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Was können wir tun?

Vom aufrechten Blick - Osterbotschaft 2022

Liebe Freundinnen und Freunde der Katholischen Arbeitnehmerbewegung,

wetterbedingt hat uns die Aufnahmetechnik einen Strich durch den auch für dieses Osterfest geplanten Videoclip gemacht. So bleibt das geschriebene Wort als Weg zu Ihnen und den Ihnen anvertrauten Menschen. Es ist mir ein Herzensanliegen, wenigstens so meiner Verbundenheit mit Ihnen Ausdruck zu verleihen.

Sprichwörtlich hängen die Gräuel und Grausamkeiten des Krieges in der Ukraine wie undurchdringliche Schlechtwetterwolken über dem diesjährigen Osterfest. Die Masse an bislang undenkbaren Nachrichten gleicht einer kaum abreißenden Serie von sturmgepeitschten Regenschauern. Ihnen ist kaum zu entkommen und fast jede, jeder von uns steht längst durchnässt da. Die ruhige Frage nach der Ursache von Krieg und Gewalt scheint angesichts der unerträglichen Bilder kaum möglich. Aber können wir denn diese Frage auf Dauer verschweigen, selbst wenn sie unbeantwortbar ist? Wo rationale Gründe im Abseits kreisenden Denkens landen, helfen Bilder, uralte Bilder weiter.

Im Kölner Dom bebildert eines der Glasfenster im Westchor die biblische Erzählung über den Anfang der zwischenmenschlichen Gewalt: Kain erschlägt seinen Bruder Abel. Die Verantwortung für diesen Mord ist zu schwer für ihn und so weicht er der Frage Gottes nach dem Verbleib von Abel aus: „Bin ich der Hüter meines Bruders?“ Natürlich weiß er es besser: Abel liegt tot auf dem Acker. Diese Geschichte ist kein Familiendrama aus grauer Vorzeit, sondern ein zeitloser Mythos. Schon auf ihren ersten Seiten vermittelt unsere Heilige Schrift tiefe Einsichten in selbst dunkelste Spielarten des Lebens: Menschen, die sich nahestehen sollten, fallen übereinander her und tilgen das Dasein des anderen. Es beginnt im Kleinen mit ersten Irritationen und wachsender Entfremdung. Die Fortsetzung besteht in gesellschaftlichen Spaltungen, die sich zum Hass steigern. Am Ende stehen gewaltsam eruptive Konflikte und gezielte Vernichtungskriege.

Der Höhe- und Siedepunkt dieses eskalierenden Dramas wiederholt sich in der Ukraine. Der „große Bruder“ Russland fällt über seinen „kleinen Bruder“ Ukraine her. Diesmal wird die Verantwortung durch eine mit Sprachmanipulation erzielte Wirklichkeitsleugnung abgewälzt. Es ist verboten vom Krieg zu sprechen. Wahrscheinlich wird in Russland auch noch untersagt, die Ukrainerinnen und Ukrainer als Menschen zu bezeichnen.

Es ist freilich ein Leichtes, mit dem Finger auf Russland und Putin zu zeigen. Drängt sich nicht die Frage auf, wie viel von Kain und wie viel von Abel in jeder, in jedem von uns steckt? Wo säe ich Zwietracht und wo bringe ich Feindbilder aktiv voran? Mir führen die grauenvollen Ereignisse in der Mitte Europas vor Augen, dass wir Menschen zum Schlimmsten und zum Besten fähig sind. Ja, auch zum Besten!

Fast täglich komme ich auf meinem Weg zur Arbeit am Willkommenszentrum für die ukrainischen Geflüchteten am Kölner Hauptbahnhof vorbei. Hier erlebe ich etwas von der Großartigkeit, die eben auch in uns Menschen steckt. Anstatt mit gesenktem Blick, der längst das Gegenüber als Bruder verloren hat, werden hier Menschen mit offenen Armen und Herzen willkommen geheißen. Für mich befindet sich hier eines der österlichen Kraftzentren in diesem Jahr! Denn das gehört unbedingt zu Ostern: den eigenen Blick aufzurichten, die menschlichen Züge des Gegenübers wahrzunehmen und in ihm, in ihr Schwester oder Bruder zu erkennen. Ganz und gar Ostern wird es dann, wenn Kain eine neue Chance bekommt. Eine neue Chance auf die einzige Frage, auf die es ankommt, noch einmal zu antworten: „Ich bin dein Hüter, Bruder. Wie sollte ich nicht dein Hüter sein?“ (aus: Hilde Domins Gedicht, „Abel, steh auf“)

Seit der Auferstehung gibt es die Chance auf einen Neuanfang. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen gesegnete und berührende Osterfeiertage
Ihr Bundespräses Stefan B.-Eirich 

Wort-in-Bewegung

Es ist Krieg in der Ukraine. In seinen aktuellen Nachklängen verarbeitet Bundespräses Stefan B. Eirich diese unsägliche Situation als Trost-, Hoffnungs- und Zuversichtsspende für uns Leserinnen und Leser.

Vom „russischen Bären“ ist seit dem Überfall auf die Ukraine nun wieder häufiger die Rede. Kaum ein Kommentar, kaum eine der ungezählten Dokus und Hintergrundberichte, der diese im Kalten Krieg gerne benutzte Allegorie ausließe. Ursprünglich spielte das Bild auf die geographische Größe Russlands an. Gegenwärtig kommt als Aspekt das Raubtier hinzu, das hungrig aus seinem Winterschlaf erwacht ist. Der TV-Sender ARTE titelte Anfang Februar „Putin - Die Rückkehr des russischen Bären“. – Wie dem auch sei! Tiere als nationale Identifikationsfiguren schreiben im Guten wie im Schlechten bestimmte Charaktereigenschaften von ganzen Völkern auf Dauer fest: das boxende Känguru, der Pandabär, der Adler usw. Gut oder Böse, Bedrohlich oder Sympathisch.

Diese Praxis ist alles andere als neu. Schon vor 2500 Jahren findet sich z.B. in den Büchern der biblischen Propheten eine Vielzahl von Tieren, mit denen Personen, Völker und Zustände beschrieben werden. Auch hier ist die Rollenverteilung klar: Lamm und Löwe, Opfer und Raubtier, die Schlange als Verführerin, der Esel als geduldiges Friedenstier. Und eben auch Schakal und Strauß. Sie waren im Vorderen Orient die typischen Wüstentiere, fremd, bedrohlich, chaotisch. Beide gelten als unrein und dienen als Metapher für sorglose Grausamkeit und klagende Trauer. Ihr Zuhause sind die Geisterstädte und die Ruinen in der Wüste. Der namenlose Verfasser der heutigen Lesung beschreibt mit Schakalen und Strauße nicht nur das Ödland sondern auch die Ödnis seiner Gegenwart. Er wendet sich an deportierte Menschen, denen die Babylonischen Eroberer Ende des 6. Jahrhunderts vor Christus alles genommen hatten, was ihnen teuer und heilig war: ihren Staat, ihre Hauptstadt und den Tempel als religiöses Zentrum. Natürlich lässt sich da eine Brücke zu den Eroberungs- und Vernichtungskriegen unserer Tage schlagen. Aber in einem umfassenderen bzw. übertragenen Sinn sollte vor allem für uns das Zerbrechen bisher für unumstößlich geglaubter Sicherheiten und damit das Ende der gegenwärtigen Weltordnung in den Blick kommen.

Erst dann lässt sich erahnen, wie revolutionär und kühn die Verheißung des Propheten ist: "Die wilden Tiere werden mich preisen, die Schakale und Strauße". Das heißt im Klartext, Gott bewirkt eine derart umfassende Veränderung, dass selbst die Tiere über sich hinauswachsen. Die furchteinflößenden Wüstentiere werden zu Sympathieträgern, genauso wie Lamm und Löwe friedlich koexistieren werden. Denn es ist eben nicht alles festgelegt, schon gar nicht auf das, was wir schon immer meinten zu wissen oder vom „anderen“ als sicher glaubten. Zugespitzt: „Seht genau hin und erblickt das bisher Übersehene und Ausgeblendete. Vor allem aber: sei offen für eine neue Wirklichkeit und dafür, dass Gott neu und Neues schaffen kann!“

Die Rede vom „russischen Bären“ kennzeichnet einen schlimmen Rückfall in die Stereotype, die im letzten Jahrhundert als verfestigte Feindbilder mitursächlich in zwei Weltkriege geführt haben. Bitten wir darum, dass wir unseren Beitrag als Zeitgenossinnen und Zeitgenossen zu der neuen, vom Propheten im babylonischen Exil angekündigten Wirklichkeit leisten, indem wir kritisch mit unseren negativen Erfahrungen und deren Erstarren in Feindbildern leben:

„Weh, wenn die Erfahrungen
über die Hoffnungen siegen.
Ohne Hoffnungen
keine Erfahrungen mehr.

Und,
Wo die Erfahrungen enden,
Beginnt der Glaube.
Aber genau das ist die Stelle,
An der auch die Zukunft beginnt.“

Heinz Kahlau

Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB-Deutschlands

Irgendetwas stimmt doch bei den beiden Brüdern und ihrem „barmherzigen Vater“ von Anfang an nicht! Ein unverbindlicher Besuch bei einer Familientherapeutin würde den dreien sicherlich nicht schaden. (Nur nebenbei: wo ist eigentlich die Mutter?) Vielleicht ließe sich dann erklären, weshalb die Zuneigung des alleinerziehenden Familienoberhaupts weder vom jüngeren noch vom älteren Bruder erkannt, geschweige denn verstanden wird. Vor allem aber: Seit wann und warum ist das Verhältnis der beiden Söhne untereinander so problematisch, ja nachgerade toxisch? Könnte es sein, dass der Jüngere in erster Linie wegen eines tiefsitzenden, aber nie ausgesprochenen Konflikts mit dem Älteren in die Ferne gezogen ist? Zumindest das scheinbar unbelehrbare Verhalten seines Bruders am Ende der Geschichte legt diese Ausgangslage nahe. Natürlich ist das nur eine Vermutung. Unsere Heilige Schrift kennt jedoch genug Geschichten von Geschwistern, die mit harter Aggressivität um die Aufmerksamkeit und Anerkennung ihrer Eltern und/oder in ihren Netzwerken streiten. Verzweifelt profilierte Unterschiedlichkeit zwischen den Kontrahenten und die gleichzeitig zur Norm erhobene Anpassung an vermeintlich elterliche oder sonstige Vorgaben treiben hier eine sich immer schneller drehende Eskalationsspirale an. Der kritische Punkt ist dort erreicht, wo das Anderssein des Anderen zum Ausschlusskriterium wird und zur Leugnung von dessen Existenz führt.

So lese ich das vielleicht berühmteste Gleichnis Jesu diesmal mit den Augen eines Menschen, den der Krieg in der Mitte Europas kaum noch schlafen lässt und der sich wie fast alle anderen seiner Zeitgenossinnen und Zeitgenossen fragt, wie viele (bewusst?) übersehene Vorzeichen seit langem auf den für unmöglich geglaubten blutigen Kampf zwischen den „Brudervölkern“ Russland und Ukraine hingedeutet haben. Was wurde nicht alles unternommen, um die schleichende Bedrohung in Politik- und Wirtschaftskreisen schönzureden! Jetzt dürften viele von uns sensibler sein. Sei es für die unter der Oberfläche brodelnden, aber konsequent ausgeblendeten Zerwürfnisse im Kleinen, sei es für Schwelbrände im globalen Maßstab. Der seit Jahrhunderten existierende Streit in den russisch-ukrainischen Wechselbeziehungen findet zwischen den Extremen der Leugnung einer eigenen ukrainischen Identität bei gleichzeitiger Totalvereinnahmung auf der russischen Seite und der scharfen Abgrenzung, ja völligen Abwendung vom größeren Bruder auf der ukrainischen Seite statt. Der Kleinere hat in dessen Augen wiederum durch seinen Weggang aus der großen „russischen Familie“, sprich durch seine Hinwendung zum als dekadent und widergöttlich gekennzeichneten Westen das gemeinsame Erbe verraten und muss nun zur Raison gebracht werden, koste, was es wolle. Doch auch ohne diese letzte Eskalationsstufe enthält der Konflikt schon lange fast alle Themen biblischer Bruderzwiste: den Streit um das Erstgeburtsrecht, um das Erbe, um Ebenbürtigkeit und Rangfolge.

Zurück zur Geschichte, die Jesus erzählt. Der Anspruch des jüngeren Sohns auf die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und die Totalabgrenzung seines älteren Bruders von ihm am Ende des Gleichnisses sind aus zwei Gründen ebenso gefährlich wie paradox. 1.: Die Kontrahenten verbohren sich in ihrer Unterschiedlichkeit und werden sich gerade dadurch in einem Punkt immer ähnlicher, nämlich in der Ablehnung, der Missgunst und schließlich dem Hass auf den anderen. 2.: Je länger die Streitenden in ihrem Konflikt umeinanderkreisen, desto mehr verlieren sie den Vater aus den Augen. Eigentlich ging es ja mal um seine Aufmerksamkeit, um seine Anerkennung. Doch inzwischen konzentrieren sich die Emotionen so auf den Gegner, dass es keinen Unterschied macht, ob es diesen Vater überhaupt noch gibt.

Dabei spielt der Vater doch die entscheidende Rolle für die dann positive eigenständige Weiterentwicklung beider Söhne in ihrer Unterschiedlichkeit! Der jüngere findet in der ihm ermöglichten Distanz zur Familie am Tiefpunkt seiner Existenz neu zu sich selbst und zu einem neuen Verhältnis zu seinem Vater. Für den älteren gibt es zumindest das Angebot einer Klärung der Beziehung zu seinem Bruder und vor allem die Bestätigung seines eigenen Andersseins. Leider bleibt offen, ob er dies auch dem anderen zugestehen kann, ob er ihn – so legt ihm der Vater ans Herz – als Bereicherung und Geschenk betrachten kann, ohne „dass es ihm einen Zacken aus der Krone bricht“.

Mir war lange unklar, wo in diesem Gleichnis berechtigt von Sünde die Rede sein kann. Trifft dies auf den Weggang des jüngeren Bruders samt Erbe und seinem anschließenden Leben „in Saus und Braus“ zu? Auf bestimmte Facetten des Verhaltens des älteren Sohnes? Die aktuellen Zeitumstände lassen mich mit Bitterkeit erkennen, dass die Sünde im eigentlichen Sinn dort beginnt, wo ich anfange, dem oder der anderen das Recht auf sein, auf ihr Anderssein abzusprechen. Aus der hier entstehenden Eskalation kann wohl nur noch ein göttlich barmherziger Vater (oder Mutter) retten, der alles bis hin zur Selbstverleugnung daransetzt, seine Kinder aus dem tödlichen Sog zu holen.

Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

Lesetipp: Andreas Kappeler, Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München ²2022.

Am Ende der zweiten Kriegswoche wurde mir der Hinweis auf das „Lied vom Nichtverstehen“ des A-capella-Pop-Quartetts Maybebop geschenkt. Ihrem bereits 2017 produzierten Song haben die vier Sänger eine Strophe hinzugefügt, die die gegenwärtige Ratlosigkeit ungezählter Menschen tief berührend zum Klingen bringt:

„Warum lügt sich ein gewissenloser Herrscher mit Lügen an die Macht, / der sich nur fürs eigne Ego interessiert, / der sein Volk mit Propaganda blendet und jeden überwacht / und bestraft, wenn man dagegen protestiert / der ein Nachbarland, das einfach nur in Frieden leben will, / über Nacht versucht, gewaltsam einzunehmen / und uns mit Atomwaffen bedroht, / wenn wir’s wagen, seinen Opfern beizustehen? / … Wie lebt man mit solch einem Vergehen? / Das kann ich beim besten Willen nicht verstehen.“

Bohrende Fragen, die viele von uns im Alltag bewusst verdrängen müssen, um überhaupt noch ihren Aufgaben und Pflichten nachkommen zu können.  Ähnlich verhält es sich mit den Fragen, die Jesus aus den Schreckensnachrichten seiner Gegenwart über die Opfer des römischen Staatsterrors und einer Einsturzkatastrophe ableitet: auch sie ziehen uns den vermeintlich sicheren Boden des Erwartbaren unter den Füßen weg. Als Nichtbetroffene haben wir den Betroffenen nichts voraus, denn auch uns hätte es treffen können.

Angesichts des Krieges auf europäischem Boden drängt sich die Grundsatzfrage nach der scheinbaren Selbstverständlichkeit des Bisherigen, des jahrzehntelangen Friedens, des Lebensstandards in unserem Land und der von uns als „normal“ betrachteten Freiheiten auf. Wir können noch so sehr auf Verdienst und Leistung pochen, am Ende sollten wir uns eingestehen, dass wir einfach das Glück hatten und haben, Teil der Erfolgsgeschichte der westlichen Welt zu sein, einer Geschichte hin zu Freiheit und Demokratie und Frieden unter dem Schutz einer sich gut entwickelnden Ökonomie.

Oder glauben wir ernsthaft, wir hätten uns all das verdient? Glauben wir, es gäbe einen Rechtsanspruch auf Wohlstand, Sicherheit, Friede? Glauben wir tatsächlich, die Besseren zu sein und deshalb auf der Sonnenseite des Lebens die privilegierten Plätze einnehmen zu können? Schon vor dem Überfall auf die Ukraine und dessen massive Konsequenzen hat die Coronapandemie an den Grundfesten des Selbstverständlichen gerüttelt. Und als ob wir nicht schon genug verunsichert wären, begleiten uns auch in diesem Krisenjahr die immer bedrohlicher werdenden Zeichen des Klimawandels.

Für mich ist die längst offenbar werdende Zerbrechlichkeit des Bisherigen Anlass, gewissermaßen rückblickend Danke zu sagen. Danke für das Privileg, über Jahrzehnte in einem der wohlhabendsten Länder dieser Erde gelebt haben zu dürfen. Daraus resultiert zwingend eine weitere Frage des „Nichtverstehens“, wie sie Maybebop stellt: „Warum hat der Mensch das Glück, dass er auf dieser Erde wohnt?“ Auf uns hin präzisiert: warum haben wir das Glück, auf diesem fantastischen Gebiet des Globus namens Deutschland zu leben? Die Antwort drängt sich jeden Tag mit wachsender Deutlichkeit auf: wir wurden und werden in die Lage versetzt, uns jetzt den Erwartungen derer zu stellen, die ein weniger privilegiertes Los haben. Gleichzeitig scheint sich Gott als derjenige/diejenige in Erinnerung zu bringen, der/die brennt für die Unglücklichen und Unterdrückten, für die Geängstigten und Vertriebenen. Gott will einen Ausgleich schaffen. Gott wählt und erwählt in diesem Sinn die Menschen füreinander.

Ich stimme dem Lied zu, wenn es das Fazit zieht, „manchmal hilft nur Dinge staunend anzunehmen' / wir sind, ganz egal wie wir es drehen / nicht dafür gemacht um alles zu verstehen“. Ja, ich staune darüber, dass viele von uns das schier explodierende Leid dieser Tage mit ihren Mitteln ein wenig lindern können. Und ich bin fasziniert davon, dass ich zu einer großen Glaubensgemeinschaft gehören darf, deren Auftrag es ist, ein Zeichen und Werkzeug für die Versöhnung und den Frieden der Welt zu sein. Und das hoffentlich nicht nur in der Theorie!

Stefan Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

Ein leicht makabrer Witz aus Priesterkreisen geht so: Ein alter Pfarrer liegt mit sicht- und hörbarer Atemnot in seinen letzten Zügen. Ein Mitbruder will ihm Trost spenden und fragt einfühlsam: „Kann ich dir noch etwas Gutes tun?“ Darauf die Antwort des Sterbenden: „Lass uns noch einmal zusammen über unseren Bischof schimpfen.“

Was muss mir im Laufe eines Berufs- und vielleicht auch Berufungslebens von den Vorgesetzten an Schlimmen angetan worden sein, wenn meine letzten Worte von Abneigung und Hass verbittert sind! Ich selber erlebe an mir und anderen, wie sehr sich die immergleichen schlechten Erfahrungen mit Menschen wie ein Mantra zu abgrundtief negativen Formeln verfestigen können. Eine andere Betrachtungsweise oder gar ein Nachdenken über den eigenen Anteil an der Bosheit von Menschen und Entwicklungen ist in der Regel so gut wie ausgeschlossen.

„Unsere Heimat ist im Himmel“ (Phil 3,20), schreibt Paulus an die Gläubigen in Philippi, einer der ersten christlichen Gemeinden auf europäischem Boden. Er erinnert sie mit dieser scheinbar weltentrückenden Feststellung daran, dass es für Christinnen und Christen eine Alternative, eine zweite Meinung zu scheinbar unhinterfragbaren Urteilen und allgemeingültigen Auffassungen geben sollte. Aufs Heute angewandt: Wer im ganz großen, sozusagen „himmlischen“ Kontext denkt, läuft womöglich weniger der Gefahr, es sich in einer auch bei uns verbreitenden Hass- und Feindbildsprache mental bequem zu machen. Aus „himmlischer Perspektive“ betrachtet, geht „das“ Unheil z.B. nicht von Russland oder dem russischen Volk aus. Seit 30 Jahren ist die mediale Öffentlichkeit Russlands einer national-aggressiven Indoktrination ausgesetzt, an der sich auch führende Verantwortungsträger der russisch-orthodoxen Kirche beteiligen. Was wundert es, wenn sich ungezählte Unterstützerinnen und Unterstützer für den laufenden Überfall auf die Ukraine finden? Doch umso überraschender ist es, wie viele Menschen sich nach wie vor in Russland gegen die „Militärische Spezialoperation“ wehren und den Krieg beim Namen nennen. Und dies trotz Androhung härtester Strafen. 

Eine zweite Erkenntnis lässt sich vom „himmlischen Standpunkt“ her betrachtet gewinnen: es reicht nicht, einen einzelnen Menschen als alleinige Ursache und seine Beseitigung als alleinige Lösung zu sehen. Im Leben des erwähnten Pfarrers war dies offensichtlich der Bischof. Im gegenwärtigen Krieg lautet eine der häufigsten Parolen „Stoppt Putin“. Natürlich muss ihm so schnell wie möglich Einhalt geboten werden. Aber seine (gewaltsame) Beseitigung würde ganz bestimmt nicht zu einem Happyend nach Hollywoodmanier führen. Aus ihrem eigenen Leben wissen die meisten Menschen, dass die Auffassung fast immer falsch und oft verlogen ist, es müsse nur der X oder die Y (aus der Familie, der Firma, dem Verband usw.) entfernt werden, dann sei alles gut. Die meistens auch von den vermeintlich „Guten“ mitgetragenen Entwicklungen und unheilvollen Verflechtungen zahlloser Nutznießer, die zur entscheidenden Rolle des/der vermeintlich Hauptverantwortlichen geführt haben, müssen in einem langen Entgiftungs- und Versöhnungsprozess be- und aufgearbeitet werden. Es ist regelrecht Trauerarbeit angesagt!

Ein dritter „himmlischer Blick“ lässt erkennen, dass es auch in unserer Gesellschaft zahlreiche Unheils- und Unrechtsstrukturen gibt, die deshalb weiterwachsen können, weil (noch) zu wenige direkt von ihren Auswirkungen betroffen. Die zum Teil hochaggressiven Proteste gegen die diversen Pandemiegesetze haben eindringlich vor Augen geführt, bis zu welchem Maß die Gewaltbereitschaft und der Wille zur Konfrontation um fast jeden Preis im Deutschland des Jahres 2022 mittlerweile gediehen sind. Massive Bedrohung und Rufmord von Verantwortungsträgerinnen und Verantwortungsträgern in Politik, Wissenschaft oder den Kirchen gehören fast schon zum Alltag. Gleiches gilt für die Selbstverständlichkeit, mit der streitende Nachbarn, Familienmitglieder oder Konfliktparteien im öffentlichen Raum an der Eskalationsspirale drehen. So gesehen beginnt der Krieg stets dort, wo Menschen einander Gewalt antun – in welcher Form auch immer. Soziale Gerechtigkeit, Integration, Verständigung: hierin muss unser Beitrag zur Verhinderung eines zukünftigen Krieges aussehen. Sozial zerrissene und von Ungerechtigkeit geprägte Gesellschaften sind extrem verführbar.

Zurück zum sterbenden Pfarrer, der mit letztem Atem noch einmal über seinen Bischof schimpfen will. Ich halte es für eine gute mentale und die Seele reinigende Übung, darüber nachzudenken, was einmal meine letzten Worte auf dem Sterbebett sein sollten. Für meine Person wünsche ich mir, dass diese am Ende nach einer Vergebungsbitte mit einem Lächeln enden: mit einem Lächeln über die Engstirnigkeit und Unsinnigkeit vieler meiner Urteile und apodiktischen Welterklärungsversuche.

Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

 

 

Wort-in-Bewegung

Weitere Nachklänge von Bundespräses Stefan B. Eirich finden Sie hier

Bundesweite KAB-Unterstützung für Flüchtlinge

Köln, 6.04.2022. Nicht erst die schrecklichen Bilder nach dem Abzug russischer Truppen in Butscha bei Kiew haben viele Frauen und Männer in der KAB Deutschlands ermutigt, ihre Solidarität mit den Menschen in der Ukraine und den Geflüchteten in vielen Aktionen sichtbar zu machen. Beim Gottesdienst des Besinnungstages des KAB-Kreisverbandes Hilpoltstein im Bistum Eichstätt wurden 400 Euro als Kollekte für die Ukraine-Hilfe der Caritas gespendet. Die KAB Wickede im Ruhrgebiet hatte am Josefstag mit einer Grillaktion Kriegsflüchtlinge unterstützt.

In Regensburg hat die KAB St. Joachim Wohnungen im Ulrichhaus für ukrainische Flüchtlinge hergerichtet. Die Vorsitzenden der KAB St. Joachim, Alfons Eiber und Herbert Grundmann, hatten gemeinsam mit anderen Vereinsmitglieder so Platz für vier Familien mit bis zu 15 Personen bereitstellen können. „Zuvor waren die Flüchtlinge in Sammelunterkünften untergebracht", berichtet KAB-Vorsitzender Alfons Eiber.

Kleider für Flüchtlinge, die nur das nötigste und oft nur das, was sie am Leibe trugen, hat die KAB Lohne im Bistum Münster gemeinsam mit den Pfadfindern bereitgestellt. Mit einer weiteren Sammelaktion am 9. April soll der Erlös ebenfalls für die Ukrainehilfe bereitgestellt werden. Auch im Bistum Fulda hatte die KAB Bruchköbel Anfang April mit Kleidersammlungen versucht die Not der Menschen in der Ukraine zu lindern.

Im Siegerland hat der KAB-Chor St.-Sebastianus Walpersdorf spontan mit anderen örtlichen Chören zu einem Benefizkonzert in Deuz im Bistum Paderborn geladen. Unter dem Motto „Menschen, bewahrt euch den Frieden“ hatten die Chöre nach Deuz bei Siegen geladen.

Und selbst bei der ansonsten eher fröhlichen Faschingsandacht der KAB Hausen im Bistum Würzburg lenkten die Veranstalter auf Weiberfasching ihren Blick auch auf den Krieg in der Ukraine. Mit Fürbitten wurde den Toten und den Opfern des Krieges in der Ukraine gedacht.

An Solidaritätskundgebungen und Proteste gegen den Krieg beteiligte sich die KAB aus dem Bistum Rottenburg-Stuttgart in Karlsruhe.

Krieg vor der Haustür – was können wir als KAB vor Ort tun?

„Entsetzt höre ich die Nachrichten, kann es nicht fassen.
Soldaten marschieren, kämpfen und sterben. Es ist Krieg.“ (S. Wahl)

Seit dem 24.2. hat das wachsende Entsetzen in uns Wurzeln geschlagen und in lähmender Gebanntheit verfolgt eine jede, ein jeder von uns die tagtäglichen Meldungen von einem Krieg, den niemand von jemals für möglich gehalten hätte. Nicht nur angesichts der zu Hunderttausenden fliehenden Ukrainerinnen und Ukrainer stellt sich die Frage, was wir insbesondere als KAB tun können. Ganz sicher geschieht schon sehr viel, weil die Hilfe für Menschen in Not und in prekären Verhältnissen unserem auf „Sehen/Urteilen/Handeln“ basierenden Ethos entspricht. Daher nachfolgend nur einige exemplarische Anregungen.

Die vom Krieg unmittelbar Betroffenen

Wir sind ein Verband mit vielen lebendigen und funktionierenden Basis- und Ortsgruppen. Also liegt der Schwerpunkt auf dem, was wir unter dem Label KAB im eigenen Ort und ggf. auf der nächst höheren Ebene realistisch anpacken können. Zum Beispiel

  • Im Zusammenwirken mit anderen Verbänden und Initiativen lokale Hilfsmaßnahmen für humanitäre Projekte in der Ukraine oder für die von dort Geflüchteten finanziell, materiell oder tatkräftig zu unterstützen.
  • Ein Mitwirken bei der Suche und Bereitstellung von Wohnraum für die Geflüchteten.
  • Mittelfristig: Mithilfe bei der Integration der Geflüchteten, z.B. durch die Beteiligung am Deutschunterricht, Hausaufgabenhilfen für die schulpflichtigen Kinder oder auch durch eine regelrechte Patenschaft, die ein Ortsverband für ein, zwei Familien übernimmt und diese im Alltäglichen einschließlich beim Überleben im bürokratischen Alltag unterstützt.

Die von den Sanktionen Betroffenen

Es gilt aber auch die sich nun verschärfenden Folgen der Sanktionen und die davon besonders betroffenen Menschen zu sehen und diese nicht allein zu lassen. Hier könnte eine Basis- bzw. Ortsgruppe über die solidarische Unterstützung der eigenen Mitglieder hinaus beispielsweise

  • Dafür sorgen, dass Menschen und Familien mit geringen Einkommen in der kirchlichen und kommunalen Öffentlichkeit eine ausreichend laute Stimme erhalten.
  • Sich in lokale Unterstützungssysteme für Menschen und insbesondere Kinder in prekären Verhältnissen einbringen (auch durch die gemeinsame Übernahme von Gas- und Treibstoffrechnungen).
  • Im Sinne von Patenschaften für Kinder und/oder deren Familien tätig werden.

Die unter Kriegsangst Leidenden

Bei all dem ist und bleibt der Umgang mit den ungezählten Schreckensnachrichten und dem inneren Druck, den der eskalierende Konflikt auslöst und steigert, für alle von uns eine kaum bewältigbare Aufgabe. Orts- und Basisgruppen sollten daher dringend dafür sorgen, dass

  • Ihre Mitglieder (und nicht nur diese) sich über die Ängste und die wachsende Bedrückung austauschen können: keiner, keine soll allein sein!
  • Treffen und Begegnungen zum schlichten Gespräch und Austausch anbieten.
  • Generationenübergreifende „Erzählcafés“ organisieren, in denen ältere Menschen ihr Erleben von Krieg (und/oder Flucht) in Worte bringen.

Das gemeinsame und individuelle Gebet um Frieden

Als katholischer Verband bauen wir grundlegend auf die verwandelnde Kraft des gemeinsamen Gebets. Daher ist es fast schon selbstverständlich, wenn Orts- und Basisgruppen

  • Regelmäßig an Friedensgebeten teilnehmen oder diese als KAB anbieten
  • Zum individuellen Gebet aufrufen (z.B. mit dem Text des eingangs zitierten „Ratlosen Psalms“
  • In der Fastenzeit den Kreuzweg zum Thema „Frieden“ gestalten und beten (vgl. den Vorschlag des DV Regensburg)
  • In der Abenddämmerung zu einem verabredeten Zeitpunkt eine Kerze ins Fenster stellen und in den Häusern/Wohnungen z.B. das KAB-Gebet um ein Ende der Gewalt in der Ukraine gesprochen wird.

Mithelfen

Weitere Anregungen finden Sie auch auf der Internet Seite des KAB Diözesanverbandes Rottenburg-Stuttgart

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