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Interview Sladek

"Bürger schaffen die Energiewende"

Die KAB Deutschlands hat einen Förderprojekt-Vertrag für KAB-Mitglieder mit dem im Schwarzwald ansässigen Stromanbieter EWS Schönau geschlossen. Impuls fragte Geschäftsführer Sebastian Sladek zu aktuellen Energiepolitik und den Besonderheiten von EWS. 

Herr Sladek, was unterscheidet die Elektrizitätswerke Schönau von anderen Strom-Anbietern?

Sebastian Sladek: Ich glaube, dass ist eine ganze Menge. Da ist zu aller erst unsere Unternehmens¬geschichte. Ich kann mich nicht erinnern, dass es einen zweiten Energieversorger in Deutschland gibt, der aus einer Bürgerinitiative entstanden ist. Mit zwei gewonnenen Bürgerentscheiden entstand der demokratisch legitimierteste Netzbetreiber Deutschlands. Auf dieser Unternehmensgeschichte heraus basiert unsere Unternehmensmission.

Wie ist die EWS-Mission?

Sladek: Diese ist nicht Renditemaximierung, sondern ein Gelingen der Bürgerenergiewende und das dezentral und kostengünstig. Es geht uns nicht darum, hohe Gehälter oder hohe Gewinnausschüttungen an unsere Genossenschaftsmitglieder zu erwirtschaften.

Natürlich muss in der Marktwirtschaft auch eine Genossenschaft Gewinne erwirtschaften, sonst ist sie nächstes Jahr nicht mehr am Markt. Wir wollen aber, dass die Energiewende gelingt und das mit einer möglichst hohen Bürgerbeteiligung. 

Das ist auch das dritte Merkmal, das uns von anderen Anbietern unterscheidet. Und dafür sind wir jedes Jahr bereit, große Summen aus unserem Förderprogramm einzusetzen ohne daran auch nur die geringste Renditeerwartung zu knüpfen.

Liegt der Unterschied auch darin, dass nicht wirtschaftliche Überlegungen, sondern die Atomkatastrophe Tschernobyl EWS aus der Taufe gehoben haben?

Sladek: Das ist auf jeden Fall ein ganz gewichtiger Grund. Bei uns steht deshalb eine ökologisch nachhaltige, zukunftsfähige Energieversorgung im Mittelpunkt. Es ist richtig, es hat mit dem Atomunfall und den radioaktiven Auswirkungen hier vor Ort zu tun. Meine Eltern waren vorher komplett unpolitische Leute, die eigentlich auch alles geglaubt haben, wenn ihnen von oben gesagt wurde: „ Atomenergie ist sicher!“ „Ihr braucht euch keine Sorgen machen!“ Für sie war Tschernobyl das Aha-Erlebnis. Heute kommt als ein zweites wichtiges ökologisches Argument der Klimawandel dazu. Wir alle  müssen uns bewegen. Deswegen bin ich grundsätzlich natürlich immer lieber Teil der Lösung, als Teil des Problems.

Sind EWS-Kunden anders gestrickt?

Sladek: Das glaube ich schon. Wir haben einen speziellen Kundenstamm. Auf der einen Seite einen treuen Kundenstamm, was mich auch sehr freut. Oft ist es so, dass sich die Kunden nicht spontan für uns entscheiden, sondern eine Öko-Strom-Versorger-Historie hinter sich haben – wir gelten da ein bisschen als Geheimtipp. 

Zum anderen haben wir auch viele Kunden, die nicht noch einen Bonus abgreifen wollen. Wer sich von uns mit Energie versorgen lässt, der kann sicher sein, dass wir seine Beiträge dafür einsetzen, die Energiewende weiter voran zu treiben. Und zu uns kommen Kunden, die das Gefühl haben, dass wir der Versorger sind, der eine klare energiepolitische Haltung vertritt. 

Welche energiepolitische Haltung ist das?

Sladek: Dieser Haltung drückt sich sehr klar in der Energiebeschaffung aus. Da sind wir ganz strikt und rigoros. Keine Kooperation mit Atomkraftwerks-Betreibern. Grundsätzlich würde ich sagen, wir versuchen uns zu den Energiethemen differenzierte Meinungen zu bilden – die Wirklichkeit ist ja in den seltensten Fällen schwarz und weiß, meist ist die Realität grau. Nehmen wir zum Beispiel das Thema E-Mobilität. Unter Marketinggesichtspunkten ist das Thema natürlich für jeden Ökostromanbieter ein Muss. In Wirklichkeit macht E-Mobilität nur unter einer ganzen Reihe von Rahmenbedingungen wirklich Sinn. So, wie das Thema derzeit propagiert wird, finde ich es sehr problematisch. 

Warum denn nicht mehr E-Autos?

Sladek: Die jetzt propagierte E-Mobilität ist der vierte Schritt, aber wir sind mit Schritt Eins noch nicht einmal fertig. Wir können doch jetzt nicht, wo wir vor dem Hintergrund der EEG-Novelle 2016 den Ausbau regenerativer Energien massiv eindampfen, auf der anderen Seite den Verbrauch durch E-Mobilität bei Autos, Motorrädern erhöhen. Es kann nicht darum gehen, dass jeder sein Auto mit Verbrennungsmotor durch ein E-Automobil ersetzt, da sind ganz andere Mobilitätskonzepte gefragt. Das sind natürlich im Autoland Deutschland gefährliche Botschaften.

Inwiefern ist die Genossenschaftform ein besonderes Merkmal?

Sladek: Unsere Genossenschaft, aber auch unser Förderprogramm beruhen darauf, Menschen zum Mitmachen zu animieren. Jahrelang konnten sich die Bürger über das EEG, dem größten Infrastrukturprojekt seit dem Wiederaufbau, beteiligen, da sie aus der passiven Verbraucherrolle selbst zu einem Stromproduzenten werden konnten. Dies schaffte Bewusstsein und Selbstbewusstsein bei den Beteiligten und es unterstrich die Mündigkeit des Bürgers. Doch die jetzige EEG-Novelle macht die Energiewende zu einem Projekt der Konzerne. Und das funktioniert nicht. Das oft von Kanzlerin Merkel zitierte, „wir müssen den Bürger mitnehmen“, bleibt auf der Strecke. Unsere Genossenschaft bietet da die Möglichkeit, auch jenseits des EEG weiter gemeinschaftlich an der Energiewende zu arbeiten.

Ist die Angst berechtigt, dass der steigende Energiehunger nur mit Großprojekten zu lösen ist ?

Sladek: Ich möchte behaupten, das diese Angst vielfach politisch auch forciert wird. Seit mehreren Hundert Jahren wird erzählt, dass nur die großen Unternehmen bestimmte Sachen machen können, nur mit ihnen technischer Fortschritt möglich sei. Es gibt genug empirische Erfahrungen und wissenschaftliche Untersuchungen dazu, die sagen, dass das falsch ist.

Es ist aber auch ein Irrglaube zu glauben, man brauche nur graues Wachstum durch grünes Wachstum ersetzen und alles sei gut. Wir müssen bescheidener werden. Im Interesse aller anderen Bürger dieser Welt, müssen wir westlichen Industrienationen bescheidener werden – manche werden dem Konsumverzicht überdies Befreiendes abgewinnen können. 

Hilft das jetzige Energie-Einspeisungsgetz das Klimaabkommen von Paris umzusetzen?

Sladek: Mit dieser Novelle habe ich erhebliche Zweifel, ob wir dieses Ziel erreichen, national nicht und international sowieso nicht. Wir müssen in allen Bereichen – Netzausbau und Speicherausbau – Tempo zulegen. Leider passiert das Gegenteil. So können wir die Forderungen der Pariser Beschlüsse nicht erreichen. 

Die Pariser Beschlüsse, so bahnbrechend sie inhaltlich sein mögen, wurden ja nicht nur gefeiert, sondern durchaus auch skeptisch gesehen. Wir hangeln uns seit langen Jahren in der Klimapolitik von einer Proklamation zur nächsten, ohne dass wir wirklich mal Erfolge im Klimaschutz verbuchen könnten. Wir alle wissen, dass in hundert Metern eine Betonwand kommt, und wir langsam bremsen sollten. Aber wir geben immer noch Gas. 

EWS geht in der Gewinnung von Energie verschiedene Wege. Was sind das für Projekte, die ihr fördert?

Sladek: Wir haben einen ganzen Strauß an Förderclustern in unserem Förderprogramm. Ein großer Bereich sind die sogenannten Rebellenkraftwerke. Also Kundenanlagen, die wir unterstützen, damit sie selbst Stromerzeuger werden. Hier bezuschusst EWS über einen gewissen Zeitraum diese Projekte. Angesichts der EEG-Novelle wird gerade dieses Cluster wieder sehr interessant für den einen oder anderen. 

Ein weiteres Cluster ist Energieeinsparung und Energieeffizienz. Für mich der wichtigste Bereich. Da sind wir wieder genau an den Punkt des steigenden Energiebedarfs; dem müssen wir gegensteuern. Wir können nicht nur regenerative Erzeugungslagen aufbauen, wir müssen gleichzeitig den Bedarf drosseln. Das beinhaltet z.B. Förderzuschüsse im Rahmen des Pumpenaustauschprogramms: Wer eine alte Heizungsumwälzpumpe gegen eine moderne austauscht, kann in diesem Bereich Stromeinsparungen bis zu 80 Prozent erreichen.

Wir fördern auch kleine Genossenschaften, die sich gründen, um Stromerzeuger zu werden. Windkraftprojekte beispielsweise haben enorme Vorlaufzeiten und diverse Auflagen wie Umweltverträglichkeits- und geologische Gutachten, Emissionsschutz usw.. Bis zur endgültigen Umsetzung des Genossenschaftsprojekts vergeht viel Zeit und es werden Finanzmittel benötigt. Um solche Risiken abzudecken, unterstützen wir Genossenschaften in der Projektierungsphase.

Weitere Fördergebiete ...

Sladek: Ein weiteres Fördercluster ist die Energiegerechtigkeit. So haben wir im letzten Jahr eine größere Kampagne zusammen mit green energy against poverty gemacht. Die Organisation bringt Solarlampen nach Afrika, damit Bäume stehen bleiben, die Emissionen drastisch reduziert werden und die Menschen abends ab 17 Uhr noch Licht im Haus haben. Das Förderprojekt kommt sehr gut an. 

Ein weiteres Cluster initiiert Bildungs- und Aufklärungskampagnen rund um das Thema Energiewende – hier haben wir im letzten Jahr zum Beispiel eine große Kampagne gegen  den Bau des Atomkraftwerks Hinkley Point C in Südengland gemacht – auch als Signal gegen eine rückwärtsgewandte Energiepolitik. Insofern freue ich mich darüber, dass ich Gelegenheit habe, mit IMPULS über die Energiewende zu sprechen. Sie ist in der Tat das größte Infrastrukturprojekt seit dem Wiederaufbau und wird noch manche Herausforderung für uns bereithalten.

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