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3. Konferenz Digitalisierung

Video zur Konferenz "Work-Life-Balance 4.0

Arbeitnehmer haben ein Recht auf Unerreichbarkeit

Brüssel/Köln, 15. November 2016. Trotz vieler Chancen für Wirtschaft und Gesellschaft birgt die Digitalisierung auch große Gefahren. Auf einer Tagung der European Sunday Alliance in Brüssel forderte EU-Kommissar Günther Oettinger die Festschreibung des Arbeitnehmerrechts auf Unerreichbarkeit. "Das Ausschalten der digitalen Erreichbarkeit von Arbeitnehmern muss Pflicht und Recht sein", betonte der EU-Kommissar zum Auftakt der Tagung "Work-Life-Balance 4.0 - Challenges in a time of digitalisation" im Wirtschafts- und Sozialausschuss der Europäischen Kommission. 

"Ständige Verfügbarkeit ist Mobbing", so Oettinger. Zum einen müsse die Europäische Union die Teilhabe aller Europäer*innen an der fortschreitenden und unaufhaltsamen Digitalisierung ermöglichen, zum anderen brauche es aber auch klare Regelungen und Rechtsvorschriften, die den digitalen Binnenmarkt organisieren. "Industrie 4.0 geht über den Bereich der Industrie hinaus. Die Digitalisierung lässt sich nicht aufhalten. Wir erleben bereits Handel 4.0, Banken 4.0 und Arbeit 4.0", so Oettinger. Gegenüber KAB-Online betonte der EU-Kommissar für digitale Wirtschaft und Gesellschaft, dass 80 bis 90 Prozent der Arbeitsplätze digital gestaltet sein werden. "Dies führt zu neuen Formen der Arbeit und des Verhältnisses von Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Die Digitalisierung der Arbeitswelt bedarf auch neuer Vertragsformen im Arbeitsrecht. Hier sind die Gewerkschaften gefordert".

Sozial isolierte Arbeit

Neben den Vorteilen für Arbeitnehmer, die mit der Digitalisierung neue und flexible Arbeitszeiten gestalten können, gibt es auch Nachteile. Irene Mandl von Eurofond sah eine ganze Liste von Herausforderungen. Untersuchungen hätten ergeben, dass Crowd-Worker und Klick-Worker unter mehr Stress leiden, länger arbeiten, sozial und beruflich isoliert sind und durch die Fragmentierung ihrer Arbeit und Arbeitszeit unter Gesundheitsproblemen leiden. 

Die belgische Gewerkschafterin Delphine Latawiec sieht durch die Digitalisierung viele Arbeitsplätze gefährdet. Besonders betroffen sind Frauen und Geringqualifizierte. "Man kann keine Verkäuferin zur IT-Spezialistin umschulen", betonte sie. Schon jetzt seien ein Großteil der Beschäftigungsverhältnisse im Internet- und digitalen Bereich prekär. 

Das es auch in der Internet-Branche Möglichkeiten für gute Arbeitsbedingungen gibt, zeigte der Journalist Ingo Dachwitz am eigenen Beispiel auf. Der Online-Journalist arbeitet für den blog "netzpolitik.org". "Selbstverständlich nutzen wir die neuen Kommunikationsformen wie chat oder e-mail intensiv, es gibt es aber keine Arbeitszeitkontrolle und die Arbeitszeit wird persönlich eingeteilt". Angesichts der ständigen Erreichbarkeit sieht er die Notwendigkeit einer neuen Kultur im Umgang mit Smart-Phone und Laptop. Für eine gesetzliche Regelung sieht er aber keine Notwendigkeit.

Hannes Kreller sieht in der Digitalisierung eine extreme Beschleunigung in Wirtschaft und Gesellschaft. "Die gewonnene Zeit wird durch Arbeitsverdichtung aufgefressen", so der KAB-Vertreter in der Europäischen Allianz für den freien Sonntag. Er forderte klare Regelungen zur Sonntags- und Wochenarbeitszeit. Die Digitalisierung sei Teil der zunehmenden Individualisierung. "Bisher gibt es nur individuelle Lösungen, um aus dem Hamsterrad der ständigen Verfügbarkeit herauszukommen. EU-Kommissar Oettinger verwies darauf, dass Autokonzerne wie Daimler in Stuttgart oder VW in Wolfsburg mittlerweile den e-mail-Verkehr zum Schutz der Mitarbeiter zeitlich einschränken. 

Resolution zur Zeitbalance

Die Teilnehmer*innen der Tagung unterzeichneten eine Resolution, in der sie die Balance zwischen Arbeit und Freizeit, den arbeitsfreien Sonntag in Europa, das Recht auf Unerreichbarkeit und mehr soziale Sicherheit und Gesundheit für Arbeitnehmer einfordern.

Die EU-Parlamentarier Evelyn Regner (SD) und Thomas Mann (EVP) wollen den Schutz des Sonntags und das Recht auf Unerreichbarkeit in die Novellierung der EU-Arbeitszeitrichtlinie einbringen.

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