgabe, die Frohe Botschaft für die Ohren und Herzen unserer Zeit zu übersetzen. Wir brauchen uns nicht zu fürchten, denn unsere Aussagen sind von brennender Relevanz: Wohlstand bemisst sich nicht am Bruttoinlandsprodukt, sondern an der Qualität des Zusammenlebens. Eine Gesellschaft, die zwar digital funktioniert, aber in der die Beschäftigten nur noch gehetzte Handlanger von Algorithmen sind, ist ethisch betrachtet auf dem Weg in den Abgrund.
„Habt Mut, fürchtet euch nicht. Ich habe sehr viel Volk in dieser Stadt, und noch mehr in diesem Land.“ Worauf warten wir noch?
Stefan-Bernhard Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands
