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Im Gespräch .- 40 Jahre Synodenbeschluss

40 Jahre Synodenbeschluss „Kirche und Arbeiterschaft“

Dr. Michael Schäfers, Leiter des KAB Grundsatzreferates, beantwortet Fragen zur Bedeutung und Entwicklung des Synodenbeschlusses "Kirche und Arbeiterschaft".

Kab online: Der Beschluss „Kirche und Arbeiterschaft“ wird 40 Jahre alt. Was bedeutete er damals für die Kirche und die KAB?

Dr. Michael Schäfers
: Der Beschluss war schon auf der Synode in Würzburg hart umkämpft, denn es ging um eine völlig neue Sichtweise der Kirche auf die Arbeiterschaft, um ein neues Verhältnis zu ihr. In der Kirche herrschte immer noch die These vor, die Arbeiterschaft habe sich von der Kirche entfernt. Der Beschluss zeigte eine andere Geschichte auf, nämlich den des Verlustes der Arbeiterschaft für die Kirche. 

Nicht die Arbeiterschaft hat die Kirche, sondern die Kirche die Arbeiterschaft durch eigenes kirchliches Versagen verloren. Der Jesuit Oswald von Nell-Breuning war hier federführend und stellte vieles auf den Kopf. Vor allem die Versöhnung mit Karl Marx ging vielen quer runter.

kab online: Inwiefern?

Schäfers: Ich zitiere das mal: „Zum Schaden unserer Glaubwürdigkeit verläuft die Diskussion bei uns auch heute noch zum Teil in alten Gleisen, während im internationalen katholischen und ökumenischen Bereich von Marx eingeführte Kategorien der Gesellschaftsanalyse selbstverständlich benutzt werden.“
In Zeiten des kalten Krieges sahen darin fälschlicherweise viele eine Absolution für den Marxismus. Nell-Breuning musste den Beschluss heftigst verteidigen, was er dann auch tat. Der Beschluss forderte zudem eine Gewissenserforschung der Kirche in ihrem Versagen und wollte die Pastoral der Kirche neu aufstellen, Schritte hin zu einer Kirche der Arbeiterschaft…

Kab online: … und in der KAB?

Schäfers: Führende Vertreter der KAB haben in der Kommission, die den Text erstellt hat, mitgearbeitet. Die KAB hat den Beschluss mit der Hoffnung verbunden, dass die Arbeiterpastoral und damit auch die KAB und die Betriebsseelsorger einen viel größeren Stellenwert innerhalb der Kirche bekommen würden. Nach einer ersten Aufbruchsphase in einigen wenigen Bistümern ist diese Hoffnung enttäuscht worden. Dass die Lebenslage und die Anliegen der Arbeiterschaft sozusagen ins Herz der Kirche rücken würden, war das große Anliegen der KAB. Der Beschluss war hierzu eine sehr gute Grundlage, auch für die Legitimation ihrer Arbeit in der KAB. Er rief zudem die katholischen Arbeiterinnen und Arbeiter auf, sich den katholischen Arbeitnehmerorganisationen anzuschließen. Das war Rückenwind für die KAB, die sich um Aufwind befand.

Kab online: … sind die Hoffnungen erfüllt worden?

Schäfers: Nein. Fakt ist, dass in den Bistümern in weiten Teilen die Arbeiterpastoral ein Randdasein führt. Eine durchgehende, eine einheitliche Linie der Bistümern in den entscheidenden Fragen gibt es bis heute nicht. Die Arbeiterschaft konnte in breitem Maße nicht für die Kirche gewonnen werden. Die Situation ist zum Teil enttäuschender als vor 40 Jahren als es nach dem Konzil und der Synode eine breite Aufbruchsstimmung gab, ja geradezu eine Begeisterung.

Das Bistum Aachen hat noch eine Bischöfliche Kommission „Kirche und Arbeiterschaft“. In vielen anderen Bistümern sind die Fragen erst gar nicht angegangen oder nach und nach in andere Kommissionen integriert, in Spezialbereiche abgedrängt oder gar Kommissionen aufgegeben worden. An vielen Stellen hält allerdings die Betriebsseelsorge und die KAB das Bewusstsein wach. Das ist gut so, denn es kann keine Kirche Christi geben ohne die Arbeiterschaft, ganz im Sinne von Kardinal Cardijn. Eine Kirche ohne die arbeitenden Menschen ist eine amputierte Kirche, in der vielleicht eine gute Bürgerlichkeit vorherrscht, aber das Evangelium um das Eigentliche verkürzt wird, nämlich um das Leben der arbeitenden Menschen, um ihre Sorgen und Ängste.

Kab online: Was kann denn der Synodenbeschluss heute noch für eine Bedeutung haben, wenn die Bilanz, die Wirkungsgeschichte eher negativ ausfällt?

Schäfers: Ich halte „Kirche und Arbeiterschaft“ für aktueller denn je, auch wenn das ein oder andere sich natürlich mit der Zeit überholt hat, denn die Situation der Kirche und der Gesellschaft haben sich grundlegend in den letzten 40 Jahren geändert. Aber die Probleme sind geblieben und haben sich sogar verschärft.

Erwerbsarbeit ist prekärer geworden, die soziale Sicherung wird weiter ausgedünnt, die Globalisierung hat den zunehmenden Wettbewerbsdruck unmittelbar in das Leben und Arbeiten der Menschen durchschlagen lassen, der Finanzmarktkapitalismus hat die Machtverhältnisse zugunsten des Kapitals deutlich verschoben… Liest man den Beschluss auf dieser Folie, bleiben viele Aussagen geradezu revolutionär, etwa wenn eindringlich gefordert wird, dass der Mensch seine Anlagen und Fähigkeiten in der Erwerbsarbeit verwirklichen, eine menschlich-soziale Gestaltung die Arbeit bestimmen soll.

Kab online: … und die Bedeutung heute für die KAB?

Wir sollten viel selbstbewusster auch auf der Grundlage des Beschlusses die Verankerung der sozialen Frage in der Kirche einfordern und auch die Bedeutung der KAB für die Kirche insgesamt offensiver vertreten.

Wir wissen um die Ängste und Sorgen der Menschen und wir haben strukturelle Alternativen zu bieten. Wer sonst in der Kirche steht noch für die arbeitenden Menschen und fordert auf der Grundlage der Soziallehre strukturelle Veränderungen ein? Und da geht es natürlich nicht nur um die Kirche selbst, sondern ebenso um Veränderungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Wir werden als Verband in vielen Bereichen kleiner, aber das gilt nicht nur für die KAB, sondern ist ein gesamtkirchlicher Trend. Kleiner heißt aber nicht schwächer… Der Synodenbeschluss hat einen schönen Satz: „Der Mensch wächst mit dem Maß seiner Verantwortung.“ Wir haben Verantwortung für eine solidarische und gerechte Gesellschaft und für die kommenden Generationen. Daran sollten wir wachsen.

Kab online: Aber woher soll der Schub für die KAB und die Kirche kommen, sich mehr für Solidarität und Gerechtigkeit einzusetzen?

Schäfers: Der Schub ist schon da… Wer hätte noch vor Jahren gedacht, das ein Papst einen Satz wagt, wie: „Diese Wirtschaft tötet“. Natürlich gibt es dann einen heftigen Aufschrei der neoliberalen Doktrinäre, dass Papst Franziskus sich mal schön auf Moralpredigten beschränken solle statt in Fragen der Wirtschaft deutlich Stellung zu beziehen, denn davon habe er nun wirklich keine Ahnung…. Die Kritik ist gut, wenn auch nicht sachgerecht, denn jetzt wird gestritten, werden Konflikte offen gelegt und ausgetragen.

Der Synodenbeschluss hat bereits die dahinter den Konflikten stehenden Interessen angesprochen und Konflikte positiv bewertet. Nach meiner Überzeugung gibt es nichts Schlimmeres als wenn die Kirche und auch die KAB sanft entschlummern und ihrem Auftrag nicht mehr gerecht werden.

Papst Franziskus fordert die Kirche und uns heraus, Farbe zu bekennen, und zwar in einer Radikalität, die an die Wurzeln unseres Glaubens geht, die eine Entscheidung heraufbeschwört nach dem biblischen Satz: Ihr könnt nicht Gott und dem Mammon dienen. Neu übersetzt: Ihr könnt nicht an Gott glauben und Teil einer Wegwerfgesellschaft sein. Das ist eine Zuspitzung der Aussage des Synodenbeschlusses, dass wir uns auf den Weg machen müssen vom Mehrhaben zum Mehrsein.

Zusatz

Standpunkt von Dr.Michael Schäfers zu 40 Jahre "Kirche und Arbeiterschaft":
Soziale Vereine ziehen Bilanz

aus: Kirchenzeitung für das Bistum Aaachen - Ausgabe Stadt Aachen, 22. März 2015 - 70 Jahrgang - Nr.12 G524

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