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Darum geht's
KAB ist Katholisch

Auf der Grundlage der Soziallehre der Kirche, insbesondere dem Solidaritäts- und Subsidiaritätsprinzip, setzt sich die KAB für einen Sozialstaat ein, der Ausgrenzung beseitigt und den sozialen Aufbau und Zusammenhalt unsere Gesellschaft sichert und fördert. 

WIR SCHAUEN HIN!
Politische Spiritualität

Die Auslegung biblischer Texte und das geistliche Nachdenken über wichtige Gedenk- und Feiertage im Laufe eines Jahres darf kein frommer Selbstzweck sein. In seiner Enzyklika „Fratelli tutti“ sagt es Papst Franziskus den Verkünderinnen und Verkündern des Evangeliums in aller Deutlichkeit: „Es wichtig, dass die Katechese und die Predigt auf direktere und klarere Weise die soziale Bedeutung der Existenz, die geschwisterliche Dimension der Spiritualität, die Überzeugung der unveräußerlichen Würde jedes Menschen und die Beweggründe, um alle zu lieben und anzunehmen, einbezieht.“(FT 86)

Dieser Verpflichtung will sich der Bundespräses der KAB Deutschlands, Stefan Eirich, mit seinen Beiträgen annehmen. Er plädiert dabei mit Leidenschaft für eine Kirche, die mit Rat und vor allem Tat für die Sorgen und Nöte, aber auch die Freude und Hoffnung der Menschen in Nah und Fern da ist.

Wort in Bewegung

Ulm Hauptbahnhof, 9. August 2022, 9 Uhr 35: Gott schaut auf „die Niedrigkeit seiner Magd“. In diesem Fall ist es eine jüngere Frau, die sich zu diesem Zeitpunkt betont unauffällig einem der Mülleimer in der Halle des Ulmer Bahnhofs nähert. Verstohlen greift sie in den Plastikmüllbehälter und angelt wenig später drei Pfandflaschen heraus. Danach verwandelt sie sich wieder in irgendeine Passantin. – Ich habe diese Szene zufällig beim Umsteigen in Richtung Bodensee beobachtet. Ich hätte die Frau aufgrund ihrer relativ normalen Alltagskleidung nicht weiter bemerkt, wäre da nicht in ihrem Auftreten diese auffällige Unauffälligkeit gewesen.

Der Evangelist Lukas lässt Maria beim Besuch ihrer Verwandten Elisabeth einen Lobgesang auf das einzigartige, alle Verhältnisse umkehrende Handeln Gottes anstimmen. In ihrer Freude stellt sie für sich fest, Gott habe auf die „Niedrigkeit seiner Magd“ geschaut. In der traditionellen Auslegung dieser Zeile schien immer klar, dass es hier um ihre Demut und Unterordnung geht. Maria setzt sich, so der Tenor der Kommentare, selbst herab und findet die erwählende Aufmerksamkeit Gottes. Die Folgen dieser Deutung für die Rolle der Frauen in Kirche und Gesellschaft sind hinlänglich bekannt.

Marias Blick für die Menschen

Der griechische Originaltext spricht von Tapeinosis, was primär für gesellschaftliche Geringschätzung, Erniedrigung und Verachtung steht. Und dies im umfassenden Sinn. Das Wort kann politische und soziale Unterdrückung, Armut und Gewalterfahrungen unterschiedlichster Art bezeichnen. Maria gehört zu einem von den römischen Besatzern weithin unterdrückten Volk. Mit und in diesem Volk vertraut sie auf einen Gott, der hinschaut und einen Blick für die Menschen hat, der rettet und Perspektive gibt. Für mich ist das die Hauptaussage des Festtagsevangeliums von Maria Himmelfahrt und zugleich der inhaltliche Kern dieses Hochfestes.

Gott schaut auf die Niedrigen

Was aber bedeutet das für die „Niedrigkeit“ in unserer Gesellschaft? Für die wachsende Zahl der Menschen in Altersarmut, mit schlechten Löhnen oder für die als soziale Verlierer Abgestempelten und Pfandflaschensammlerinnen? Wer in das Loblied Mariens einstimmt, muss nach den aktuellen Mustern der Diskriminierung und Alltagsausbeutung fragen. Vor allem darf er sich nicht an die wachsende Zahl der sozial Deklassierten gewöhnen und ihre Existenz mit einem Schulterzucken hinnehmen. Gott schaut auf die Niedrigen: es geht darum seine Perspektive einzunehmen und Ja zu sagen zu seinem Maßstab für Menschenwürde und Menschlichkeit. Aus dem Blickwinkel der KAB bedeutet dies unter anderem, sich für Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen einzusetzen. Dies beginnt mit ihrer Würdigung als Menschen, die ein Gesicht, einen Namen sowie Geschichte und Zukunft haben.

Zurück in den Ulmer Hauptbahnhof. Die verschämte Armut der nach Pfandflaschen suchenden Frau hat mich beschämt. Es war nicht ihr Stochern im Plastikmüll, sondern ihr Verhalten, das meine Aufmerksamkeit geweckt hat. Längst habe ich mich an den Anblick von Menschen gewöhnt, die wie sie verzweifelt um ein paar zusätzliche Euro ringen. Diese Abstumpfung kommt einem sozial degradierenden Herabschauen gleich. Gott aber blickt, genau genommen, hinauf zur „Niedrigkeit seiner Magd“.

 

Natürlich wurde dieser Sponti-Spruch nicht zur Zeit Jesu, sondern erst in den 80er Jahren geprägt. Dennoch scheint er das Evangelium, in dessen Mittelpunkt die beiden ungleichen Schwestern Marta und Maria stehen, auf den Punkt zu bringen. Wer sich nicht wehrt wie Maria und sich der Hauswirtschaft entzieht, um dann im Kreis der Jünger Jesus zuzuhören, der bekommt wie Marta den kompletten Stress der Zuständigkeit für Gäste, Familie und Haus ab. Allzu schnell übersieht aber diese Deutung, dass Marta nicht weniger emanzipiert als ihre Schwester handelt. Es war für antike Verhältnisse ungewöhnlich, dass eine Frau als Gastgeberin Männer einlud, denn das setzte wirtschaftliche Selbständigkeit und ein eigenes Anwesen voraus. Daher sprechen einige Handschriften von ihrem Haus. Nicht weniger selbstbewusst ist ihr anschließendes Auftreten gegenüber Jesus und ihre Kritik an ihm. Diese Sicht passt natürlich nicht zu einer jahrhundertelangen Auslegungstradition, die Marta auf die Rolle der aufmüpfigen und von Jesus zurechtgewiesenen Hausfrau reduziert. Sie reibt sich aber auch mit einer Deutung, die ihre Schwester Maria als alleinige Pionierin eines selbstverantworteten Frauenlebens feiert.

Daher halte ich es für angebracht, in diesem Nachklang Marta bzw. ihrer Arbeit die Hauptaufmerksamkeit zu schenken. Wer genau hinschaut, wird entdecken, dass Jesus die Hausarbeit von Marta als wichtig und wertvoll würdigt. Mehr noch! Der im Deutschen verwendeten Formulierung „du machst dir viel Sorgen und Mühen“ (Lk 10,41) liegt im Griechischen Original ein Wort zugrunde, das auch die Erwerbsarbeit von Männern und damit die für das eigene Überleben notwendige Arbeit beschreibt. Hierin, so der evangelische Landessozialpfarrer Matthias Jung, liegt die eigentliche Sprengkraft dieses Evangeliums. Bis heute gilt die scheinbar unüberwindbare Ansicht, dass nur Erwerbsarbeit „richtige Arbeit“ ist. Alles „andere“ wie Kindererziehung, Angehörigenpflege und Hausarbeit findet selbst zu Beginn des 21. Jahrhunderts in unserem Land nicht die nötige Wertschätzung, geschweige denn eine adäquate Vergütung. Und diese so genannte „Care-Arbeit“ ist weiblich. Eine Oxfam-Studie von Januar 2020 belegt, dass im weltweiten Durchschnitt Männer für 80% ihrer Arbeit bezahlt wurden, Frauen hingegen nur für 41%. „Das bisschen Haushalt“, das Johanna von Koszian 1977 ironisch in einen Schlager packte, schlägt sich unter anderem darin nieder, dass in Deutschland ein Drittel mehr unbezahlte als bezahlte Arbeit geleistet wird. (Beachten Sie auch den Hinweis unten)

Jesus setzt Erwerbs- und Carearbeit gleich. Wir tun das immer noch nicht. Obwohl uns klar ist, dass unsere Wirtschaft nur funktioniert, weil ständig jemand, kocht, Kinder großzieht und Angehörige pflegt, leugnen wir diese Ebenbürtigkeit. Bevor Arbeiter in Fabriken und Angestellte in Büros Gewinn erwirtschaften können, müssen sie erst einmal geboren, gepflegt, geliebt, erzogen und versorgt werden. Diese Tätigkeiten stellen die Basis jeglicher Ökonomie dar, werden aber als außerökonomische Tätigkeiten abqualifiziert. Unsere Wirtschaftsordnung greift einfach auf sie ohne große Ausgaben zu wie auf eine scheinbar grenzenlos verfügbare natürliche Ressource und beutet sie aus. Schlimmer noch: anders als bei ihrer biblischen Urahnin ist die Situation der Martas von heute so miserabel, dass ihnen meistens die Kraft und die Zeit fehlen, um auf sich aufmerksam zu machen. Und selbst dort, wo Sorgearbeit als Beruf und Lohnarbeit anerkannt wird, sind die Arbeitsbedingungen alles andere als rosig und die Gehälter skandalös niedrig. Wo es geht, spart man am Personal und an der Bezahlung der Arbeitenden. Am schlimmsten trifft es die zumeist osteuropäischen Martas, die in sogenannten „Live-ins“ unter sklavenähnlichen Rahmenbedingungen in der häuslichen Pflege schuften.

Hätten sie aber die Gelegenheit, dann würden die Marta von heute so zu Jesus sprechen: „Kümmert es dich denn gar nicht, dass die Sorgearbeit von Frauen heutzutage wie seit eh und je als dauerverfügbare Ressource gilt, an der vor allem MANN sich beliebig bedienen zu können glaubt? Ist es dir denn egal, dass diejenigen, die gerade während der Coronakrise noch mehr Profite als sonst einstreichen konnten, sich nur minimal an den Kosten für ein durch meine Arbeit wesentlich mitgetragenes soziales Miteinander beteiligen?“ Und vielleicht würde Jesus mit einem Sponti-Spruch erwidern: „Setz dich zur Wehr, sonst endest du prekär!“

Liebe Leserinnen, lieber Leser dieses letzten Nachklangs vor der Sommerpause: von Maria und das von ihr erwählten „guten Teil“ war bislang keine Rede. Jesus bietet auch Marta diesen „guten Teil“ an, bietet ihr an, sich in aller Würde als Mensch weiterzuentwickeln und zu entfalten. Damit dies geschehen kann, müssen die Martas (und ihre männlichen Kollegen) unserer Tage entlastet und ihre Arbeit auf viele Schultern verteilt werden. Ich verstehe dieses Evangelium als Aufforderung, für eine Gesellschaft einzutreten, in der allen die Freiheit einer Maria ermöglicht wird. Dafür müssen die Marias den Martas zumindest den Rücken freihalten. Unsere Verantwortung ist es, Marta Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und sie mit Maria in eine Balance zu bringen. Dann können wir nach „Höherem“ streben, ohne dabei die vermeintlichen Niederungen der Fürsorgearbeit aus den Augen zu verlieren. Und gleichzeitig werden sich in der Carearbeit genügend Freiräume finden, die den Einsatz für eine noch gerechtere und menschwürdigere Wirtschaftsordnung im Sinne des Evangeliums ermöglichen. Eine Wirtschaftsordnung, die jedem Menschen Momente einfachen, zweckfreien Daseins schenkt.

Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

Wer genau wissen will, wie sich die geleistete Care-Arbeit als Stundenlohn darstellt, der sollte die App WhoCares installieren:
https://whocares-app.de/

 

Ich sehe was, was du nicht siehst. Ein wunderbares, ganz einfaches Kinderspiel. Aber auch Erwachsene erfreuen sich daran. Denn der Kick dieses Spiels liegt im Informationsgefälle unter den Mitspielenden. Im Alltag von Paaren wird aus diesem Spiel schnell Ernst. Bei Erledigungen rund um den Haushalt erweisen sich manche Männer recht häufig als diejenigen, die auch nach einer Viertelstunde nicht dahinterkommen, was ihre Frauen sehen. Beliebte Objekte sind in diesem Zusammenhang überquellende Mülleimer und herumliegende Socken.

Ich sehe was, was du nicht siehst. Der barmherzige Samariter aus der gleichnamigen Geschichte könnte dieses Spiel mit den anderen von Jesus erwähnten Beteiligten spielen. Priester und Levit zeigen uns, wie blind unsere Augen manchmal sind und wie unterschiedlich die Wahrnehmung sein kann. Sehn und wirklich wahrnehmen sind nun einmal zweierlei Paar Schuhe. „Ich sehe was …“ Der Priester, der auf dem gleichen Weg wie der Mann aus Samarien nach Jericho unterwegs ist, „sieht was“, aber im Grunde „sieht er nicht“. Warum passiert das gerade ihm? Schließlich ist er doch Priester, also einer, dessen Auge durch die ungeschönte Darstellung von Unrecht und Gewalt in der Bibel regelrecht geschult sein müsste. Dem ist nicht so. Offensichtlich kommen in seiner Klerikercommunity, kommen in der Blase der Priesterschaft Opfer von physischer Gewalt so nicht vor. Womit wir nie rechnen, weil unser Weltbild es ausblendet, das können wir hartnäckig über-sehen. Wir bekommen schlichtweg nicht mit, dass da etwas passiert ist. Auch in unseren Breitengraden kommt es z.B. immer wieder zu Gewalt gegen Frauen und Kinder. „Häusliche Gewalt“ nebenan und keiner hat’s geahnt oder registriert? Wer sich immer schon sicher war, dass 'so etwas' bei „uns“ nicht vorkommt, wird auch die deutlichsten Anzeichen im Kopf ausfiltern. Auch die vielen Fälle des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker blieben auch deshalb lange verborgen. In diesem Sinn wurden brave Gemeindemitglieder unwillentlich zu Mittäterinnen und Mittätern.

Ich sehe was … Eine andere Art des Sehens (besser Nicht-Sehens) kennzeichnet den unter Termindruck stehenden Tempeldiener, den Leviten. Möglicherweise kann er zwar sehr gut verstehen, was da passiert ist – aber ihm fehlt die Kraft dazu, länger hinzusehen und sich auf die Situation einzulassen. Der Blutende am Wegrand überfordert ihn einfach. Der Levit sieht und versteht was geschehen ist, spürt dass er helfen müsste - und geht dennoch weiter. Ihm fehlt das Vertrauen, dieser Herausforderung gewachsen zu sein. Dabei könnte doch gerade er als Hauptamtlicher aus der Glaubenserfahrung so vieler „Laien“, die zum Tempel pilgern, wissen, dass Gott uns auf seine Weise dabei hilft, in bestimmten Extremsituationen über uns selbst hinauszuwachsen. Wäre es mir denn anders ergangen? Mein Blick ist durch das Dickicht zahlreicher Vorbehalte eingeschränkt: „Was kann ich denn als einzelner schon ausrichten? Das ist für mich eine Nummer zu groß. Oder: Geht es nicht darum, professionelle Hilfe zu organisieren? Oder: Wo anfangen? Beim sichtlich vernachlässigten Kind in der Nachbarschaft an oder lieber doch bei der alten Frau, deren kleine Rente durch die Inflation nun endgültig aufgezehrt wird? Oder: Müsste ich nicht anstatt als abschätzig beäugter „Gutmensch“ herumzudilettieren durch gezieltes politisches Engagement für den großen Wandel sorgen? Am besten ich gründe erst einmal einen Arbeitskreis.

Ich sehe was, was du nicht siehst. Die Kirche an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert hat was gesehen, was ihr zuvor lange Jahrzehnte entgangen war: Das Elend der sogenannten kleinen Leute und insbesondere die unerträgliche Situation der Arbeiterschaft. Marx und Lasalle hatten schon längst darauf hingewiesen und Lösungen vorgeschlagen. Und nun reagiert sie, wenn auch sehr spät. Nicht zuletzt aus der berechtigten Furcht, immer mehr Gläubige, wie es der damalige Papst Leo XIII. formuliert hatte, „an den Sozialismus zu verlieren“.  Daher riefen die Bischöfe damals dazu auf, möglichst viele Vereine zu gründen, um das Los der Arbeiterbevölkerung zu verbessern. Und heute? Die KAB sieht die ersten Vorboten des sozialen Raureifs kommen, der sich auf unser Land legt und sie erlebt die sich langsam ausbreitende gesellschaftliche Kälte. Sie sieht die schnell wachsende Zahl der Menschen, die in prekären Verhältnissen arbeiten und leben müssen, sieht beengte Wohnverhältnisse und krankmachende Belastungen. Immer mehr Menschen brauchen mehrere Jobs, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Nach wie vor sehen dies viele politische Verantwortliche, aber es scheint so, dass sie nicht wirklich hinschauen.

Für die KAB aber ist Hinschauen, Urteilen und Handeln Pflicht – ansonsten bräuchte es sie nicht. Eine faszinierende Pflicht, denn „im Entdecken, im ‚Sehen’ von Menschen, die in unserem all­täglichen Gesichtskreis unsichtbar bleiben, beginnt die Sichtbarkeit Gottes unter uns, befinden wir uns auf der Spur Gottes.“ (J. B. Metz, Christliche Spiritualität in unserer Zeit, in: Gesammelte Schriften Band 7, Freiburg 2017, 19).

Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

Jesus, ein schlechter Arbeitgeber
Die KAB muss den Umgang Jesu mit den 72 Arbeitern (und ganz sicher auch Arbeiterinnen), die er zur Ernte schickt, aus mehreren Gründen scharf beanstanden. Das geht gar nicht! Jesus als Arbeitgeber setzt seine Belegschaft im Außendienst ganz bewusst einer Reihe von nicht hinnehmbaren Gefährdungen aus. Er verweigert ihnen die nötige Ausstattung für ihren Arbeitsauftrag, ja er verbietet ihnen sogar, sich selber das Nötigste dafür zu besorgen. Im gleichen Atemzug aber wird er nicht müde, die heiklen Umstände dieses Einsatzes (Wölfe!) zu betonen. Des Weiteren ordnet er als Chef an, dass sich seine Mitarbeiter für ihre eigene Versorgung einschließlich Übernachtung bei der Kundschaft sozusagen schadlos halten sollen. Damit noch nicht genug: von einer ausreichenden Vergütung und einem Mitspracherecht bei der Ausgestaltung der Arbeit ist erst gar nicht die Rede. Immerhin ist der Arbeitsauftrag im wahrsten Sinn des Wortes schriftlich hinterlegt und jederzeit aufrufbar, aber vertragsrechtliche Relevanz besitzt er nach unseren Maßstäben natürlich nicht.

Engagement ohne Vertrag
Vielleicht tröstet dieser zugegebenermaßen schräge Blick auf den Evangeliumstext dieses Sonntags all jene ein wenig, die heute in der Kirche mit der Verpflichtung bis zum 70. Lebensjahr unter Akzeptanz einiger „Besonderheiten im Privatleben“, einer hochgradigen Abhängigkeit von ihrem bischöflichen Arbeitgeber sowie mit einem theoretischen Anspruch auf einen freien Tag pro Woche, dafür aber an fast allen Wochenenden im Jahr für das Evangelium beschäftigt sind – und dies genauso wie die 72 Jünger und Jüngerinnen überwiegend ohne Arbeitsverträge und natürlich gewerkschaftliche Vertretung. Gemeint sind die Priester in der Pfarreipastoral und viele Hauptamtliche, denen mit Abstrichen ähnliches abverlangt wird.

Ob es nun die ersten Frauen und Männer im Kreis um Jesus sind, oder wie heute Priester und Ordensleute, Seelsorgerinnen uns Seelsorger, ja alle Menschen, die sich um des Evangeliums willen politisch, sozialethisch oder caritativ in ihrer Gesellschaft mit Herzblut engagieren: sie alle entdecken, dass es dabei nicht auf zuvor vertraglich Vereinbartes, nicht auf Ausstattung mit Hilfsmitteln und Risikomanagement für alle Eventualitäten ankommt. Die Motive für ihr Wirken sind allein ihr wirkliches Interesse am Menschen, eine entwaffnende Vorbehaltlosigkeit und ein leidenschaftsloser, fast schon selbstironischer Umgang mit den eigenen Bedürfnissen.

KAB, mitten im Leben?
Wie lässt sich das für die KAB übersetzen? Ganz naiv nachgefragt: Welches Interesse hat unser Verband an welchen Menschen? Im Sinne der heutigen Lesung (Jes 66,10-14c): Freuen wir uns mit den Frauen und Männern, den Kindern und Jugendlichen in unseren Städten und Dörfern? Auch wenn viele entsprechende Anlässe mit unserem Glauben und Weltbild herzlich wenig zu tun haben: wo sind wir als KAB erkennbar in unserer Mitfreude? Oder verschanzen wir uns sogar bei freudigen Anlässen in unseren noch vorhandenen Räumlichkeiten? Und umgekehrt: versuchen wir das, was uns als Verband froh stimmt, für unsere Umgebung zu übersetzen und laden wir zur Mitfreude ein? Ja es geht hier um die sehr anstrengende Bereitschaft zu Vorbehaltlosigkeit und kollektiver Empathie. Die zielführende Frage im Hintergrund lautet dabei nicht, „wer passt zu uns?“, sondern, „wer braucht uns und bekommen wir das noch mit?“. Sind wir in diesem Sinn ein Verband mitten im Dorf, im Stadtviertel, mitten Leben – oder im wahrsten Sinn des Wortes eine Randerscheinung? Wenn dem so ist, sollten wir wenigstens noch fragen, ob wir nicht den Menschen zumindest in ihren aktuellen Belastungen und in ihrer Bedrückung und Trauer nahe sind. Ganz schlicht gefragt: Was macht unsere KAB traurig? Sind wir lediglich davon erschüttert, dass wir immer weniger werden? Geht es um das Bedürfnis, dass im Verband irgendwann einmal „alles wieder wie früher“ wird und die KAB zur Speerspitze der in der Pfarrei Engagierten gehört, „Arbeiter für Hochwürden“ sozusagen? Sprechen wir deshalb beim Blick auf abnehmende Mitgliederzahlen im Tonfall der von emotionalen Worthülsen geprägten Betroffenheit, mit der der Vorsitzende der DBK alljährlich einen weiteren Rekord an Kirchenaustritten bekannt gibt? Hoffentlich berührt uns mehr, erheblich mehr als das! Sonst nämlich stimmt etwas nicht mit unserer Trauer. Sollten wir feststellen, dass wir vor allem über den Zerfall des Gewohnten traurig sind, ist es höchste Zeit für Veränderung. Denn Jesus hat die Jüngerinnen und Jünger nicht ausgesandt, um Gewohnheiten zu verkünden, sondern das Evangelium.

Empathie
Deshalb muss nun abschließend von der Schlüsselqualifikation der 72 Jüngerinnen und Jünger die Rede sein: es ist die Berührbarkeit. Für uns übersetzt: Die Fähigkeit zu handlungsbereitem Mitgefühl entscheidet über Sein oder Nichtsein der KAB. Die Menschen um uns herum müssen darauf vertrauen können, dass sie bei uns Empathie und Hilfe finden. Sie müssen sich auf unser Sehen, Urteilen und Handeln verlassen können! Wie viele Menschen fühlen sich in einer Arbeitswelt, die durch Corona, Teuerung und den Krieg in der Ukraine geprägt ist, existenziell unsicher und verlieren ihr Vertrauen in die bislang tragenden Strukturen! Wie viele Menschen werden mutlos und unsicher, weil ihnen das stetig wachsende Arbeitstempo und die Anforderungen des Alltags mehr abverlangen als sie geben können!

Die KAB muss in der Treue zur ihrer Ursprungsidee in diesen Zeiten den Betroffenen das tragende Gefühl geben, nicht allein zu sein: ein Verband wie der unsre kann und muss heute beweisen, was Jesus mit der Aussendung in Zweierteams zeigen wollte: Eine Gemeinschaft aus berührbaren Menschen trägt. Geht deshalb zusammen los! Traut euch selbst etwas zu, weil ihr zusammen seid! Habt Vertrauen! Und wo ihr nichts bewirken könnt, da gebt nicht auf, sondern geht weiter.

Stefan-B. Eirich, Präses der KAB Deutschlands

 

Können Sie sich noch an Ihren Berufswunsch als Kind erinnern? In einer Geschichten zu Johannes dem Täufer weiß bereits das Baby im Mutterleib, was es einmal werden will. Wenn er einmal groß ist, dann möchte Johannes unbedingt als Prophet arbeiten. Und um das zu unterstreichen, fängt er sofort damit an und bewegt sich munter, als Maria ihre mit ihm hochschwangere Cousine Elisabeth besucht, um ihr zu helfen. Tatsächlich geht er später als junger Mann seinen Berufswunsch mit aller Konsequenz und Begeisterung an. Aber dann wächst die Unsicherheit. Am Ende seines Lebens steht die Frage: „(Jesus,) bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“ Es ist genau dieser dramatisch ins Wort gebrachte Zweifel, der Johannes für uns zum Mann der Stunde macht. Denn vielen Menschen (nicht nur) in der KAB geht es zwar nicht mit Jesus selbst, wohl aber mit der Kirche Jesu ganz ähnlich. Ihre Frage lautet mit vergleichbarer Dramatik: kommt da noch etwas Verheißungsvolles? Ist es diese Kirche, von der ich noch etwa erwarten kann? Soll und kann ich mich weiterhin an sie halten?

Lassen Sie mich drei für Gründe nennen, die für mich als Bundespräses der KAB vorerst tragend sind und die vielleicht auch für Sie wichtig sein könnten. Erstens: ich bleibe, weil die Kirche mit der Gesellschaft einen kritischen Dialog führen muss. Die KAB bleibt gottlob nicht bei den rein innerkirchlichen Themen stehen. Sie verweist immer wieder auf die sozialpolitische Relevanz des Evangeliums und praktiziert diese auch. Sie ist sozusagen so etwas wie das soziale Gewissen der Kirche (oder zumindest ein Teil desselben) und betrachtet es deshalb als ihre Pflicht, lautstark für die Menschen im Prekariat, für die von Altersarmut Getroffenen und die Ausgebeuteten Stellung zu beziehen. Durch das konsequente Engagement der KAB für Gemeinwohl, Gerechtigkeit und Solidarität kann sich die Kirche neu auf einen wesentlichen Punkt ihrer ursprünglichen Identität als Gegenangebot in einer immer brutaleren Gesellschaft besinnen. Ich muss aber zugeben, dass es einen dabei zerreißen könnte zwischen einem sozial engagierten Handeln in Entsprechung zur Frohen Botschaft auf der einen und der Empfindungslosigkeit und himmelschreienden Selbstbeschaulichkeit auf der anderen, auf der Seite von nicht wenigen Leitungsverantwortlichen.

Ein zweiter Grund fürs Bleiben. In unserem Verband deuten sich die Züge einer Kirche der Zukunft an: in einem Verband ist es selbstverständlich, dass Frauen und Männer in den Vorständen um Vertrauen werben und argumentieren, auf die Expertise von Mitgliedern und Netzwerken bauen, sich beraten und auch korrigieren lassen. Teilhabe und Mitverantwortung muss es in diesem Sinn auch in der Kirche geben! Das ist die Vision gerade für ein neues Miteinander von (sogenannten!) Laien und Klerus. Ausdrücklich legen die Diözesansatzungen der KAB fest, dass die Mitglieder des Vorstands einschließlich des Präses Augenhöhe agieren. Mehr noch: der Präses (und mit ihm zusammen immer häufiger eine geistliche Leiterin) wird in einigen Diözesen bereits gewählt. Eine zukünftige Kirche ist zudem in kleinen, durchaus vom Kirchenraum unabhängigen liturgischen Feiern, im gemeinsamen Gebet, im religiösen Austausch und sozialen Handeln vieler KABlerinnen und KABler erahnbar. Sie pflegen eine besondere Spiritualität, die aus einem gewachsenen Glauben und den immer wieder neuen Blick in die Heilige Schrift lebt. Beides, eine sich wandelnde Struktur und eine Neubelebung des Glaubens von unten her, - das können wir nur in die Kirche hineintragen, wenn wir in ihr bleiben. Ich vertraue auf eine Erneuerung von innen her.

Vor allem aber bleibe ich, weil ich dankbar bin für meinen Glauben und Freude an meinem Glauben habe. „Freude am Glauben“ haben eben nicht nur jene erzkatholischen Kampfkreise, die diesen Begriff völlig zu Unrecht für sich vereinnahmt haben. Diesen Glauben habe ich der Kirche in meinem Leben zu verdanken. Ich hatte und habe das Glück, Kind von Eltern mit einer weltoffenen Spiritualität zu sein. Auch einige Lehrerinnen, Professoren, Kapläne, vor allem aber vermeintlich normal tickende Menschen haben mir unsere Kirche in ihrem Ideal- und Realzustand nähergebracht und mich gelehrt, Lust und Last mit ihr und in ihr zu ertragen.

Ja, unsere Zweifel haben durchaus die Qualität und die Heftigkeit der Fragen eines Johannes. Doch trotz der Krise am Ende seines Lebens ist der Täufer bis heute als der menschgewordene Hinweis auf Jesus präsent und ein Vorbild. Er konnte die mit Jesus angebrochene Wirklichkeit des Reiches Gottes nur erahnen. Gleiches gilt auch für uns: auch wir können die neue Gestalt der Kirche nur erahnen, erleben werden wir sie wohl nicht mehr. Aber wir wollen bleiben und zum Hinweis auf sie werden! Lassen Sie uns alles dafür tun, diese Ahnung als Sehnsucht in die Herzen derer zu bringen, die diese Kirche noch nicht aufgegeben haben und sie als Flamme in uns nähren.

Stefan-B. Eirich, Bundespräses der KAB Deutschlands

WIR Mischen uns ein
Kirchliches Arbeitsrecht

Arbeitsverhältnisse in der Kirche müssen einen Vorbildcharakter für menschenwürdige Bedingungen in der Arbeitswelt haben. Mindestens auf Grundlage der drei umfassenden Sozialprinzipien Personalität, Solidarität und Subsidiarität muss das Arbeitsrecht nicht nur einen hohen Anspruch an sich selbst formulieren, sondern diesen auch lückenlos einlösen. Hierbei sind Menschen mit unterschiedlichsten Aufgaben gefordert, in dienstlicher Gemeinschaft aktiv zu werden. Ein transparenter und ehrlicher Umgang von Mitarbeitenden und Leitungen auf Augenhöhe ist dafür die unabdingbare Voraussetzung.

Ein gesondertes kirchliches Arbeitsrecht wird nur dann seine Berechtigung erhalten, wenn es in der lebendigen Ausgestaltung die Verwirklichung der eigenen hohen Ansprüche beweist. Ein kirchliches Arbeitsrecht muss besser sein und damit Vorbild für die Gestaltung einer menschenwürdigen, fairen und gerechten Arbeitswelt werden.
Dazu auch unsere Pressemeldung

WIR ERINNERN!
Unsere Vorbilder

Prägende Personen und Figuren des Glaubens sind uns Vorbild, das Besondere, das Nachahmenswerte, das Inspirierende in Ihnen zu suchen und zu finden und so neue, persönliche Glaubenszugänge zu entdecken. In diesem Sinne wirken beispielsweise die Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus wie Nikolaus Groß, Bernhard Letterhaus und Otto Müller, um nur die bekanntesten zu nennen. Mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus begann die Zerschlagung der KAB. Die Vereine wurden nach 1933 zum Teil verboten und aufgelöst. Nur im Schutze der gemeindlichen Arbeit und durch eine Beschränkung auf rein religiöse Anliegen war es an einigen Stellen möglich, die Arbeit weiterzuführen.

Mitte der 1930er Jahre fanden im Kettelerhaus in Köln konspirative Treffen statt. Die Mitglieder dieser Treffen standen in Verbindung mit dem Widerstandskreis, der das Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 vorbereitete. Im Rahmen der sogenannten Aktion »Gewitter« wurden die meisten Mitglieder des Kreises im August 1944 von der Gestapo verhaftet und zunächst in der Deutzer Messe oder im EL-DE-Haus inhaftiert. Einige von ihnen, wie Nikolaus Groß und Bernhard Letterhaus, wurden nach einer Verurteilung durch den Volksgerichtshof hingerichtet, andere in Konzentrationslager verschleppt und dort ermordet.

Zahlreiche weitere Mitglieder waren dem nationalsozialistischen Terror ausgesetzt, wurden verhaftet und hingerichtet. Ihr Schicksal ist uns Mahnung, Inspiration und Kraftquelle.

Therese Studer

Therese Studer, die am 22. September vor 160 Jahren in Senden an der Iller geboren wurde, verlor früh ihre Mutter und musste als Achtjährige bereits für den eigenen Lebensunterhalt sorgen. Mit 14 Jahren wird sie Akkordarbeiterin in einer Zündholzfabrik in Altenstadt an der Iller. Zwischenzeitlich arbeitet sie als Dienstbotin, ohne geregelte Arbeitszeit, ohne sozialen Schutz. Als sie mit 22 Jahren in einer Spinnerei arbeitet, erlebt sie, wie die jungen Mädchen und Frauen ausgebeutet werden. Für sich nutzt sie die geregelten Arbeitszeiten, um sich zu bilden. „Mir kam der Gedanke, in einer Fabrik Arbeit zu nehmen, um die Freizeit für meinen Wunsch zu lernen dienstbar zu machen.“ Sie arbeitet 22 Jahre dort und wohnt in einem Arbeiterinnenwohnheim. Ihren Wunsch, Lehrerin zu werden, erreicht sie nicht. Dennoch ist sie stolz, dass sie als Arbeiterin mit zwölf Stunden am Tag im Akkord an der Maschine ihren Lebensunterhalt bestreiten kann.

Soziale Rechte der Arbeiterinnen

Beeinflusst und fasziniert von anderen Frauen, wie die Frauenrechtlerin Elisabeth Gnauck-Kühne, wird sie aktiv und setzt sich für die sozialen Rechte der Arbeiterinnen ein. Als sie im Sommer 1906 zu einer Versammlung in Aschaffenburg einlädt, kommen 159 Arbeiterinnen und erklären ihren Beitritt. Unter ihrer Führung wuchs der Arbeiterinnenverein auf 460 Mitglieder. Zwei Jahr später ist es der Verbandspräses Carl Walterbach, der sie überzeugt, Verbandssekretärin der süddeutschen Arbeiterinnenvereine zu werden. Am 21. Juni 1908 tritt sie ihr Amt an und ist somit die erste Arbeiterinnen-Sekretärin, oder wie sie liebevoll genannt wurde: „unsere Verbandsmutter“.

 

WIR geben Beistand
Betriebseelsorge

Die Betriebsseelsorge ist eine Einrichtung der Katholischen Kirche in Trägerschaft der KAB. Sie ist für alle Arbeitnehmer:innen da.

Wir gehen in Industriebetriebe, Dienstleistungsunternehmen und öffentliche Verwaltungen hinein, um zu wissen, was in der Arbeitswelt los ist und uns für die Belange der Arbeitenden gemeinsam mit ihnen einzusetzen. Dabei arbeiten wir eng mit den gewählten Betriebs- und Personalräten sowie Mitarbeitervertretungen zusammen, unterstützen ihre Arbeit und vernetzen uns mit den Gewerkschaften.

Wir stehen vorrangig an der Seite der abhängig Beschäftigten, besonders der Schwachen und Abgehängten im Wirtschaftsprozess. Unsere Unterstützung ist für alle offen, kostenfrei und vertraulich.